„Wir sind nicht homophob.“ Aber …

Liebe den Menschen, verachte seine Liebe – Homosexualität bei Jehovas Zeugen..

Zusammenfassung (1 Minute Lesezeit):

Jehovas Zeugen erklären heute ausdrücklich, dass die Bibel keinen Hass gegen Schwule und Lesben fördere. Niemand dürfe wegen seiner sexuellen Orientierung schlecht behandelt, gemobbt oder angegriffen werden.

Das ist richtig. Und es sollte selbstverständlich sein.

Nur erzählt es nicht die ganze Geschichte.

Denn dieselbe religiöse Organisation bezeichnete Homosexualität in ihrer eigenen Literatur als „Greuel“, veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel „Die Seuche der Homosexualität“, erklärte homosexuelles Verhalten zur „Abscheulichkeit“, verglich homosexuelle Neigungen argumentativ mit Wutausbrüchen und Alkoholismus und lehrte Jugendliche, sie sollten „homosexuelle Propaganda“ meiden und gegen „verkehrte Wünsche“ kämpfen.

Und das ist keineswegs nur Geschichte.

Kenneth Cook, Mitglied der Leitenden Körperschaft, bezeichnet die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehe als „corrupt view“ aus „Satan’s world“ und als Teil von „Satan’s attempt to ruin mankind“.

Im internen Ältestenhandbuch von 2025 wird Homosexualität unter „sexuelle Unmoral“ eingeordnet. Selbst die bekannte Homosexualität einer Person wird dort ausdrücklich Teil einer besonderen sexuellen Verdachtskonstellation.

Man kann lange darüber diskutieren, ob man all das Homophobie nennen darf.

Oder man lässt Jehovas Zeugen einfach selbst sprechen.

Ein Freund, der gegangen war – und trotzdem noch glaubte

Vor vielen Jahren traf ich einen alten Freund wieder. Wir kannten uns noch aus meiner Jugend bei den Zeugen Jehovas.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt längst draußen. Nach mehreren Jahren außerhalb meiner Heimatstadt war ich während meiner Bundeswehrzeit wieder zurückgekehrt. Die Religion spielte in meinem Leben kaum noch eine Rolle. Ich hatte mein eigenes Leben und die Welt der Wachtturm-Gesellschaft innerlich längst hinter mir gelassen.

Über soziale Medien fanden wir uns wieder und verabredeten uns auf ein Bier.

Auch er hatte die Zeugen Jehovas inzwischen verlassen.

Der Grund dafür hat sich mir bis heute eingeprägt:

Er war homosexuell.

Doch das eigentlich Erschütternde kam erst danach.

Er sagte mir, dass er im Grunde immer noch glaubte, dass die Zeugen Jehovas recht hätten.

Ich weiß noch, wie sehr mich das getroffen hat. Nicht, weil ich plötzlich etwas Neues über die halten von Zeugen Jehovas über Homosexualität erfahren hätte. Sondern weil mir zum ersten Mal wirklich bewusst wurde, was diese religiöse Lehre mit einem Menschen machen kann.

Er erzählte mir, wie schwer dieser Konflikt für ihn gewesen war. Schließlich hatte er sich in einen Mann außerhalb der Zeugen Jehovas verliebt und war gegangen.

Und trotzdem saß da vor mir ein Mann, der eine Religion verlassen hatte, weil das Leben, das diese Religion ihm erlaubte, mit seiner sexuellen Orientierung nicht vereinbar war – und der noch immer glaubte, dass nicht die Religion das Problem sei.

Sondern er selbst.

Das hat mir damals beinahe das Herz zerrissen.

Mein eigener Ausstieg erschien mir im Vergleich plötzlich fast einfach.

Jahre später traf ich ihn wieder. Heute hat er sich vollständig von diesen Glaubensvorstellungen gelöst und führt ein glückliches Leben.

Darüber bin ich bis heute froh.

Aber dieses erste Gespräch habe ich nie vergessen.

Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb mich eine scheinbar harmlose Behauptung der Zeugen Jehovas heute besonders wütend macht:

„Wir sind doch gar nicht homophob.“


Nein, nein. Homophob sind natürlich immer nur die anderen.

Beginnen wir fair.

In einem aktuellen Artikel auf jw.org wird ausdrücklich gefragt:

„Bedeutet das dann, dass die Bibel Hass gegen Schwule und Lesben fördert?“

Die Antwort:

„Auf keinen Fall!“

Weiter heißt es, es sei falsch, Homosexuelle schlecht zu behandeln, zu mobben oder sogar handgreiflich zu werden.

Quelle: jw.org, „Junge Leute fragen: Ist homosexuelles Verhalten verkehrt?“, Abschnitt „Bedeutet das dann …?“, abgerufen am 9. August 2026.

Das ist richtig.

Aber mal ernsthaft: Dass man andere Menschen nicht schlecht behandelt, mobbt oder schlägt, sollte keine bemerkenswerte moralische Leistung sein.

Das ist eine ausgesprochen niedrige Messlatte für die Frage, ob eine Lehre homosexuellenfeindlich wirkt.

Denn wenige Absätze später geht es um Menschen, die weiterhin homosexuelle Wünsche verspüren.

Dort werden diese als:

„falsche Neigungen und Wünsche“

bezeichnet.

Man könne lernen:

„ihnen zu widerstehen“.

Quelle: jw.org, „Junge Leute fragen: Ist homosexuelles Verhalten verkehrt?“, Abschnitt „Aber was, wenn …?“, abgerufen am 9. August 2026.

Das moderne Modell lautet also ungefähr:

Wir hassen dich nicht.

Wir mobben dich nicht.

Wir schlagen dich nicht.

Deine Wünsche sind lediglich falsch und du solltest ihnen möglichst dein ganzes Leben lang widerstehen.

Fortschritt?

Durchaus.

Aber die Messlatte liegt auch nicht besonders hoch.


Die entscheidende Frage ist nicht, ob Jehovas Zeugen „Hass“ predigen

Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Missverständnis.

Jehovas Zeugen können vollkommen aufrichtig erklären:

„Wir hassen homosexuelle Menschen nicht.“

Und trotzdem kann ihre Lehre homosexuellenfeindlich wirken.

Denn Homophobie beginnt nicht erst dort, wo jemand einen Schwulen beschimpft, eine Lesbe schlägt oder zur Gewalt aufruft.

Eine religiöse Gemeinschaft kann gleichzeitig verlangen, homosexuelle Menschen höflich zu behandeln, und ihnen dennoch vermitteln:

Deine Gefühle sind falsch.

Deine Beziehung ist falsch.

Deine Ehe ist falsch.

Wenn du diese Liebe lebst, missfällt das Gott.

Wenn du daran festhältst, wirst du Gottes Königreich nicht erben.

Und gesellschaftliche Akzeptanz dieser Liebe kann dann auch noch als „verdrehte Ansicht“, „homosexuelle Propaganda“ oder „corrupt view“ aus „Satan’s world“ bezeichnet werden.

Das ist der zentrale Widerspruch dieses Artikels:

Die Organisation lehnt den Hass auf homosexuelle Menschen ab – während sie gleichzeitig wesentliche Teile ihres Liebes- und Beziehungslebens moralisch abwertet.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Und genau deshalb reicht die Selbstauskunft:

„Wir sind nicht homophob“

als Antwort nicht aus.


Die Wörter ändern sich. Die Botschaft bleibt.

Wer nun denkt, ich würde die heutige Sprache der Zeugen Jehovas überinterpretieren, sollte einen Blick in ihre eigene Bibliothek werfen.

Denn dort lässt sich ziemlich gut verfolgen, wie diese Organisation über Jahrzehnte über Homosexualität gesprochen hat.

Und manches davon muss man tatsächlich zweimal lesen.


1970: ein „Greuel“

Im Wachtturm vom 1. September 1970 erschien der Artikel:

„Die Ausbreitung der Homosexualität“

Dort heißt es:

„Die Homosexualität ist in den Augen Jehovas und in den Augen sittlich hochstehender Menschen ein Greuel.“

Quelle: Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich, 1. September 1970, „Die Ausbreitung der Homosexualität“, S. 534–536.

Nicht lediglich:

Unsere Religion sieht homosexuelle Handlungen anders.

Nein.

Ein „Greuel“.

Und offenbar nicht nur für Jehova, sondern auch für:

„sittlich hochstehende Menschen“.

Die rhetorische Botschaft ist schwer zu übersehen.

Wer Homosexualität nicht für einen „Greuel“ hält, darf offenbar darüber nachdenken, ob er noch zu den „sittlich hochstehenden Menschen“ gehört.


„Hüte dich vor der Gefahr der Homosexualität“

Unmittelbar danach erschien ein weiterer Artikel.

Sein Titel:

„Hüte dich vor der Gefahr der Homosexualität“

Darin heißt es:

„Zweifellos verabscheuen die meisten Jugendlichen die Homosexualität …“

Und unter der Zwischenüberschrift:

„Sich davon loskämpfen“

wird erklärt:

„Viele Homosexuelle behaupten, sie könnten sich nicht ändern. Aber viele Mediziner bezeugen, daß ein Homosexueller das kann, wenn er wirklich will.“

Noch deutlicher wird es wenig später. Der homosexuelle Mensch müsse sich sagen, dass sein sexuelles Begehren:

„verwerflich“

sei.

Quelle: Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich, 1. September 1970, „Hüte dich vor der Gefahr der Homosexualität“, S. 537–539.

Heute wissen wir, dass sexuelle Orientierung nicht dadurch verschwindet, dass jemand nur fest genug will.

Aber der historische Irrtum ist nicht einmal das eigentlich Erschütternde.

Interessanter ist, welches Selbstbild einem homosexuellen jungen Menschen hier vermittelt wurde:

Dein Begehren ist nicht einfach anders.

Es ist verwerflich.

Du musst dich davon loskämpfen.

Und andere Jugendliche verabscheuen es selbstverständlich.

Was macht eine solche Botschaft mit einem Jungen, der gerade feststellt, dass diese angebliche „Gefahr“ in ihm selbst steckt?

Eine Religion, die einem jungen Menschen beibringt, einen Teil seiner eigenen Persönlichkeit als verwerflich zu betrachten und lebenslang dagegen anzukämpfen, kann ihn in einen inneren Krieg gegen sich selbst treiben.

Und genau diese Botschaft findet sich in der Literatur über Jahrzehnte hinweg.


1984: „Die Seuche der Homosexualität“

Vierzehn Jahre später wurde es nicht wesentlich freundlicher.

Erwachet! veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel:

„Die Seuche der Homosexualität“

Ja.

Seuche.

Quelle: Erwachet!, 1984, „Die Seuche der Homosexualität“, S. 4 ff.

Im Artikel wird die Aussage eines Psychiaters angeführt, Homosexualität breite sich:

„wie eine Seuche“

aus.

Später heißt es, homosexuelle Neigungen könnten:

„beherrscht und sogar überwunden werden“

und als Teil der alten Persönlichkeit abgestreift werden.

Man muss an dieser Stelle fast nichts kommentieren.

Eine Organisation, die eine sexuelle Orientierung bereits in der Überschrift mit einer Seuche verbindet, liefert den Kommentar im Grunde selbst.

Heute würde man einen solchen Titel vermutlich nicht mehr veröffentlichen.

Das ist erfreulich.

Aber genau hier muss man historisch fair bleiben.


Auch die Gesellschaft dachte früher anders

Wer alte Wachtturm-Texte aus den 1970er- und 1980er-Jahren liest, sollte nicht so tun, als seien Jehovas Zeugen damals die einzigen Menschen gewesen, die Homosexualität ablehnten.

Das waren sie nicht.

Homosexualität war über lange Zeit gesellschaftlich massiv stigmatisiert. Homosexuelle Handlungen waren in vielen Ländern strafbar. Auch Medizin und Psychiatrie betrachteten Homosexualität lange als behandlungsbedürftige Störung.

Gerade in den 1970er- und 1980er-Jahren begann sich diese Sicht jedoch grundlegend zu verändern.

1973 strich die American Psychiatric Association Homosexualität als eigenständige psychische Störung aus dem DSM.

1990 folgte auf internationaler Ebene die Weltgesundheitsorganisation WHO und strich Homosexualität aus ihrer Klassifikation psychischer Erkrankungen.

Der medizinische und psychologische Mainstream verabschiedete sich damit zunehmend von der Vorstellung, Homosexualität sei eine Krankheit oder Störung, die geheilt werden müsse.

Auch gesellschaftlich verlief dieser Wandel nicht über Nacht. Die Akzeptanz homosexueller Menschen entwickelte sich über Jahrzehnte, und gerade während der AIDS-Krise der 1980er-Jahre war massive Stigmatisierung weiterhin Realität.

Deshalb lautet mein Vorwurf auch nicht:

Wie konnten Jehovas Zeugen 1970 nur solche Ansichten haben?

Sie waren damit Kinder ihrer Zeit.

Die interessantere Frage lautet:

Was geschah, nachdem Wissenschaft und Gesellschaft es besser wussten?

Denn auch bei der Wachtturm-Gesellschaft änderte sich in den folgenden Jahrzehnten etwas.

Vor allem die Sprache.

Aus „Greuel“ und „Seuche“ wurden später „verkehrte Neigung“, „falsche Wünsche“ und „homosexuelle Propaganda“.

Der Ton wurde moderner. Der Kern der Lehre blieb erstaunlich stabil.

Das Problem ist also nicht, dass Jehovas Zeugen 1970 Kinder ihrer Zeit waren.

Das Problem ist, wie viel von 1970 sie mitgenommen haben.


Worte sind nicht harmlos

Vielleicht erscheint es nebensächlich, ob eine Religion von einem „Greuel“, einer „Seuche“, einer „verkehrten Neigung“ oder von „falschen Wünschen“ spricht.

Es sind schließlich nur Wörter.

Aber Menschen denken über sich selbst auch in den Begriffen, die ihre Umgebung ihnen zur Verfügung stellt.

Stellen wir uns deshalb für einen Moment keinen erwachsenen Kritiker vor, der heute einen alten Wachtturm-Artikel liest.

Stellen wir uns einen 13-jährigen Jungen vor.

Er wächst bei Zeugen Jehovas auf.

Er glaubt, dass diese Organisation von Gott geführt wird.

Er glaubt, dass sein ewiges Leben davon abhängt, Jehova zu gefallen.

Und langsam merkt er:

Ich finde Jungen attraktiv.

Nun begegnen ihm Begriffe wie:

Greuel.

Widernatürlich.

Verkehrte Neigung.

Falsche Wünsche.

Homosexuelle Propaganda.

Verdrehte Ansicht.

Später hört er ein Mitglied der Leitenden Körperschaft erklären, die gleichgeschlechtliche Ehe sei eine „corrupt view“ aus „Satan’s world“.

Was soll dieser Junge daraus über sich selbst lernen?

Vielleicht nicht:

Ich bin ein wertvoller Mensch, der zufällig Jungen liebt.

Sondern:

Mit mir stimmt etwas nicht.

Meine Gefühle sind falsch.

Ich muss sie verstecken.

Ich muss dagegen kämpfen.

Wenn ich ihnen nachgebe, enttäusche ich Gott.

Und genau deshalb ist Sprache nicht bloß Verpackung.

Sprache kann zum inneren Monolog eines Menschen werden.

Mein alter Freund ist dafür für mich bis heute das eindrücklichste Beispiel.

Er hatte die Organisation verlassen.

Aber die Organisation hatte seinen Kopf noch nicht verlassen.


1989: „widernatürlich“

Bleiben wir zunächst in der Geschichte.

1989 erschien in Erwachet! der Artikel:

„Homosexualität – Warum nicht?“

Die Antwort fällt eindeutig aus.

Homosexualität beziehungsweise homosexuelles Verhalten wird unter anderem als:

„schändlich“

„unzüchtig“

„nicht geziemend“

und:

„widernatürlich“

bezeichnet.

In dem Artikel findet sich sogar die Formulierung:

„Homosexualität ist in Gottes Augen abscheulich.“

Quelle: Erwachet!, 8. Juli 1989, „Homosexualität – Warum nicht?“, S. 26–27.

Eine Zwischenüberschrift lautet:

„Schlechte Früchte“

Darunter werden homosexuelle Lebensweisen mit Promiskuität, Krankheiten und psychischen Problemen verknüpft.

Viele der damals verwendeten medizinischen und psychologischen Vorstellungen sind heute überholt.

Aber auch hier bleibt die entscheidende Frage:

Was lernt ein homosexueller Jugendlicher, wenn seine Religion Homosexualität und gleichgeschlechtliches Begehren mit Begriffen wie:

abscheulich

widernatürlich

unzüchtig

und:

schlechte Früchte

verbindet?


2007: immer noch „verkehrt“

Nun könnte man sagen:

Das waren eben die Siebziger und Achtziger.

Andere Zeit.

Andere Sprache.

Gut.

Springen wir ins Jahr 2007.

In Erwachet! erscheint:

„Wie kann ich homosexuelle Handlungen vermeiden?“

Ein junger Mann wird dort zitiert:

„Als Jugendlicher machte es mir zu schaffen, dass ich mich zu Männern hingezogen fühlte. Tief im Innern wusste ich, dass solche Gedanken verkehrt waren.“

Quelle: Erwachet!, Februar 2007, „Junge Leute fragen sich: Wie kann ich homosexuelle Handlungen vermeiden?“, S. 28.

Die Publikation erklärt anschließend über gleichgeschlechtliche Gefühle:

„Wie Statistiken belegen, geht so eine Neigung gewöhnlich mit der Zeit vorbei.“

Und wer weiterhin homosexuelle Gefühle verspürt, könne sich:

„vornehmen, dieser Neigung nicht nachzugeben“.

Quelle: Erwachet!, Februar 2007, S. 29.

Dann folgt erneut ein Vergleich mit einem Menschen, der:

„zur Wut neigt“.

Das Muster kennen wir inzwischen.

Homosexuelles Begehren wird argumentativ neben eine Neigung gestellt, die kontrolliert werden müsse, weil ihr Nachgeben schädlich sei.

Auf Seite 30 wird es noch deutlicher:

„Jehova kann dich […] stärken, sodass du einer verkehrten Neigung widerstehen kannst.“

Außerdem:

„Meide Pornografie und alles, was sonst noch Homosexualität fördert.“

Filme und Fernsehsendungen würden Homosexualität:

„nur als alternativen Lebensstil“

„propagieren“.

Quelle: Erwachet!, Februar 2007, „Wie kann ich homosexuelle Handlungen vermeiden?“, S. 30.

Wir befinden uns hier im Jahr 2007.

34 Jahre nachdem die American Psychiatric Association Homosexualität aus ihrem Diagnosehandbuch gestrichen hatte.

Also nein.

Das war nicht nur 1970.


2012: Homosexualität und Alkoholismus

Einige Jahre später erscheint in Erwachet!:

„Homosexuelles Verhalten: Ist es zu rechtfertigen?“

Der Artikel beginnt ausgesprochen geschickt:

„Vorurteile sind mit der Bibel nicht zu stützen.“

Sehr schön.

Dann erfahren wir, homosexuelle Handlungen seien für Gott:

„eine Abscheulichkeit“

und würden als:

„widernatürlich“

und:

„unzüchtig“

beschrieben.

Quelle: Erwachet!, Januar 2012, „Homosexuelles Verhalten: Ist es zu rechtfertigen?“, S. 28.

Dann geht es um die Frage, ob Gene, Umwelt oder traumatische Erfahrungen homosexuelle Neigungen erklären könnten.

Um darauf zu antworten, wählt die Publikation einen interessanten Vergleich.

Alkoholismus.

Ein Mensch könne möglicherweise erblich zum Alkoholismus neigen. Trotzdem würde man ihm schließlich auch nicht empfehlen, einfach weiterzutrinken.

Anschließend heißt es:

„Die Bibel verurteilt niemand, der gegen einen Hang zur Homosexualität ankämpft. Doch sie billigt es nicht, dem Hang nachzugeben …“

Quelle: Erwachet!, Januar 2012, S. 29.

Man muss diesen Vergleich einmal wirken lassen.

Ein homosexueller Mensch fragt:

Was, wenn diese Orientierung einfach zu mir gehört?

Und als pädagogisches Vergleichsmodell dient ein Mensch mit einem Hang zum Alkoholismus.

Aber – auch hier wird ausdrücklich versichert:

„Die Bibel missbilligt zwar homosexuelle Handlungen, fordert aber nicht dazu auf, Homosexuelle zu hassen.“

Da ist sie wieder.

Diese bemerkenswerte Kombination aus:

Wir hassen dich nicht.

und:

Deine Liebe vergleichen wir aber mit einem Hang zum Alkohol.


„Homosexuelle Propaganda“

Noch deutlicher wird es in Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2.

Das Kapitel trägt den Titel:

„Was, wenn ich homosexuelle Gefühle habe?“

Ein Jugendlicher wird mit den Worten zitiert:

„Tief im Innern wusste ich, dass das nicht normal war.“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28, S. 231.

Auf der folgenden Seite heißt es:

„Solche Neigungen geben sich gewöhnlich mit der Zeit.“

und:

„Jetzt ist erst mal wichtig, dass du dich nicht in homosexuelle Handlungen hineinziehen lässt.“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28, S. 232.

Und dann kommt Seite 233.

Dort steht tatsächlich:

„Meide Pornografie und homosexuelle Propaganda.“

Wenige Zeilen später heißt es:

„Jugendliche stehen vor einer Wahl – entweder sie übernehmen die heutige verdrehte Ansicht über Sexualität oder sie orientieren sich an der hohen biblischen Moral.“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28, S. 233.

Pornografie.

„Homosexuelle Propaganda.“

„Verdrehte Ansicht.“

Zur Erinnerung:

Jehovas Zeugen sind natürlich nicht homosexuellenfeindlich.

Das sagen sie schließlich selbst.


„Was, wenn meine Gefühle einfach nicht weggehen?“

Dann stellt die Publikation die entscheidende Frage:

„Was, wenn deine homosexuellen Gefühle einfach nicht weggehen?“

Die Antwort:

„Gib ihnen nicht nach!“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28, S. 234.

Wieder folgt der Vergleich mit einem Menschen, der zu Wutausbrüchen neigt.

Und erneut ist von einem:

„verkehrten Verlangen“

die Rede.

Aber der für mich erschütterndste Abschnitt kommt erst danach.

Ein homosexueller junger Mann sagt:

„Ich hab versucht, etwas gegen meine Gefühle zu tun. Ich hab zu Jehova gebetet. Ich hab in der Bibel gelesen. Ich hab mir Vorträge zu dem Thema angehört. Was soll ich denn noch machen?“

Die Antwort:

„Leider gibt es kein Patentrezept.“

Und:

„Jeder, der Gott gefallen möchte, muss sich an seine Gebote halten und darf nichts Unmoralisches tun – auch wenn das eine große Härte bedeutet.“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28, S. 235.

Auf der nächsten Seite heißt es:

„Vertrau also auf Gott und kämpfe gegen verkehrte Wünsche an.“

Und schließlich:

„Wenn du zu homosexuellen Handlungen Nein sagst, hast du die Aussicht, ewig in einer gerechten neuen Welt zu leben.“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28, S. 236.

Da ist die Lehre in ihrer ganzen Konsequenz.

Dein Wunsch ist verkehrt.

Kämpfe dagegen.

Wenn er nicht verschwindet:

Kämpfe weiter.

Wenn dieser Kampf dein Leben zu einer „großen Härte“ macht:

Kämpfe trotzdem weiter.

Und wenn du durchhältst?

Dann wartet das ewige Leben.

Heute verstehe ich besser, was mein alter Freund damals mit sich herumgetragen haben muss.

Er hatte die Organisation verlassen.

Aber die Organisation hatte seinen Kopf noch nicht verlassen.


Was kann eine solche Ablehnung mit Menschen machen?

An dieser Stelle muss man wissenschaftlich sauber bleiben.

Es gibt keine Grundlage für die pauschale Aussage:

„Jehovas Zeugen machen homosexuelle Menschen psychisch krank.“

Eine solche Behauptung wäre unseriös.

Sehr gut untersucht ist allerdings etwas anderes:

Was Zurückweisung, Stigmatisierung und das Verbergen der eigenen sexuellen Orientierung mit lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen machen können.

Eine viel zitierte Studie von Caitlin Ryan und Kollegen untersuchte 224 lesbische, schwule und bisexuelle junge Erwachsene im Alter von 21 bis 25 Jahren.

Personen, die während ihrer Jugend ein hohes Maß familiärer Zurückweisung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erlebt hatten, hatten im Vergleich zu Personen mit geringer oder keiner Zurückweisung unter anderem 8,4-fach höhere Odds, einen Suizidversuch berichtet zu haben, sowie 5,9-fach höhere Odds für ein hohes Maß depressiver Symptome.

Quelle: Caitlin Ryan, David Huebner, Rafael M. Diaz, Jorge Sanchez: „Family Rejection as a Predictor of Negative Health Outcomes in White and Latino Lesbian, Gay, and Bisexual Young Adults“, Pediatrics, 2009, 123(1), S. 346–352, DOI: 10.1542/peds.2007-3524.

Wichtig:

Diese Untersuchung wurde nicht unter Zeugen Jehovas durchgeführt.

Sie beweist also nicht, dass die Wachtturm-Lehre einen bestimmten Menschen depressiv macht oder einen Suizidversuch verursacht.

Aber sie zeigt sehr deutlich:

Zurückweisung aufgrund sexueller Orientierung ist psychologisch nicht belanglos.

Eine große Meta-Analyse von John Pachankis und Kollegen wertete 193 Studien mit insgesamt mehr als 92.000 Personen aus.

Auch dort zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem Verbergen der sexuellen Orientierung und sogenannten internalisierenden psychischen Problemen, darunter Depressionen und Angst.

Quelle: John E. Pachankis, Conor P. Mahon, Skyler D. Jackson, Benjamin K. Fetzner, Richard Bränström: „Sexual Orientation Concealment and Mental Health: A Conceptual and Meta-Analytic Review“, Psychological Bulletin, 2020, 146(10), S. 831–871, DOI: 10.1037/bul0000271.

Auch daraus folgt nicht:

Zeugen Jehovas = psychische Erkrankung.

So funktioniert Wissenschaft nicht.

Aber nun stellen wir diese Forschung neben das, was homosexuelle Jugendliche bei Jehovas Zeugen tatsächlich lesen:

„Gib ihnen nicht nach!“

„kämpfe gegen verkehrte Wünsche“

„Meide […] homosexuelle Propaganda“

und:

selbst wenn das „eine große Härte bedeutet“.

Dann ist zumindest eine Frage mehr als berechtigt:

Was glaubt eine Organisation eigentlich, was jahrzehntelanger innerer Kampf gegen die eigene Sexualität mit einem Menschen macht?


Der kleine Unterschied zwischen heterosexuell und homosexuell

An dieser Stelle kommt regelmäßig das Argument:

„Heterosexuelle Zeugen dürfen außerhalb der Ehe doch auch keinen Sex haben.“

Stimmt.

Nur gibt es einen kleinen Unterschied.

Ein heterosexueller Zeuge darf sich verlieben.

Er darf eine Partnerin finden.

Er darf heiraten.

Er darf mit ihr zusammenleben.

Er darf Sexualität erleben.

Er darf eine Familie gründen.

Er darf mit dem Menschen, den er liebt, alt werden.

Der homosexuelle Zeuge darf sich ebenfalls verlieben.

Das ist dann allerdings das Problem.

Für ihn existiert innerhalb dieses Systems kein erlaubter Weg von Liebe zu Partnerschaft und Ehe.

Keine gleichgeschlechtliche Partnerschaft.

Keine gleichgeschlechtliche Ehe.

Keine Sexualität mit dem Menschen, den er liebt.

Und wenn seine Gefühle bleiben?

„Gib ihnen nicht nach!“

Dem heterosexuellen Zeugen wird gesagt:

Warte.

Dem homosexuellen Zeugen wird gesagt:

Verzichte.

Das ist nicht dasselbe.

Der heterosexuelle Jugendliche darf hoffen:

Vielleicht verliebe ich mich.

Vielleicht heirate ich.

Vielleicht habe ich irgendwann Sex mit dem Menschen, den ich liebe.

Vielleicht gründen wir eine Familie.

Der homosexuelle Jugendliche darf ebenfalls hoffen.

Nur darf sich diese Hoffnung innerhalb der Glaubensordnung niemals erfüllen.

Wenn er sich verliebt:

Verzichte.

Wenn er einen Partner findet:

Verzichte.

Wenn beide sich lieben:

Verzichte.

Wenn seine Gefühle mit 20 noch da sind:

Kämpfe.

Mit 30:

Kämpfe.

Mit 50:

Kämpfe.

Mit 70:

Kämpfe.

Denn die Organisation bietet ihm keinen erlaubten Endpunkt.

Für den einen ist Enthaltsamkeit ein Lebensabschnitt. Für den anderen soll sie ein Lebensmodell sein.

Und anschließend zu erklären, für beide gelte schließlich derselbe Sexualstandard, besitzt tatsächlich eine gewisse formale Logik.

Mit Gleichbehandlung hat sie trotzdem wenig zu tun.


Dann spricht Kenneth Cook

Man könnte noch immer versuchen, all dies als alte oder unglücklich formulierte Literatur abzutun.

Dann sollte man Kenneth Cook zuhören.

Cook ist Mitglied der Leitenden Körperschaft.

Er ist also nicht irgendein Ältester, dessen private Meinung man anschließend bedauernd relativieren könnte.

In seiner Rede beschreibt Cook eine Gesellschaft, die zunehmend korrumpiert werde.

Als Beispiele nennt er nationalistische Kriege, Rassenhass und Abtreibung.

Dann:

„Wir sehen es in ihrer sogenannten Homo-Ehe, wir sehen es in der Verwischung der Geschlechterrollen, die die Welt fördert.“

Quelle: Kenneth Cook, Mitglied der Leitenden Körperschaft, JW-Broadcasting-Vortrag, Zeitmarke 6:38–6:46, Wortlaut nach dem vorliegenden Video-Transkript.

Die „sogenannte Homo-Ehe“ steht damit in einer Aufzählung gesellschaftlicher Verderbnis.

Cook ist noch nicht fertig.

Nach einem Verweis auf 5. Mose 22:5 fragt er:

„Wenn der Schöpfer schon so über den Kleiderwechsel denkt, wie viel verabscheuungswürdiger muss er dann erst die Welt finden?“

Quelle: Kenneth Cook, JW-Broadcasting-Vortrag, Zeitmarke 7:09–7:24.

Dann kommt die entscheidende Passage im englischen Original:

„Satan’s world now says that marriage can be between two men or two women.“

Die Förderung dieser Auffassung nennt Cook:

„corrupt view“

und erklärt, sie sei Teil von:

„Satan’s attempt to ruin mankind“

also Satans Versuch, die Menschheit zu verderben und sie für Jehova:

„abhorrent“

zu machen.

Quelle: Kenneth Cook, JW-Broadcasting-Vortrag, Zeitmarke 9:07–9:33, englischer Originalton im vorliegenden Video-Transkript.

Lassen wir das einfach einmal stehen.

Eine Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen wird verbunden mit:

„Satans Welt“

einer:

„korrupten Ansicht“

und:

Satans Versuch, die Menschheit zu verderben.

Aber natürlich handelt es sich dabei nicht um Homophobie.

Wie könnte man nur auf diese vollkommen absurde Idee kommen?


Erst Satan – dann „freundlich und respektvoll“

Besonders bemerkenswert wird es einige Minuten später.

Nachdem gleichgeschlechtliche Ehe mit Satan und Verderbnis verbunden wurde, erklärt Cook:

„Wir sollten anderen freundlich und respektvoll helfen, Jehovas Sichtweise zu verstehen, solange noch Zeit ist.“

Quelle: Kenneth Cook, JW-Broadcasting-Vortrag, Zeitmarke 24:05–24:14.

Da ist sie wieder.

Diese eigentümliche Vorstellung, eine Botschaft werde automatisch respektvoll, wenn man sie nur freundlich vorträgt.

Man erklärt zwei Männern freundlich, ihre Ehe gehöre zu einer „korrupten Ansicht“.

Man erklärt zwei Frauen respektvoll, die Anerkennung ihrer Beziehung sei Teil von Satans Versuch, die Menschheit zu verderben.

Und anschließend soll niemand das bitte als homosexuellenfeindlich missverstehen.

Wenn mir jemand freundlich erklärt, meine Ehe sei Bestandteil eines satanischen Verderbnisprogramms, wird die Aussage nicht dadurch respektvoll, dass er anschließend „einen schönen Tag noch“ sagt.


Und bitte die Kinder schützen

Cook richtet sich anschließend ausdrücklich an Eltern.

Sie sollen ihre Kinder vor Satans Versuchen schützen:

ihren „Verstand und ihr Herz zu verderben“

durch:

„unmoralische Gedanken und falsche Schlussfolgerungen“.

Quelle: Kenneth Cook, JW-Broadcasting-Vortrag, Zeitmarke 24:21–24:37.

Und hier schließt sich der Kreis.

Ein homosexuelles Kind kann in einer Welt aufwachsen, in der es lernt:

Seine Wünsche seien „verkehrt“.

Homosexuelle Sichtbarkeit könne „Propaganda“ sein.

Die gesellschaftliche Akzeptanz seiner Orientierung sei „verdreht“.

Gleichgeschlechtliche Ehe gehöre zu einer „korrupten Ansicht“.

„Satans Welt“ stecke dahinter.

Eltern müssten Kinder vor entsprechenden „unmoralischen Gedanken“ schützen.

Und irgendwann stellt genau dieses Kind fest:

Ich bin selbst homosexuell.

Was soll es dann glauben?

Jehova liebt mich – aber mit mir stimmt etwas nicht.

Meine Wünsche sind falsch.

Vielleicht beeinflusst Satan meine Gedanken.

Meine zukünftige Partnerschaft wäre falsch.

Meine Ehe wäre falsch.

Und die Vorstellung, dass mit mir vielleicht überhaupt nichts verkehrt ist, gehört aus Sicht meiner Religion zur „verdrehten“ Welt.

Und wenn dieser Konflikt unerträglich wird?

Dann soll ich eben weiterkämpfen.

Auch wenn es:

„eine große Härte“

bedeutet.

Man muss kein Psychologe sein, um zumindest die Frage zu stellen, was eine solche Botschaft mit einem jungen Menschen machen kann.

Cook hat also in einem Punkt recht: Eltern sollten ihre Kinder schützen. Ich würde nur sehr grundsätzlich widersprechen, wovor.

Ich denke, Eltern sollten ihre Kinder tatsächlich schützen – vor einer Lehre, die einem homosexuellen Kind vermittelt, mit einem wesentlichen Teil seiner eigenen Persönlichkeit stimme etwas nicht.


Aus einer Meinung wird ein System

Bis hierhin könnte man noch sagen:

Gut, dann haben Jehovas Zeugen eben eine konservative Sexualmoral.

Jeder darf schließlich glauben, was er möchte.

Natürlich.

Nur endet die Sache bei Jehovas Zeugen nicht bei einer persönlichen theologischen Meinung.

Die moralische Bewertung wird institutionell organisiert.

Sie wird Kindern beigebracht.

Sie wird in Publikationen wiederholt.

Sie wird in Vorträgen der Leitenden Körperschaft theologisch begründet.

Sie bestimmt, welche Partnerschaften erlaubt sind.

Sie entscheidet darüber, welches Sexualleben als moralisch gilt.

Und wenn ein Mitglied diese Grenzen überschreitet und nicht bereit ist, sein Verhalten zu ändern, kann daraus eine Angelegenheit für die Ältesten und schließlich für die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft werden.

Genau hier wird aus „Wir haben eben eine andere Meinung über Sexualität“ eine soziale Realität.

Denn ein homosexueller Zeuge kann nicht einfach sagen:

„Ich respektiere eure Auffassung. Ich sehe das anders und lebe mit meinem Partner.“

Innerhalb des Systems gibt es diesen friedlichen Mittelweg nicht.

Er kann seine homosexuelle Orientierung haben.

Er darf sie nur nicht leben.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Die Organisation erzwingt keine Heterosexualität.

Das könnte sie auch gar nicht.

Sie verlangt homosexuellen Menschen vielmehr ab, homosexuell zu sein, ohne homosexuell leben zu dürfen.

Und wenn ein Mitglied diese Grenze überschreitet, endet die Diskussion nicht zwingend bei einer Meinungsverschiedenheit.

Dann beginnt das Gemeinderecht.


Wenn aus der Lehre Gemeinderecht wird

Wer nun meint, das seien eben nur Worte, sollte einen Blick in das interne Ältestenhandbuch Hütet die Herde Gottes werfen.

Dort wird unter:

„Sexuelle Unmoral (Pornéia)“

erklärt:

„Dazu gehören Ehebruch, Sodomie, Homosexualität und Prostitution.“

Quelle: Hütet die Herde Gottes, Ausgabe September 2025, Anhang A „Angelegenheiten, die erfordern, ein Komitee zu bilden“, Abschnitt „Sexuelle Unmoral (Pornéia)“, Abs. 2, S. 134.

Hier muss man fairerweise unterscheiden:

Das Handbuch behandelt in diesem Zusammenhang sexuelle Handlungen und nicht die bloße sexuelle Orientierung.

Noch aufschlussreicher ist deshalb die folgende Regel.

Ein Komitee wegen sexueller Unmoral kann unter bestimmten Voraussetzungen gebildet werden, wenn mindestens zwei Augenzeugen berichten, jemand habe unter unpassenden Umständen die ganze Nacht mit einer Person des anderen Geschlechts verbracht – oder mit:

„jemandem, der als homosexuell bekannt ist“

Quelle: Hütet die Herde Gottes, Ausgabe September 2025, Anhang A, Abschnitt „Starker Indizienbeweis für sexuelle Unmoral (Pornéia)“, Abs. 5, S. 135.

Man muss diesen Satz tatsächlich einmal langsam lesen.

Nicht:

jemandem, mit dem nachweislich eine sexuelle Beziehung besteht.

Nicht:

einem bekannten Partner.

Sondern:

„jemandem, der als homosexuell bekannt ist“.

Der bemerkenswerte Punkt ist also nicht, dass zwei Menschen einfach zusammen gesehen werden und sofort ein Komitee bekommen.

Der bemerkenswerte Punkt ist:

Die bekannte Homosexualität einer Person wird ausdrücklich als Kriterium einer sexuellen Verdachtskonstellation genannt.

Das braucht keinerlei Übertreibung.

Der Originalsatz erledigt die Arbeit selbst.

Aber zur Erinnerung:

„Christen sind also nicht homosexuellenfeindlich.“

Quelle: Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 1, Kapitel 23, S. 167.

Gut, dass das geklärt wäre.


Homosexualität in einer Liste todeswürdiger Vergehen

Auch eine weitere Quelle sollte man korrekt einordnen.

Im biblischen Lexikon Einsichten über die Heilige Schrift wird unter dem Stichwort „Abschneidung“ erläutert, dass dieser Begriff in bestimmten Vorschriften des mosaischen Gesetzes nach Auffassung der Publikation die Todesstrafe bedeutete.

Als Beispiele entsprechender Vergehen werden genannt:

„Blutschande, Sodomie und Homosexualität.“

Quelle: Einsichten über die Heilige Schrift, Band 1, Stichwort „Abschneidung“, S. 48.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Jehovas Zeugen heute selbst die Todesstrafe für homosexuelle Menschen fordern.

Das wäre falsch.

Die Sache wird dadurch allerdings nicht unbedingt beruhigender.

Nach ihrer religiösen Lehre können Menschen, die homosexuelle Beziehungen leben und diese nicht aufgeben, Gottes Anerkennung nicht erhalten, sodass sie im göttlichen Gericht, in Harmagedon, von Gott vernichtet werden.

Die Hinrichtung übernehmen Jehovas Zeugen also nicht selbst. Sie überlassen das Urteil Gott.

Und keine Sorge:

Als „Abtrünniger“ befinde ich mich nach ihrer Lehre ebenfalls nicht gerade auf der Gästeliste fürs Paradies.

Auch das gehört zum Gesamtbild.


Von „Greuel“ zu „freundlich und respektvoll“

Betrachtet man die gesamte Entwicklung, erkennt man durchaus Veränderung.

Das sollte man nicht leugnen.

1970 sprach der Wachtturm vom „Greuel“.

1984 vom Bild einer „Seuche“.

1989 von „abscheulich“ und „widernatürlich“.

Heute erklärt die Organisation ausdrücklich, homosexuelle Menschen dürften nicht schlecht behandelt, gemobbt oder angegriffen werden.

Das ist eine Verbesserung.

Aber eine Verbesserung der Sprache ist noch keine Aufgabe der zugrunde liegenden Bewertung.

Denn auch heute gilt:

Eine homosexuelle Beziehung ist nicht erlaubt.

Eine gleichgeschlechtliche Ehe ist nicht erlaubt.

Homosexuelle Wünsche sollen nicht ausgelebt werden.

Sie werden weiterhin als falsch eingeordnet.

Und die gesellschaftliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehe kann von einem Mitglied der Leitenden Körperschaft weiterhin als „corrupt view“ aus „Satan’s world“ bezeichnet werden.

Deshalb wäre die Behauptung:

„Bei Jehovas Zeugen hat sich überhaupt nichts verändert“

genauso ungenau wie:

„Die alten Aussagen haben mit den heutigen Zeugen Jehovas nichts mehr zu tun.“

Die Wahrheit ist interessanter:

Die Rhetorik hat sich stärker verändert als die moralische Grundentscheidung.

Aus „Seuche“ wurde „falsche Neigung“.

Aus offenem Ekel wurde freundlicher Umgang.

Aus „verabscheuen“ wurde „widerstehen“.

Aber am Ende bleibt für den homosexuellen Zeugen dieselbe praktische Frage:

Darf ich den Menschen lieben und mit ihm leben, den ich liebe?

Und die Antwort lautet weiterhin:

Nein.


Nicht jeder Zeuge Jehovas hasst Homosexuelle

Nein.

Nicht jeder Zeuge Jehovas hasst homosexuelle Menschen.

Eine solche Pauschalisierung wäre genauso unsinnig wie jede andere Pauschalisierung über Millionen individueller Menschen.

Viele Zeugen halten sich vermutlich vollkommen aufrichtig für tolerant. Sie würden einem homosexuellen Nachbarn helfen, freundlich mit einem schwulen Kollegen sprechen oder homosexuelle Angehörige lieben.

Meine persönliche Erfahrung war allerdings eine andere.

Ich habe die Haltung gegenüber Homosexualität in meiner Jugend bei den Zeugen Jehovas als ausgesprochen ablehnend erlebt. Meine Eltern reagierten teilweise geradezu angewidert, wenn sie zwei Männer oder zwei Frauen sahen, die Händchen hielten oder sich küssten.

Nun waren meine Eltern in Fragen von Sexualität ohnehin ziemlich verklemmt.

Aber in einer Religionsgemeinschaft, die homosexuelle Wünsche als „verkehrt“ bezeichnet, vor „homosexueller Propaganda“ warnt und gleichgeschlechtliche Beziehungen moralisch verurteilt, fanden solche Einstellungen reichlich Bestätigung.

Meine Familie ist selbstverständlich keine Statistik.

Deshalb lautet meine Frage auch nicht:

„Sind alle Zeugen Jehovas homophob?“

Dafür sind Menschen viel zu individuell.

Die wesentlich interessantere Frage lautet:

Welches soziale Klima erzeugt eine solche Lehre?

Menschen lernen Vorurteile schließlich nicht nur dadurch, dass jemand ausdrücklich sagt:

„Du sollst diese Menschen hassen.“

Sie lernen durch Sprache.

Durch Wiederholung.

Durch Assoziationen.

Durch Kategorien.

Greuel.

Seuche.

Abscheulichkeit.

Widernatürlich.

Verkehrte Neigung.

Falsche Wünsche.

Homosexuelle Propaganda.

Verdrehte Ansicht.

Satan’s world.

Corrupt view.

Satan’s attempt to ruin mankind.

Die Leitende Körperschaft muss niemandem ausdrücklich befehlen:

„Verachte Homosexuelle.“

Sie liefert bereits einen bemerkenswert umfangreichen Wortschatz dafür.

Man kann Menschen jahrzehntelang erklären, wie verkehrt, widernatürlich, moralisch gefährlich und satanisch gleichgeschlechtliche Beziehungen seien.

Und sich anschließend darüber wundern, wenn davon bei den Mitgliedern etwas hängen bleibt.


Mein Problem mit dieser Moral

Ich selbst bin heterosexuell und lebe glücklich mit einer wunderbaren Frau zusammen.

Wäre es anders, hätte ich damit persönlich kein Problem.

Würde ich Männer lieben oder mich zu Männern und Frauen hingezogen fühlen, würde mich das weder zu einem besseren noch zu einem schlechteren Menschen machen.

Liebe braucht für mich an dieser Stelle keine Geschlechtergrenze.

Während meiner zwölf Jahre bei der Bundeswehr habe ich homosexuelle Frauen und Männer kennengelernt.

Einige gehörten zu den mutigsten und zuverlässigsten Soldaten, mit denen ich dienen durfte.

Einer meiner homosexuellen Kameraden war Sanitäter und mehrfach in Afghanistan im Einsatz.

Er hat dort unter Gefechtsbedingungen und unter Beschuss dazu beigetragen, das Leben verwundeter Kameraden zu retten.

Nicht einmal.

Mehrfach.

Wenn ich also entscheiden soll, nach welchem Maßstab ich einen Menschen beurteile, fällt mir die Entscheidung ausgesprochen leicht.

Ich habe vor einem homosexuellen Soldaten, der für einen verwundeten Kameraden sein eigenes Leben riskiert, sehr viel mehr Respekt als vor einem religiösen Funktionär, der vor einer Kamera sitzt und erklärt, die Ehe zweier Männer sei Teil von Satans Versuch, die Menschheit zu verderben.

Wenn ich zwischen meinem ehemaligen Kameraden und Kenneth Cook wählen müsste, wem ich moralische Autorität zugestehe, müsste ich nicht lange überlegen.

Ich nehme den Sanitäter.

Jedes einzelne Mal.

Und ja, für mich hat das etwas mit Patriotismus zu tun.

Nicht mit Fahnenkult.

Nicht mit Nationalismus.

Sondern mit einer einfachen Vorstellung von Gemeinschaft.

Ich beurteile Menschen danach, was sie tun.

Ob sie Verantwortung übernehmen.

Ob sie anderen helfen.

Ob sie für andere einstehen.

Ob man sich auf sie verlassen kann.

Nicht danach, ob zu Hause ein Mann oder eine Frau auf sie wartet.


Sie nennen es Liebe

Jehovas Zeugen werden einen solchen Artikel vermutlich für unfair halten.

Manche werden sagen:

„Wir hassen homosexuelle Menschen doch überhaupt nicht.“

Und wahrscheinlich meinen viele das sogar vollkommen aufrichtig.

Genau darin liegt ein Teil des Problems.

Man kann einem Menschen freundlich die Hand geben und ihm gleichzeitig erklären, seine Wünsche seien „verkehrt“.

Man kann höflich mit ihm sprechen und seine Liebe „widernatürlich“ nennen.

Man kann behaupten, ihn zu respektieren, und ihm gleichzeitig sagen, er müsse sein gesamtes Leben auf eine Partnerschaft verzichten.

Man kann ihm versichern, Gott liebe ihn, und gleichzeitig erklären, eine Ehe mit dem Menschen, den er liebt, gehöre zu einer „korrupten Ansicht“, die „Satans Welt“ verbreitet.

Man kann sogar behaupten, all das geschehe aus Liebe.

Das Wort Liebe allein macht eine Lehre noch nicht liebevoll.

Dieses Muster begegnet einem bei Jehovas Zeugen immer wieder.

Selbst die Ächtung eines Menschen wird als Ausdruck von Liebe dargestellt.

Mit Ächtung meine ich die von der Organisation verlangte soziale Isolation von Menschen, die aus der Versammlung entfernt wurden oder die Gemeinschaft verlassen haben.

Und das ist keine bloße private Entscheidung einzelner Zeugen.

Das aktuelle Ältestenhandbuch spricht ausdrücklich vom „unnötigen Umgang“ mit Personen, die aus der Versammlung entfernt wurden oder die Gemeinschaft verlassen haben. Wer trotz wiederholten Rats vorsätzlich immer wieder solchen Umgang mit einer nicht verwandten Person pflegt, muss selbst mit der Bildung eines Komitees rechnen.

Als Regel des normalen freiwilligen sozialen Umgangs ist die Ächtung absolut.

Es gibt definierte Sonderkonstellationen, etwa innerhalb eines gemeinsamen Haushalts. Seit den Änderungen der letzten Jahre kann eine entfernte Person unter bestimmten Voraussetzungen auch kurz begrüßt oder zu einer Zusammenkunft eingeladen werden.

Aber aus einer kurzen Begrüßung wird noch keine soziale Beziehung.

Freundschaft, Freizeit, gemeinsames Essen, regelmäßiger persönlicher Kontakt – genau dieser normale soziale Umgang soll gerade nicht fortgeführt werden.

Und selbst dieses System wird als liebevoll dargestellt.

Da ist es wieder.

Das gleiche sprachliche Muster.

Ächtung wird zu Liebe.

Soziale Isolation wird zu geistiger Hilfe.

Ablehnung wird zu moralischer Reinheit.

Und einem homosexuellen Menschen zu erklären, seine Liebe sei falsch, wird zu „freundlicher und respektvoller“ Hilfe.

Im Umetikettieren harter Maßnahmen in fürsorglich klingende Begriffe ist die Organisation bemerkenswert geübt.

Irgendwann sollte man weniger darauf achten, wie eine Organisation ihr eigenes Verhalten nennt, und mehr darauf, was dieses Verhalten mit Menschen macht.

Mein alter Freund hat diese Welt irgendwann endgültig hinter sich gelassen.

Darüber bin ich froh.

Andere sitzen heute noch darin.

Vielleicht sind sie zwölf.

Vielleicht sechzehn.

Vielleicht vierzig.

Vielleicht sechzig.

Sie hören seit ihrer Kindheit:

Kämpfe.

Bete.

Kontrolliere deine Gedanken.

Gib deinen „verkehrten Wünschen“ nicht nach.

Halte durch.

Auch wenn es eine „große Härte“ bedeutet.

Ihnen möchte ich etwas anderes sagen:

Der Wert eines Menschen entscheidet sich nicht daran, wen er liebt.

Ich habe Männer kennengelernt, die Männer liebten und für andere Menschen ihr Leben riskierten.

Und ich habe Männer erlebt, die sich selbst als besondere geistige Autoritäten verstehen und anderen erklären, ihre Liebe gehöre zu einer verdorbenen Welt.

Ich weiß, vor wem ich mehr Respekt habe.

Sehr viel mehr.

Und um es mit einem Satz zu sagen, den Jehovas Zeugen selbst nur zu gut kennen:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Ich danke euch fürs Lesen und für die Zeit und dein Interesse.


Quellen

Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich, 1. September 1970, „Die Ausbreitung der Homosexualität“, S. 534–536.

Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich, 1. September 1970, „Hüte dich vor der Gefahr der Homosexualität“, S. 537–539.

Erwachet!, 1984, „Die Seuche der Homosexualität“, S. 4 ff.

Erwachet!, 8. Juli 1989, „Homosexualität – Warum nicht?“, S. 26–27.

Erwachet!, Februar 2007, „Junge Leute fragen sich: Wie kann ich homosexuelle Handlungen vermeiden?“, S. 28–30.

Erwachet!, Januar 2012, „Homosexuelles Verhalten: Ist es zu rechtfertigen?“, S. 28–29.

Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 1, Kapitel 23 „Wie kann ich erklären, was die Bibel zu Homosexualität sagt?“, S. 165–168, deutsche Ausgabe April 2016.

Fragen junger Leute – praktische Antworten, Band 2, Kapitel 28 „Was, wenn ich homosexuelle Gefühle habe?“, S. 231–236, deutsche Ausgabe 2012.

jw.org, „Junge Leute fragen: Ist homosexuelles Verhalten verkehrt?“, insbesondere die Abschnitte „Was sagt die Bibel?“, „Bedeutet das dann …?“ und „Aber was, wenn …?“, abgerufen am 9. August 2026.

Einsichten über die Heilige Schrift, Band 1, Stichwort „Abschneidung“, S. 48.

Hütet die Herde Gottes, Ausgabe September 2025, Anhang A „Angelegenheiten, die erfordern, ein Komitee zu bilden“, Abschnitt „Sexuelle Unmoral (Pornéia)“, Abs. 2, S. 134; Abschnitt „Starker Indizienbeweis für sexuelle Unmoral (Pornéia)“, Abs. 5, S. 135; Abschnitt „Dreistes Verhalten“, Abs. 21–22.

Kenneth Cook, Mitglied der Leitenden Körperschaft, JW-Broadcasting-Vortrag, relevante Passagen bei 6:38–9:33 sowie 24:05–24:37; Wortlaut nach dem vorliegenden und anhand des Videos geprüften Transkript.

American Psychiatric Association, 1973: Entfernung von Homosexualität als eigenständiger psychiatrischer Diagnose aus dem DSM-II.

World Health Organization (WHO), 17. Mai 1990: Streichung von Homosexualität aus der internationalen Klassifikation psychischer Störungen.

Ryan, Caitlin; Huebner, David; Diaz, Rafael M.; Sanchez, Jorge: „Family Rejection as a Predictor of Negative Health Outcomes in White and Latino Lesbian, Gay, and Bisexual Young Adults“, Pediatrics, 2009, Vol. 123, Nr. 1, S. 346–352. DOI: 10.1542/peds.2007-3524.

Pachankis, John E.; Mahon, Conor P.; Jackson, Skyler D.; Fetzner, Benjamin K.; Bränström, Richard: „Sexual Orientation Concealment and Mental Health: A Conceptual and Meta-Analytic Review“, Psychological Bulletin, 2020, Vol. 146, Nr. 10, S. 831–871. DOI: 10.1037/bul0000271.

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