Zeugen Jehovas wissen nicht, warum. Aber sie gehorchen.

Eine Frage an dich als Zeugen Jehovas:

Du richtest dein Leben nach den Anweisungen der Leitenden Körperschaft. Sie beeinflusst, welche medizinischen Behandlungen du akzeptieren darfst, welche Menschen du meiden sollst, welche Beziehungen zulässig sind und welchen Informationen du vertrauen kannst.

Vielleicht hast du aufgrund ihrer Anweisungen auf einen guten Job oder Studium verzichtet. Vielleicht hast du den Kontakt zu einem ausgeschlossenen Angehörigen abgebrochen. Vielleicht hast du Entscheidungen getroffen, die dein gesamtes Leben verändert haben.

Deshalb solltest du eine einfache Frage beantworten können:

Warum dürfen diese Männer das eigentlich?

Nicht, warum du ihnen vertraust. Nicht, warum du die Organisation für gut hältst. Nicht, warum die Brüder unvollkommen sein dürfen.

Warum besitzt die Leitende Körperschaft das Recht, für Gott zu sprechen und Gehorsam von dir zu verlangen?

Vielleicht lautet deine Antwort: Weil Jesus sie als „treuen und verständigen Sklaven“ eingesetzt hat. Weil Jehova seine Organisation durch sie führt. Weil sie für die geistige Speise zur richtigen Zeit sorgt.

Doch damit hast du die Frage nicht beantwortet. Du hast lediglich wiederholt, was die Leitende Körperschaft über sich selbst behauptet.

Kannst du erklären, wann Jesus diese Männer eingesetzt haben soll? Warum soll das 1919 geschehen sein? Wie wird dieses Jahr aus der Bibel hergeleitet? Welche Rolle spielen dabei 1914 und die angebliche Zerstörung Jerusalems im Jahr 607 vor unserer Zeitrechnung? Und wie führt diese Rechnung zu den Männern, die heute in Warwick über dein Leben mitentscheiden?

Kannst du diese Legitimation mit eigenen Worten aufschreiben, ohne eine Publikation der Organisation zu benutzen?

Wenn nicht, stellt sich eine unangenehme Frage:

Warum gehorchst du Menschen, deren angebliche göttliche Vollmacht du selbst nicht erklären kannst?

Die meisten Zeugen folgen der Leitenden Körperschaft nicht, weil sie deren Legitimation geprüft und für überzeugend befunden haben. Sie akzeptieren deren Legitimation, weil sie bereits gelernt haben, der Leitenden Körperschaft zu folgen.

Das Ergebnis steht fest. Die Begründung kommt anschließend.

Die Organisation behauptet, Jesus Christus habe 1914 begonnen, unsichtbar als König zu regieren. Danach habe er die christlichen Religionen geprüft und 1919 unter allen religiösen Gemeinschaften ausgerechnet die damaligen Bibelforscher ausgewählt. Diese seien der in Matthäus 24 erwähnte „treue und verständige Sklave“, der Gottes Volk mit geistiger Speise versorge.

Auf dieser angeblichen Ernennung beruht der besondere Autoritätsanspruch der heutigen Leitenden Körperschaft.

Wer nach einem unabhängigen Beleg sucht, wird allerdings keinen finden. Er findet vor allem Publikationen der Organisation, in denen die Organisation erklärt, warum die Organisation von Jesus ausgewählt worden sei.

Die Leitende Körperschaft verlangt von Millionen Menschen Gehorsam. Fragt man nach ihrer göttlichen Vollmacht, beginnt eine theologische Schnitzeljagd durch Babylon, Jerusalem, Daniel, Nebukadnezar, 607, 1914 und 1919. Am Ende landet man wieder bei der Leitenden Körperschaft, die bestätigt, dass die Leitende Körperschaft von Jesus ausgewählt wurde.

Das ist keine unabhängige Legitimation. Es ist eine selbst ausgestellte Ernennungsurkunde mit der eigenen Unterschrift.

Die ganze Konstruktion hängt an einer chronologischen Kette:

Jerusalem soll 607 vor unserer Zeitrechnung zerstört worden sein. Von diesem Jahr aus werden 2.520 Jahre gezählt. So gelangt die Organisation zu 1914. Danach folgen eine angebliche Inspektionszeit und schließlich die Auswahl im Jahr 1919.

Das Problem beginnt bereits mit der Ausgangszahl. Die historische Forschung datiert die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier nicht auf 607, sondern auf 587 oder 586 vor unserer Zeitrechnung. Die Wachtturm-Chronologie steht damit außerhalb des historischen und archäologischen Forschungsstandes.

Fällt 607, funktioniert die Berechnung von 1914 nicht mehr. Fällt 1914, verliert auch die behauptete Inspektions- und Ernennungsgeschichte von 1919 ihre chronologische Grundlage.

Damit ist selbstverständlich nicht historisch bewiesen, was Jesus in einem unsichtbaren Himmel getan oder nicht getan haben könnte. Genau darin liegt aber das Problem. Die Organisation erhebt einen außergewöhnlichen Anspruch, kann dafür jedoch keinen überprüfbaren Nachweis liefern. Ihre einzige chronologische Begründung beruht auf einer historisch nicht haltbaren Ausgangszahl und einer willkürlichen Verbindung verschiedener Bibelstellen.

Der Zirkelschluss lautet:

Wir sind Gottes Kanal, weil wir erklären, dass Jesus uns als Gottes Kanal eingesetzt hat. Dass diese Erklärung richtig ist, erkennt man daran, dass sie von Gottes Kanal stammt.

Man muss kein Raketenwissenschaftler sein, um das Problem zu erkennen.

Ich könnte ebenso behaupten, Gott habe mich dazu bestimmt, diesen Text zu schreiben. Das bin ich natürlich nicht. Doch meine Behauptung hätte zunächst denselben Beweiswert wie die Behauptung der Leitenden Körperschaft: keinen.

Der Unterschied besteht darin, dass ich auf Grundlage meiner Behauptung nicht von Millionen Menschen verlange, ihre Angehörigen zu ächten, medizinische Entscheidungen zu treffen oder ihre gesamte Lebensführung meinen Anweisungen zu unterwerfen.

Der Wettbewerb, von dem nur der Sieger wusste

Jesus soll zwischen 1914 und 1919 sämtliche Religionen geprüft haben. Ausgerechnet die damaligen Bibelforscher sollen diese Prüfung bestanden haben.

Welche Religionen wurden geprüft? Nach welchen Kriterien wurde entschieden? Woran konnten Außenstehende das Ergebnis erkennen? Wo kündigt die Bibel eine solche weltweite religiöse Inspektion für diesen Zeitraum an? Wo steht, dass Jesus 1919 eine Organisation auswählen und aus dieser Auswahl die Autorität einer späteren Leitenden Körperschaft entstehen würde?

Darauf gibt es keine nachvollziehbaren Antworten.

Es gibt kein historisch sichtbares Auswahlverfahren. Es gibt keine unabhängig erkennbare Ernennung. Es gibt keine von Jesus hinterlassene Erklärung. Es gibt nur eine Organisation, die Jahrzehnte später verkündet, dass sie den Wettbewerb gewonnen habe.

Das ist ungefähr so überzeugend, wie wenn jemand nachträglich einen Wettbewerb erfindet, sich selbst zum Sieger erklärt.

Besonders bemerkenswert ist, dass die damaligen Bibelforscher Lehren vertraten, die von den Zeugen Jehovas heute selbst nicht mehr geglaubt werden. Trotzdem soll Jesus gerade diese Bewegung wegen ihrer geistigen Zuverlässigkeit ausgewählt haben.

Offenbar prüfte Jesus nach Kriterien, die niemand kannte, zu einem Zeitpunkt, den niemand beobachten konnte, mit einem Ergebnis, das später von den angeblichen Gewinnern bekannt gegeben wurde.

Und auf dieser Geschichte soll die Vollmacht beruhen, heute in das Leben von Millionen Menschen einzugreifen.

Noch merkwürdiger wird die Legitimation, wenn man fragt, wer dieser „treue und verständige Sklave“ eigentlich gewesen sein soll.

Die Auslegung wurde im Laufe der Geschichte mehrfach verändert. Zeitweise wurde Charles Taze Russell mit dem „treuen und klugen Knecht“ in Verbindung gebracht. Später verstand die Organisation darunter die gesamte Gruppe der gesalbten Christen auf der Erde. Seit einer weiteren Lehränderung soll der „Sklave“ nur noch aus einer kleinen Gruppe gesalbter Männer bestehen, die unmittelbar an der Herstellung und Verteilung der geistigen Speise beteiligt sind. Praktisch ist damit die Leitende Körperschaft gemeint.

Die angeblich 1919 erfolgte Ernennung wird also rückwirkend auf ein Führungsgremium bezogen, das in seiner heutigen Form damals noch nicht existierte.

Die heutige Leitende Körperschaft erklärt nachträglich, wer 1919 ausgewählt wurde, was diese Auswahl bedeutete und warum daraus ihre gegenwärtige Autorität folgt.

Sie bestimmt die Auslegung.

Sie identifiziert den Sklaven.

Sie erklärt die Ernennung.

Sie verkündet deren Bedeutung.

Und am Ende stellt sie fest, dass sie selbst die daraus hervorgegangene Autorität besitzt.

Sie ist Zeugin, Gutachterin, Richterin und Gewinnerin in eigener Sache.

Ähnlich funktioniert die Lehre von der „Generation“, die nach den Worten Jesu nicht vergehen sollte, bevor das Ende kommt.

Über Jahrzehnte wurde den Zeugen Jehovas vermittelt, die Generation, die 1914 bewusst erlebt habe, werde das Ende dieses „Systems der Dinge“ noch erleben. Das war keine unbedeutende theologische Vermutung. Die Lehre erzeugte Dringlichkeit und beeinflusste Lebensentscheidungen.

Menschen verzichteten auf Ausbildung, berufliche Entwicklung, Kinder, finanzielle Vorsorge oder langfristige Planungen, weil das Ende unmittelbar bevorstehe.

Dann bekam die Generation von 1914 ein organisatorisch äußerst unpraktisches Problem:

Sie starb.

Damit hätte die Lehre eigentlich erledigt sein müssen. Eine eindeutige Behauptung war an der Wirklichkeit gescheitert.

Doch eine Organisation, die ihre Unfehlbarkeit zwar bestreitet, ihre Fehler aber trotzdem nur ungern eingesteht, findet einen Ausweg. Der Begriff „Generation“ wurde neu definiert.

Heute sollen zwei Gruppen gesalbter Christen eine einzige Generation bilden, wenn sich ihre Lebenszeiten beziehungsweise ihre Zeit als Gesalbte überlappen. Ein Mensch muss 1914 nicht mehr erlebt haben. Es genügt, dass er zeitlich mit jemandem „überlappt“, der zur ursprünglichen Gruppe gehört haben soll.

Aus einer Generation wurden zwei Gruppen.

Aus einer Aussage Jesu wurde ein Schaubild.

Aus einem gescheiterten Versprechen wurde „neues Licht“.

Und aus dem Ausbleiben des Endes wurde kein Grund, an der Führung zu zweifeln, sondern eine weitere Gelegenheit, ihr zu vertrauen.

Diese Konstruktion löst kein biblisches Rätsel. Sie löst ein organisatorisches Problem. Die angekündigte Generation war gestorben, während das Ende ausgeblieben war. Also wurde die Bedeutung des Wortes so verändert, dass der erwartete Ausgang erneut in die Zukunft verschoben werden konnte.

Wenn eine Prophezeiung nur deshalb richtig bleibt, weil man nach ihrem Scheitern die Bedeutung der verwendeten Wörter verändert, war sie nie eine verlässliche Prophezeiung. Sie war ein theologisches Gummiband.

Trotzdem akzeptieren viele Zeugen auch diese Erklärung. Nicht unbedingt, weil sie sie verstanden hätten. Noch weniger, weil sie sie bei einer unvoreingenommenen Bibellektüre selbst gefunden hätten.

Sie akzeptieren sie, weil sie von der Stelle stammt, deren Autorität nicht infrage gestellt werden darf.

Das Ergebnis steht fest: Die Leitende Körperschaft muss recht haben. Die Begründung darf anschließend angepasst werden.

So funktioniert es bei vielen Lehren der Zeugen Jehovas. Zuerst steht fest, was geglaubt werden soll. Dann müssen die passenden Bibelverse her. Wenn sich keine finden lassen, wird so lange ausgelegt, verbunden und umgedeutet, bis das gewünschte Ergebnis irgendwie in den Text passt.

Und wenn selbst das nicht mehr funktioniert, gibt es eben „neues Licht“.

Die meisten Zeugen Jehovas haben sich ihre religiöse Wirklichkeit nicht als Erwachsene nach einem freien Vergleich verschiedener Weltanschauungen ausgesucht. Die meisten wurden in die Gemeinschaft hineingeboren.

Ein Kind prüft keine babylonische Chronologie. Es untersucht keine Keilschrifttafeln, vergleicht keine Übersetzungen und analysiert keine konkurrierenden Deutungen von Matthäus 24. Es glaubt zunächst seinen Eltern und den Erwachsenen, von denen sein Überleben und seine Zugehörigkeit abhängen.

Von klein auf hört es:

Diese Gemeinschaft ist „die Wahrheit“.

Jehova besitzt nur eine Organisation.

Die Leitende Körperschaft ist der treue und verständige Sklave.

Gehorsam gegenüber der Organisation ist Gehorsam gegenüber Jehova.

Die Welt außerhalb der Gemeinschaft wird von Satan beherrscht.

Zweifel gefährden den Glauben.

Kritik ist ein Zeichen mangelnder Demut.

Unabhängiges Denken macht geistig krank.

Abtrünnige wollen Gläubige von Jehova wegziehen.

Nur wer treu bleibt, kann Harmagedon überleben.

Das Kind lernt nicht nur bestimmte Glaubenssätze. Es lernt zugleich, welche Fragen es stellen darf, welchen Quellen es vertrauen soll und wie es sich fühlen muss, wenn Zweifel auftreten.

Die Organisation liefert also nicht nur die Antworten. Sie kontrolliert bereits die Bedingungen, unter denen eine Antwort als glaubwürdig gelten darf.

Aussagen der Organisation gelten als vertrauenswürdig, weil sie von Gottes Organisation stammen.

Widersprechende Informationen gelten als gefährlich, weil sie Gottes Organisation widersprechen.

Kritik an dieser Logik gilt wiederum als Beweis für den schädlichen Einfluss der Außenwelt.

Das System ist bemerkenswert bequem. Wer die Behauptungen der Organisation glaubt, gilt als geistig reif. Wer Belege verlangt, gilt als stolz. Wer Widersprüche entdeckt, hat ein Glaubensproblem. Wer eine frühere Lehre infrage stellte und später recht behielt, war trotzdem ungehorsam, weil er der Organisation vorausgelaufen sei.

Die Organisation kann damit praktisch jede Auseinandersetzung gewinnen. Allerdings nur, weil sie vorher festgelegt hat, dass ausschließlich sie gewinnen darf.

In einem offenen Erkenntnissystem ist ein Zweifel zunächst eine Frage: Stimmt diese Behauptung?

Bei den Zeugen Jehovas wird daraus schnell eine Charakterfrage:

Warum möchtest du der Organisation nicht vertrauen?

Bist du stolz?

Fehlt dir Demut?

Hast du zu wenig Glauben?

Konsumierst du schädliche Informationen?

Entwickelst du einen abtrünnigen Geist?

Der Inhalt der Kritik rückt in den Hintergrund. Stattdessen wird der Kritiker untersucht.

Das ist für die Organisation außerordentlich praktisch. Sie muss eine sachliche Widerlegung nicht beantworten, wenn sie bereits das Stellen der Frage als geistiges Problem behandeln kann. Wer Zweifel äußert, muss nicht mit besseren Argumenten überzeugt, sondern „geistig zurechtgebracht“ werden.

Nicht die falsche Lehre gefährdet das Verhältnis zur Gemeinschaft. Gefährlich wird derjenige, der darauf hinweist.

Auf diese Weise wird Gehorsam zu einer Tugend und eigenständiges Denken zu einem Verdachtsmoment.

Die Leitende Körperschaft muss nicht beweisen, dass sie recht hat. Der einzelne Zeuge muss beweisen, dass er demütig genug ist, ihr weiterhin zu vertrauen.

Nicht inspiriert, nicht unfehlbar, aber unbedingt zu befolgen

Die Leitende Körperschaft erklärt selbst, dass sie weder inspiriert noch unfehlbar sei. Sie räumt ein, sich bei Lehrfragen und organisatorischen Entscheidungen irren zu können.

Damit wäre die Sache eigentlich klar. Eine nicht inspirierte und fehlbare Gruppe von Menschen sollte ihre Ansichten begründen, Kritik zulassen und Irrtümer offen korrigieren.

Wenn sie nicht inspiriert, nicht unfehlbar ist, kann ich ja auch anderer Meinung sein oder?

Doch genau hier beginnt der bemerkenswerte Widerspruch.

Die Leitende Körperschaft sagt, sie sei nicht inspiriert.

Sie sagt, sie sei nicht unfehlbar.

Sie räumt ein, Fehler machen zu können.

Trotzdem erwartet sie Gehorsam gegenüber ihren jeweils aktuellen Anweisungen. Selbst dann, wenn diese unlogisch, unverständlich oder aus menschlicher Sicht nicht nachvollziehbar erscheinen.

Sie übernimmt nicht die Verantwortung einer göttlich inspirierten Führung, beansprucht aber deren Gehorsam.

Ist eine Lehre falsch, waren unvollkommene Menschen am Werk.

Ist eine Lehre richtig, hat Jehova seine Organisation geführt.

Wird eine Lehre geändert, ist das Licht heller geworden.

Wer vorher widersprochen hat, war trotzdem illoyal.

Ein System, in dem die Führung bei Erfolg Gottes Segen beansprucht und bei Fehlern auf menschliche Unvollkommenheit verweist, hat sich gegen jede Widerlegung abgesichert.

Von außen erscheint es unverständlich, warum ein erwachsener Mensch nicht einfach nachprüft, ob Jerusalem 607 oder 587 vor unserer Zeitrechnung zerstört wurde.

Für einen Zeugen Jehovas ist diese Prüfung jedoch keine harmlose historische Untersuchung. An ihrem Ergebnis kann sein gesamtes Leben hängen.

Was geschieht, wenn 607 falsch ist? Dann funktioniert die Berechnung von 1914 nicht mehr.

Was geschieht, wenn 1914 fällt? Dann verliert 1919 seine chronologische Grundlage.

Was geschieht, wenn die Leitende Körperschaft nicht von Jesus eingesetzt wurde? Dann könnten jahrzehntelanger Gehorsam, Opfer und Verzicht auf den Behauptungen einer menschlichen Religionsführung beruhen.

Plötzlich stehen nicht nur einige Jahreszahlen infrage. Es geht möglicherweise um die eigene religiöse Identität, das Verhältnis zu Eltern, Kindern und Partnern, den gesamten Freundeskreis, jahrzehntelange Lebensentscheidungen, verpasste Bildungs- und Berufschancen, medizinische Entscheidungen, die Hoffnung auf das Paradies, die Angst vor Harmagedon und das Vertrauen in Menschen, denen man sein Leben überlassen hat.

Eine historische Erkenntnis kann damit einen sozialen und psychischen Erdrutsch auslösen.

Um sich selbst so zu hinterfragen, braucht es sehr viel Charakter, Selbstreflexion und Demut. Man muss sich eingestehen, vielleicht sein Leben lang den falschen Mond angeheult zu haben. Dann stellt sich zwangsläufig die schmerzhafte Frage, wie man so naiv sein konnte.

Dazu sind nur wenige bereit. Denn Demut bedeutet nicht, sich Männern unterzuordnen, die sich selbst zum Kanal Gottes erklären. Wirkliche Demut zeigt, wer vor sich selbst ehrlich bleibt und sich den eigenen Irrtum eingesteht. Selbst dann, wenn das bedeutet, erkennen zu müssen, dass das eigene Lebenswerk und der bisherige Lebenssinn auf einer Lüge beruhten.

Deshalb prüfen viele nicht ergebnisoffen. Sie suchen nicht nach der wahrscheinlichsten Antwort. Sie suchen nach einer Möglichkeit, die vertraute Antwort behalten zu können.

Unangenehme Tatsachen werden relativiert, vertagt oder als „noch nicht vollständig verstanden“ abgelegt.

Die Brüder sind eben unvollkommen.

Das Licht wird immer heller.

Wir müssen auf Jehova warten.

Es ist trotzdem die beste Organisation.

Wohin sollten wir sonst gehen?

Die letzte Frage ist besonders entlarvend. Sie lautet nicht mehr: Ist es wahr?

Sie lautet: Was bleibt mir, wenn es nicht wahr ist?

Sie wollen, dass die Lüge wahr bleibt

Es wäre zu einfach, alle Zeugen Jehovas für dumm zu erklären. Intelligenz schützt nicht automatisch vor Indoktrination, Gruppendruck, Verlustangst und emotionaler Abhängigkeit. Auch intelligente Menschen können lernen, bestimmte Fragen nicht zu Ende zu denken.

Manche Zeugen erkennen durchaus, dass die Erklärungen nicht schlüssig sind. Sie spüren die Widersprüche, sehen die Lehränderungen und bemerken, dass frühere Gewissheiten verschwinden.

Doch sie ziehen daraus keine Konsequenz.

Nicht immer, weil sie die Lüge nicht erkennen könnten. Sondern weil sie nicht ertragen können, was die Wahrheit mit ihrem Leben machen würde.

Sie wollen nicht unbedingt belogen werden. Sie wollen, dass die Lüge „wahr“ bleibt.

Das erklärt, warum Fakten so häufig nicht durchdringen. Der Kritiker spricht über Geschichte, Bibelauslegung oder Logik. Der gläubige Zeuge verteidigt währenddessen seine Familie, seine Freunde, seine Hoffnung, seine Identität und seine gesamte Lebensgeschichte.

Beide reden über 607.

Aber nur einer von ihnen kann dabei alles verlieren.

Vom scheinbaren Beweis zum nackten Gehorsam

Die frühen Bibelforscher und später die Wachtturm-Gesellschaft präsentierten ihre Lehren gern mit einem scheinbar rationalen Anstrich. Prophetische Zeiträume wurden berechnet, Jahreszahlen miteinander verbunden, Schaubilder gezeichnet und geschichtliche Ereignisse als Erfüllungen biblischer Prophezeiungen ausgegeben.

Das vermittelte den Eindruck, hier werde nicht einfach geglaubt. Hier werde gerechnet, geforscht und bewiesen.

Gerade darin lag ein Teil der Anziehungskraft. Andere Kirchen verkündeten Geheimnisse des Glaubens. Die Bibelforscher schienen einen göttlichen Zeitplan entschlüsselt zu haben. Wer die Berechnungen sah, konnte glauben, er habe etwas objektiv Nachprüfbares vor sich.

Doch zahlreiche Erwartungen erfüllten sich nicht. Jahreszahlen wurden aufgegeben. Ereignisse wurden umgedeutet. Frühere Gewissheiten wurden nachträglich zu bloßen Erwartungen einzelner Gläubiger erklärt.

Die Generation von 1914 starb.

Aus einer klar verständlichen Generation wurde eine überlappende Generation.

Aus festen Aussagen wurde „gegenwärtiges Verständnis“.

Aus gescheiterten Lehren wurde „heller werdendes Licht“.

Je schwächer die überprüfbaren Begründungen wurden, desto wichtiger wurde das Vertrauen in die Führung.

Früher wollte die Organisation beweisen, dass sie recht hat.

Heute verlangt sie Vertrauen, obwohl ihre früheren Beweise zusammengebrochen sind.

Der wissenschaftliche Anstrich ist weitgehend abgeblättert. Übrig bleibt ein Autoritätsanspruch, der sich selbst bestätigt:

Die Leitende Körperschaft hat entschieden.

Die Leitende Körperschaft hat die Angelegenheit gebetsvoll geprüft.

Jehova segnet die Entscheidung.

Treue Christen folgen der Leitung.

Wer widerspricht, muss warten, bis Jehova die Angelegenheit klärt.

„Friss oder stirb“ wäre zu grob formuliert. Funktional läuft es jedoch häufig darauf hinaus: Akzeptiere die gegenwärtige Lehre. Sonst riskierst du, als geistig schwach, zu wenig demütig oder sogar als abtrünnig angesehen zu werden.

Eine Autorität, die keine überzeugende Legitimation braucht

Das vielleicht Erstaunlichste ist nicht, dass die theologische Legitimation der Leitenden Körperschaft so schwach ist.

Erstaunlich ist, dass sie im Alltag kaum benötigt wird.

Die meisten Zeugen müssen 1919 nicht erklären können. Sie müssen nicht verstehen, warum Jesus angeblich gerade die damaligen Bibelforscher auswählte. Sie müssen die historische Grundlage von 607 nicht verteidigen. Sie müssen die überlappende Generation nicht aus der Bibel herleiten können.

Das wäre womöglich sogar hinderlich.

Sie müssen lediglich gelernt haben, dass Zweifel gefährlich und Gehorsam sicher ist.

Die Macht der Leitenden Körperschaft beruht nicht hauptsächlich auf der Qualität ihrer Argumente. Sie beruht darauf, dass Millionen Menschen ihre religiöse, soziale und emotionale Sicherheit an diese Männer gebunden haben.

Die Chronologie legitimiert nicht die Leitende Körperschaft.

Die Leitende Körperschaft legitimiert ihre eigene Chronologie.

Die Gläubigen akzeptieren beides, weil sie von klein auf gelernt haben, die Stimme der Organisation mit der Stimme Gottes zu verwechseln.

Noch einmal eine Frage an dich

Was würde dich mehr erschrecken: dass die Organisation dich dein Leben lang belogen haben könnte oder dass du ihr dein Leben lang geglaubt hast?

Und was ist dir wichtiger: die Wahrheit oder der Schutz deines bisherigen Weltbildes?

Bevor du die Organisation verteidigst, halte einen Moment inne. Frag dich nicht, welche Erklärung die Leitende Körperschaft für ihre Widersprüche bereithält. Frag dich, warum du wieder ausgerechnet jene Männer um eine Erklärung bittest, deren Autorität gerade überprüft werden soll.

Wenn die Organisation Unrecht hat, musst du prüfen, ob sie überhaupt Gottes Organisation sein kann. Wenn aber schon dieser Gedanke unerträglich erscheint, verteidigst du sie möglicherweise nicht mehr, weil ihre Lehren überzeugend wären. Du verteidigst sie, weil der persönliche Preis der Erkenntnis zu hoch erscheint.

Genau darauf beruht ihre Macht. Nicht darauf, dass ihre Lehren überzeugend bewiesen wären, sondern darauf, dass du zu viel verlieren könntest, wenn du nicht mehr daran glaubst.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob 607, 1914 oder 1919 stimmen.

Die entscheidende Frage lautet:

Wem gehört dein Gewissen? Dir selbst oder den Männern, die behaupten, Gott habe sie ausgewählt?

Solange du diese Frage nicht frei beantworten darfst, ist dein Gehorsam kein Beweis für Glauben.

Er ist ein Beweis für ihre Macht.

Mit diesem Beitrag schließe ich die Rubrik „Theologie und Lehre der Zeugen Jehovas“ vorerst ab. Die wesentlichen Lehren, Schlüsseldogmen und theologischen Konstruktionen der Organisation wurden in dieser Rubrik geprüft und eingeordnet.

Neue Beiträge werden nötig, sobald aus Warwick wieder „neues Licht“ verkündet, eine bisherige Lehre angepasst oder eine vermeintlich neue Erkenntnis präsentiert wird. Erfahrungsgemäß dürfte dies also keine endgültige Verabschiedung sein.

Bis dahin danke ich euch fürs Lesen und für die Zeit und dein Interesse.

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