Eine Taufe, wechselnde Fragen
Wer sich als Zeuge Jehovas taufen lässt, beantwortet vor der eigentlichen Taufe zwei Fragen öffentlich mit „Ja“.
Dass diese Fragen keineswegs seit jeher gleich lauten, lässt sich anhand der eigenen Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas nachvollziehen.
Dabei ist bei historischen Vergleichen Vorsicht geboten. Deutsche und englische Ausgaben erschienen teilweise zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Deshalb werden im Folgenden nur Ausgaben und Wortlaute einander gegenübergestellt, die sich in den offiziellen Veröffentlichungen tatsächlich nachweisen lassen.
Auch beginnt die Geschichte solcher Fragen nicht erst in den 1940er Jahren. Ein eigener Rückblick des Wachtturms von 1964 dokumentiert beispielsweise zwei Fragen, die Charles Taze Russell bereits 1913 Täuflingen stellte.
Die folgende Übersicht konzentriert sich deshalb nicht auf die allerersten jemals gestellten Fragen, sondern auf ihre dokumentierte Entwicklung.
Quelle:
Der Wachtturm 1964: „Hast du dich Gott auf annehmbare Weise hingegeben?“
1. 1942, auf Deutsch 1944
Eine frühe, ausführlich dokumentierte Fassung der damaligen Tauffragen erschien im englischen Watchtower vom 1. Oktober 1942 auf den Seiten 300 bis 302. Der deutsche Text erschien nach Angaben des Wachtturms von 1964 im Oktober 1944 auf den Seiten 14 bis 16.
Der Wachtturm von 1964 gibt beide Fragen vollständig wieder.
Die erste beginnt:
„Glaubst du an Jehova Gott, den Vater […]“
Die zweite:
„Hast du daher deine Sünden Gott bekannt […]“
Inhaltlich geht es um Jehova Gott, Jesus Christus, Sünde, Rettung, Reinigung und die persönliche Weihung an Gott, um seinen Willen zu tun.
Für den späteren Vergleich ist entscheidend:
Weder die Watch Tower Society noch eine Zugehörigkeit zu einer Organisation werden in diesen beiden Fragen genannt.
Das bedeutet nicht, dass die Organisation damals keine Bedeutung hatte. Der Befund bezieht sich ausschließlich auf den Wortlaut der dokumentierten Fragen.
Quelle:
Der Wachtturm 1964 mit dem vollständigen Wortlaut der Fragen von 1942/1944
2. 1945: Die Fragen werden verändert
Der gleiche offizielle Rückblick dokumentiert eine weitere Entwicklungsstufe.
Demnach erschienen die Tauffragen im englischen Watchtower vom 1. Februar 1945 auf Seite 44 in einer
„etwas abgeänderten Form“
erneut.
Damit lässt sich sicher feststellen, dass die Fragen bereits damals nicht als unveränderlicher Wortlaut behandelt wurden.
Da die deutsche Quelle von 1964 zwar diese Änderung dokumentiert, den vollständigen Wortlaut der 1945er Fassung an dieser Stelle aber nicht wiedergibt, wird er hier nicht rekonstruiert.
Quelle:
Der Wachtturm 1964 mit dem Hinweis auf die Fassung von 1945
3. 1956: Sünde, Rettung, Hingabe und heiliger Geist
1956 findet sich erneut eine ausführlich dokumentierte Fassung der Tauffragen.
Die erste Frage behandelt die Erkenntnis, vor Jehova Gott ein Sünder zu sein und Rettung zu benötigen.
Die zweite Frage fragt, ob sich der Täufling Gott rückhaltlos hingegeben hat, um künftig seinen Willen zu tun, wie dieser durch Jesus Christus, die Bibel und die erleuchtende Kraft des heiligen Geistes offenbart wird.
Damit stehen in diesen Fragen insbesondere Jehova Gott, Jesus Christus, Rettung, persönliche Hingabe, die Bibel und der heilige Geist im Mittelpunkt.
Eine organisatorische Zugehörigkeit wird in den beiden Fragen nicht genannt.
Die entsprechende deutsche Veröffentlichung erschien unter dem Titel Warum man getauft werden muss.
Quellen:
Deutsch: „Warum man getauft werden muss“
Englisch: „Why One Must Be Baptized“
4. 1963: Die Struktur ist eindeutig dokumentiert
Besonders gut lässt sich der damalige Wortlaut anhand des deutschen Wachtturms vom 15. Juli 1963, Seiten 424 bis 429, nachvollziehen.
Dort wird zunächst ausdrücklich erklärt, dass die Täuflinge zwei Fragen beantworten sollen. Wer ihnen zustimmt, soll jede Frage laut mit „Ja“ beantworten.
Die erste Frage beginnt:
„Hast du erkannt, daß du vor Jehova Gott ein Sünder bist […]“
Die zweite lautet im entscheidenden Teil:
„Hast du dich […] Gott rückhaltlos hingegeben […]“
Anschließend wird erläutert, dass der Täufling fortan Gottes Willen tun will, wie dieser durch Jesus Christus, die Bibel und die erleuchtende Kraft des heiligen Geistes offenbart wird.
Damit ist die Struktur eindeutig:
Sünde, Rettung durch Gott und Christus, persönliche Hingabe, Jesus Christus, Bibel und heiliger Geist.
Bemerkenswert ist zugleich, dass der Artikel selbst durchaus von Jehovas Organisation spricht. Die Organisation war also keineswegs bedeutungslos. Sie erscheint nur nicht als Bestandteil der beiden öffentlichen Tauffragen.
Quelle:
„Die Taufe, ein notwendiger Schritt für Christen“, Der Wachtturm 1963
5. 1966: Die Grundstruktur bleibt erhalten
Auch eine englische Fassung von 1966 dokumentiert weiterhin dieselben grundlegenden Elemente.
Die Fragen behandeln den Menschen als Sünder, die Rettung durch Gott mittels Jesus Christus sowie die persönliche Hingabe an Gott. Auch der heilige Geist bleibt Bestandteil der zweiten Frage.
Eine ausdrückliche Erklärung, durch die Taufe einer Organisation anzugehören, findet sich in diesen Fragen nicht.
Quelle:
„Baptism Shows Faith“, The Watchtower 1966
6. 1970: Neue Formulierung, aber noch keine Organisationszugehörigkeit
1970 veröffentlichte der deutsche Wachtturm unter dem Titel Dein Gewissen vor Jehova erneut die Tauffragen.
Schon der Artikel selbst zeigt, dass die Organisation in der damaligen Tauflehre keineswegs ausgeblendet wurde. Er spricht ausdrücklich vom Sittenmaßstab der
„christlichen Organisation Jehovas“.
Entscheidend für unseren Vergleich ist jedoch nicht, ob die Organisation irgendwo im Artikel vorkommt, sondern was der Täufling in den beiden öffentlichen Fragen selbst bestätigt.
Diese Fragen behandeln weiterhin die Rettung durch Jehova Gott, Christus Jesus, die persönliche Hingabe, Gottes Wort und den heiligen Geist.
Eine ausdrückliche Erklärung des Täuflings, durch seine Taufe zu einer Organisation zu gehören, ist darin nicht enthalten.
Eine englische Fassung derselben Tauffragen erschien als Your Conscience Toward Jehovah im Watchtower vom 15. Mai 1970, Seiten 304 bis 310.
Quellen:
Deutsch: „Dein Gewissen vor Jehova“, Der Wachtturm 1970
Englisch: „Your Conscience Toward Jehovah“
7. 1973: Reue und Umkehr
1973 wurde die Formulierung erneut verändert.
Die erste Frage behandelt nun ausdrücklich Reue und Umkehr sowie das Bewusstsein, als Sünder Rettung durch Jehova Gott und Jesus Christus zu benötigen.
Die zweite Frage behandelt weiterhin die persönliche Hingabe an Jehova Gott und bezieht Jesus Christus, die Bibel und den heiligen Geist ein.
Auch diese beiden Fragen behandeln somit weiterhin Reue, Rettung und persönliche Hingabe an Gott. Eine ausdrückliche Zuordnung des Täuflings zu einer Organisation enthalten sie nicht.
Die deutsche Veröffentlichung erschien unter dem Titel Die Taufe erfolgt nach dem Jüngermachen. Die entsprechende englische Veröffentlichung trägt den Titel Baptizing Follows Discipling.
Quellen:
Deutsch: „Die Taufe erfolgt nach dem Jüngermachen“
Englisch: „Baptizing Follows Discipling“
8. 1985: Die Organisation wird Bestandteil der Tauffrage
1985 findet sich im Wortlaut der beiden öffentlichen Fragen eine entscheidende Veränderung.
Die erste Frage lautet:
„Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun?“
Die zweite Frage verbindet Hingabe und Taufe nun ausdrücklich mit der Identifikation als Zeuge Jehovas und der Verbindung zur
„vom Geist geleiteten Organisation Gottes“.
Die englische Fassung verwendet entsprechend die Bezeichnung
“God’s spirit-directed organization”.
Damit geschieht im Wortlaut der öffentlichen Tauffragen etwas qualitativ Neues:
Die Identifikation des Täuflings als Zeuge Jehovas wird ausdrücklich mit seiner Verbindung zu Gottes Organisation verknüpft.
Das ist der entscheidende Unterschied zu den zuvor betrachteten Fassungen.
Quellen:
Deutsch: „Sich Jehova durch die Hingabe unterwerfen“, Der Wachtturm 1985
Englisch: „Subjecting Ourselves to Jehovah by Dedication“
9. 1997: Die Organisationsformulierung besteht fort
Dass die 1985 verwendete Formulierung nicht nur kurzfristig bestand, zeigt Our Kingdom Ministry von 1997.
Dort wird die zweite Tauffrage erneut mit der Formulierung
“God’s spirit-directed organization”
wiedergegeben.
Damit ist belegt, dass die ausdrückliche Verbindung zwischen Taufe, Identifikation als Zeuge Jehovas und Gottes Organisation auch Jahre nach 1985 Bestandteil der Tauffrage blieb.
Quelle:
Our Kingdom Ministry 1997
10. Die heute verwendeten Fragen
Die Studienausgabe des Wachtturms vom März 2020 veröffentlicht unter der Überschrift „Zwei Fragen, die du am Tag deiner Taufe beantworten wirst“ die entsprechende Fassung.
Die erste Frage behandelt Reue, Hingabe an Jehova und die Annahme Jesu Christi als Gottes Mittel zur Rettung.
Die zweite lautet:
„Ist dir bewusst, dass deine Taufe dich als Zeugen Jehovas kennzeichnet und du damit zu Jehovas Organisation gehörst?“
Damit ergibt sich gegenüber 1985 ein bemerkenswerter Unterschied:
Die Organisation bleibt ausdrücklich Bestandteil der zweiten Tauffrage. Die Bezeichnung „vom Geist geleitet“ erscheint darin jedoch nicht mehr.
Aus der früheren Formulierung
„vom Geist geleiteten Organisation Gottes“
wurde
„Jehovas Organisation“.
Das lässt sich durch einen direkten Vergleich der beiden offiziellen Fassungen feststellen.
Quelle:
„Bist du bereit für die Taufe?“, Wachtturm Studienausgabe März 2020
11. Die Entwicklung auf einen Blick
| Zeitraum | Was die offiziellen Quellen dokumentieren |
|---|---|
| 1913 | Bereits unter Russell sind Fragen an Täuflinge dokumentiert |
| 1942, deutsch 1944 | Jehova, Christus, Sünde, Rettung, Reinigung und persönliche Weihung an Gott |
| 1945 | Fragen erscheinen laut Wachtturm in etwas abgeänderter Form |
| 1956 | Sünde, Rettung, Hingabe, Jesus Christus, Bibel und heiliger Geist |
| 1963 | dieselbe Grundstruktur ist im deutschen Wachtturm vollständig dokumentiert |
| 1966 | dieselben grundlegenden Elemente bleiben erhalten |
| 1970 | veränderter Wortlaut, weiterhin Jehova, Christus, Gottes Wort und heiliger Geist |
| 1973 | Reue und Umkehr werden ausdrücklich hervorgehoben |
| 1985 | Verbindung mit Gottes „vom Geist geleiteter Organisation“ wird Bestandteil der zweiten Frage |
| 1997 | Organisationsformulierung weiterhin dokumentiert |
| heutige Fassung | Zugehörigkeit zu „Jehovas Organisation“ bleibt Bestandteil der Frage, „vom Geist geleitet“ entfällt |
12. Und was ist mit Matthäus 28:19?
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.
Die Zeugen Jehovas lehren auch heute, dass die Taufe entsprechend Matthäus 28:19 im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes erfolgt.
Auch der Wachtturm vom März 2020 behandelt ausdrücklich, was es bedeutet, sich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes taufen zu lassen.
Deshalb wäre die Behauptung falsch, die Zeugen Jehovas hätten den heiligen Geist aus ihrer gesamten Tauftheologie entfernt.
Das haben sie nicht.
Der engere Befund ist jedoch eindeutig:
In den beiden öffentlich zu beantwortenden Tauffragen wird Jehovas Organisation ausdrücklich genannt. Der heilige Geist wird im Wortlaut dieser beiden Fragen nicht ausdrücklich genannt.
Das ist keine Aussage über die gesamte Tauftheologie der Zeugen Jehovas. Es ist eine Feststellung über den Wortlaut der beiden Fragen.
13. Was lässt sich daraus tatsächlich schließen?
Die historischen Wortlautänderungen sind anhand der eigenen Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas dokumentierbar.
Ihre Bedeutung ist davon zu unterscheiden.
Man kann argumentieren, dass die Organisation mit der Änderung lediglich deutlicher ausdrücken wollte, welcher Religionsgemeinschaft sich ein Täufling anschließt.
Man kann aber auch die theologische Frage stellen, warum die ausdrückliche Verbindung mit einer Organisation überhaupt Bestandteil einer Tauffrage wurde, nachdem die zuvor betrachteten Fassungen stattdessen Sünde, Rettung, Gott, Christus, persönliche Hingabe, Bibel und heiligen Geist in den Mittelpunkt der Fragen gestellt hatten.
Über das Motiv der Änderung sagen die hier herangezogenen Quellen nichts Sicheres aus.
Was sie dokumentieren, ist die Veränderung selbst.
Und diese ist deutlich genug.
Fazit: Die Fragen blieben nicht gleich
Die eigenen Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas zeigen, dass sich der Wortlaut ihrer Tauffragen im Laufe der Zeit mehrfach verändert hat.
In den hier untersuchten älteren Fassungen stehen insbesondere Sünde, Rettung, Jehova Gott, Jesus Christus, persönliche Hingabe, die Bibel und der heilige Geist im Mittelpunkt.
1985 wird erstmals innerhalb der hier dokumentierten Entwicklung in einer der öffentlichen Tauffragen die Identifikation als Zeuge Jehovas ausdrücklich mit der Verbindung zu Gottes „vom Geist geleiteter Organisation“ verknüpft.
In der heutigen Fassung bleibt die Organisation ausdrücklich genannt:
„[…] zu Jehovas Organisation gehörst“
Die Charakterisierung als „vom Geist geleitet“ erscheint in dieser Frage dagegen nicht mehr.
Gleichzeitig behandeln Jehovas Zeugen Vater, Sohn und heiligen Geist außerhalb dieser beiden Fragen weiterhin ausdrücklich als Bestandteil ihrer Tauftheologie.
Damit ist der historische Befund enger als manche Kritik behauptet, aber gerade deshalb belastbar:
Nicht die gesamte Tauftheologie wurde von Gott auf die Organisation verschoben. Aber die Organisation wurde im Laufe der Entwicklung ausdrücklich in den Wortlaut einer öffentlichen Tauffrage aufgenommen und ist dort bis heute geblieben.
Welche religiöse oder organisatorische Bedeutung man dieser Veränderung beimisst, kann jeder Leser selbst beurteilen.
Danke fürs Lesen und für deine Zeit und dein Interesse.
Quellenhinweis
Für die historischen Aussagen und Wachtturm-Zitate dieses Beitrags wurden ausschließlich Veröffentlichungen aus der offiziellen Watchtower Online Library und von JW.org herangezogen. Wo eine Quelle lediglich eine historische Veröffentlichung erwähnt, ohne deren vollständigen Wortlaut wiederzugeben, wurde kein fehlender Wortlaut rekonstruiert.
Zentrale Quellen:
Der Wachtturm 1964: Historischer Rückblick und Tauffragen von 1942/1944
Der Wachtturm 1963: „Die Taufe, ein notwendiger Schritt für Christen“
Der Wachtturm 1970: „Dein Gewissen vor Jehova“
Der Wachtturm 1973: „Die Taufe erfolgt nach dem Jüngermachen“
Der Wachtturm 1985: Tauffragen mit „vom Geist geleiteten Organisation Gottes“
Wachtturm Studienausgabe März 2020: „Bist du bereit für die Taufe?“
Rechtlicher Hinweis
Die kurzen Zitate aus Veröffentlichungen der Zeugen Jehovas dienen der historischen Dokumentation, dem Vergleich unterschiedlicher Fassungen und der kritischen Auseinandersetzung. Die jeweiligen Quellen sind unmittelbar angegeben. Die Verwendung erfolgt im Rahmen des Zitatrechts gemäß § 51 UrhG.


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