Die Wachtturm-Gesellschaft behauptet, abtrünnige Christen hätten den Gottesnamen „Jehova“ aus dem griechischen Urtext des Neuen Testaments entfernt und durch „Kyrios“ (Herr) ersetzt. Diese Aussage ist historisch nicht haltbar: In keinem einzigen Manuskript – auch nicht in den ältesten – findet sich der Name „Jehova“ oder das Tetragramm JHWH. Stattdessen steht dort durchgängig „Kyrios“ oder „Theos“.
Der Name „Jehova“ selbst entstand erst im Mittelalter durch eine fehlerhafte Kombination hebräischer Konsonanten mit den Vokalen von „Adonaj“. Seine Verwendung im Neuen Testament der Zeugen Jehovas ist daher keine Rückübersetzung, sondern eine redaktionelle Einfügung zur Stützung der eigenen Lehre.
Die Behauptung, man habe „Jehova“ entfernt, ist unbelegt. Faktisch wurde der Name eingefügt – entgegen aller Textüberlieferung.
„Als abtrünnige Christen Kopien der Christlichen Griechischen Schriften anfertigten, entfernten sie offensichtlich den Eigennamen Jehovas aus dem Text und ersetzten ihn durch Ky′rios, das griechische Wort für ‚Herr‘.“
– Der Wachtturm, 1. Juli 2010, S. 6–7

Kritik: Konstruktion statt Quelle
Diese Aussage ist keine Auslegung, sondern eine Tatsachenbehauptung – und sie hält einer kritischen Prüfung nicht stand. Es existiert kein einziges griechisches Manuskript des Neuen Testaments, in dem an den betreffenden Stellen ursprünglich der Gottesname „Jehova“ erscheint. Sämtliche erhaltenen Handschriften verwenden durchgängig die griechischen Begriffe κύριος (Kyrios, „Herr“) oder θεός (Theos, „Gott“).
Die These, „abtrünnige Christen“ hätten den Gottesnamen vorsätzlich getilgt, ist quellenlos, textkritisch unbelegt und beruht nicht auf Funden, sondern auf einer dogmatisch motivierten Erzählung – konstruiert zur Rechtfertigung der eigenen Bibelübersetzung.
Wissenschaftlicher Befund: Kein „Jehova“ im Urtext – nirgends
- Kein einziger anerkannter Textforscher – ob liberal, konservativ oder evangelikal – stützt die Behauptung, der Gottesname habe je im griechischen Urtext des Neuen Testaments gestanden.
- Maßgebliche Ausgaben wie Nestle-Aland (NA28), UBS5 oder die Editio Critica Maior nennen an keiner Stelle das Tetragramm – nicht einmal im textkritischen Apparat.
- Die Vorstellung, der Name sei „offensichtlich entfernt“ worden, ist eine reine Konstruktion – ohne Manuskriptbasis, ohne Patristikbeleg, ohne Spuren in der Überlieferungskette.
- Frühchristliche Kopisten waren extrem konservativ im Umgang mit göttlichen Bezeichnungen. Hätte „Jehova“ ursprünglich dort gestanden – es wäre nicht spurlos verschwunden.
Die ältesten neutestamentlichen Manuskripte – und was nicht in ihnen steht:

In keinem einzigen dieser Manuskripte findet sich der Gottesname in der Form „Jehova“, „JHWH“ oder „Yahweh“. Stattdessen ist durchgängig die Rede von Kyrios (Herr) oder Theos (Gott).
Der Name „Jehova“ in der Bibelgeschichte:

Was ist der wahre Zweck dieser Behauptung?
Die Wachtturm-Gesellschaft muss ein Narrativ liefern, um ihre eigene Praxis zu rechtfertigen: Die rund 237-malige Einfügung des Namens „Jehova“ im Neuen Testament der Neuen-Welt-Übersetzung – obwohl dieser in keinem einzigen NT-Manuskript erscheint. Dabei handelt es sich nicht um eine Rückübersetzung, sondern um eine dogmatisch motivierte Textveränderung.
Diese Praxis dient v. a. einem Ziel: Die Sonderrolle des Gottesnamens in der eigenen Lehre zu betonen, um sich von anderen christlichen Strömungen abzugrenzen und einen exklusiven Wahrheitsanspruch zu untermauern.
Juristisch-theologisch bewertet: Manipulation unter dem Deckmantel der Korrektur
Die zitierte Aussage erfüllt nüchtern betrachtet die Kriterien einer ideologisch motivierten Geschichtsfälschung:

Psychologisches Framing: Der „abtrünnige“ Sündenbock
Die Wortwahl im Wachtturm ist rhetorisch präzise kalkuliert. Sie folgt einem typischen Muster:

Das Neue Testament wurde griechisch verfasst
Das Tetragramm (יהוה) ist hebräisch, es gibt keine hebräischen Originalschriften des Neuen Testaments, und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass solche je existierten.
Die universitäre Bibelwissenschaft ist sich einig, dass das Neue Testament ursprünglich in Koine-Griechisch geschrieben wurde – der lingua franca der Mittelmeerwelt im 1. Jahrhundert.
Warum?
- Die Autoren wandten sich an ein hellenistisches Publikum, das Griechisch sprach – selbst in jüdischen Gemeinden außerhalb Judäas.
- Viele Zitate aus dem Alten Testament folgen der griechischen Septuaginta (nicht dem hebräischen Tanach).
- Die rhetorischen Mittel, Stilformen und Wortspiele im NT setzen Griechisch voraus (z. B. Wortspiele bei Kyrios, charis, logos etc.).
Auch jüdische Autoren wie Philo von Alexandria oder Josephus schrieben um diese Zeit auf Griechisch – nicht auf Hebräisch.
Dabei war die Verwendung des Begriffs Kyrios im Urchristentum keine Tilgung, sondern eine bewusste Übernahme der jüdischen Praxis aus der griechischen Septuaginta, wo das Tetragramm durch Kyrios wiedergegeben wurde – eine tief verwurzelte, von Jesus und seinen Jüngern verwendete Tradition.
Gibt es trotzdem „hebräische“ NT-Handschriften?
Ja – aber:
Es gibt späte, rückübersetzte Versionen des NT ins mittelalterliche Hebräisch, meist ab dem 12. Jh., z. B.:

Diese Texte sind keine Originale, sondern Übersetzungen aus dem Griechischen – teils mit missionarischer, teils mit apologetischer Intention. Sie enthalten oft das Tetragramm יהוה, aber nur als redaktionelle Ergänzung – nicht als ursprüngliches Textmerkmal.
Die Erfindung des Namens „Jehova“ – Ein mittelalterlicher Fehler mit Nachwirkungen
Was ist „Jehova“ überhaupt?
Der Name „Jehova“ wirkt auf viele religiös sozialisierte Menschen vertraut – gerade durch Lutherbibel, Kirchenlieder oder später auch die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas. Doch:
„Jehova“ ist keine ursprüngliche Gottesbezeichnung aus der Bibel – sondern eine phonetische Fehlkonstruktion aus dem Mittelalter.
Ursprung: Der Tetragramm-Name יהוה (JHWH)
Im hebräischen Alten Testament steht der Gottesname in der Form יהוה (hebräisch von rechts nach links: Jod–He–Waw–He). Dieser sogenannte Tetragrammaton bedeutet „der ist“ oder „der da ist“ (vgl. 2. Mose 3:14: Ehjeh asher ehjeh – „Ich bin, der ich bin“).
Doch:
- Im rabbinischen Judentum wurde das Aussprechen dieses Namens aus Ehrfurcht vermieden.
- Stattdessen las man beim Vorlesen „Adonaj“ (אֲדֹנָי, „Herr“) oder in manchen Fällen „Elohim“ („Gott“).
Der Fehler: Vokale von „Adonaj“ + Konsonanten von JHWH
Im Mittelalter versuchten christliche Gelehrte, den hebräischen Bibeltext verständlich zu machen. Dabei kam es zu einer grammatischen und phonetischen Fehlinterpretation:

Das ergab: JeHoVaH – eine Kombination, die nie gesprochen wurde und so auch nie gemeint war.
Wer war der Urheber?
Der erste bekannte Autor, der die Form „Jehova“ (lat. Iehoua) dokumentiert, war

Petrus Galatinus übernahm damit ungeprüft einen vokalisierten Lesehilfentrick, den jüdische Masoreten gerade eingeführt hatten, um nicht „JHWH“ auszusprechen.

Erste Bibeln mit „Jehova“
Später wurde „Jehova“ in mehreren Bibelübersetzungen übernommen, u. a.:
- William Tyndale’s Bibel (1530er) – erste Verwendung im Englischen
- King James Bible (1611) – vereinzelt
- Lutherbibel – setzte meist auf „der HERR“ (in Majuskeln), nicht auf „Jehova“
Die Vorstellung, „Jehova“ sei der authentische Gottesname, wurde also durch christliche Sprachtradition und Missverständnis verbreitet – nicht durch hebräische Originalquellen.
Was sagen heutige Forscher?
Sprachwissenschaft, Alttestamentler:innen und Judaisten sind sich einig:
✅ Die wahrscheinlichste historische Aussprache lautet „Yahweh“.
❌ „Jehova“ ist eine synthetische Mischform, die es im alten Israel nie gegeben hat.
Belege:
- Gesenius, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch (19. Jh.)
- The Anchor Bible Dictionary
- Encyclopaedia Judaica
- Journal of Biblical Literature
Theologische und ideologische Folgen
Die Wachtturm-Gesellschaft (Zeugen Jehovas) verwendet konsequent „Jehova“ – sowohl im Alten als auch willkürlich im Neuen Testament, obwohl dort kein einziges Manuskript diesen Namen enthält.
Diese Verwendung basiert nicht auf Textkritik, sondern auf Lehrtradition – kombiniert mit dem Wunsch, sich durch einen exklusiven Gottesnamen von „falschen Christen“ abzugrenzen.
„Jehova“ ist keine Offenbarung – sondern ein Missverständnis.
Entstanden aus einer gut gemeinten, aber fehlerhaften Kombination im Mittelalter, wurde der Name jahrhundertelang weitergetragen – und schließlich zur dogmatischen Grundlage einer ganzen Religionsgruppe erhoben.
Wer heute Wert auf biblische Genauigkeit legt, sollte wissen:
- Im Hebräischen: יהוה
- Wahrscheinlich gesprochen: Yahweh
- „Jehova“: Theologisches Kunstprodukt ab dem 13.–16. Jh.
Fazit: Ideologie statt Exegese:
Die Aussage aus dem Wachtturm vom 1. Juli 2010 ist nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern ideologisch gefährlich. Sie suggeriert eine Verschwörung „abtrünniger Christen“ gegen die Wahrheit – ein klassisches Sektennarrativ.
Der Name „Jehova“ kommt im Neuen Testament – weder im griechischen Urtext noch in den ältesten Manuskripten – auch nur ein einziges Mal vor.
Die Behauptung der Wachtturm-Gesellschaft, der Name sei „von abtrünnigen Christen entfernt worden“, ist historisch völlig unbelegt. Es gibt keine Textzeugen, keine Randbemerkungen, keine paläografischen Spuren für eine solche Tilgung.
Was wirklich geschah:
Man hat „Jehova“ nicht entfernt.
Die Organisation hat ihn später eingefügt.
Wer sich mit Textüberlieferung, Handschriften und neutestamentlicher Theologie auseinandersetzt, erkennt:
Hier geht es nicht um Rückgewinnung der Wahrheit – sondern um Konstruktion eines Alleinstellungsmerkmals.
Weiterführende Artikel:
- 📚 Die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas – Hintergründe, Kritik und Analyse
Ein Überblick über Geschichte, Struktur und Absichten der hauseigenen Bibelübersetzung der Zeugen Jehovas – inklusive theologischer und sprachlicher Einordnung. - 📚 Textkritische Analyse – Die Neue-Welt-Übersetzung im Vergleich zum Urtext
Eine detaillierte Gegenüberstellung mit dem griechischen Grundtext – zeigt, wo die Neue-Welt-Übersetzung vom Originaltext abweicht und warum. - 📚 Die Bibel vs. Neue-Welt-Übersetzung – Was sagt der Urtext?
Vergleich klassischer Bibelübersetzungen mit der NWT – inklusive Bewertung zentraler Lehraussagen auf textlicher Ebene. - 📚 Die Neue-Welt-Übersetzung – Kritik und Kontext
Eine psychologisch-rhetorische Analyse: Wie Sprache und Begriffe gezielt verändert werden, um Deutungshoheit zu sichern.
Quellen (kurz & zitierfähig)
- Der Wachtturm, 1. Juli 2010, S. 6–7.
- Nestle-Aland (NA28), Novum Testamentum Graece.
- UBS5, Greek New Testament.
- Bruce M. Metzger: The Text of the New Testament: Its Transmission, Corruption, and Restoration.
- Gesenius, Wilhelm: Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch (19. Aufl.).
- Encyclopaedia Judaica (2. Aufl., Band 7, S. 680–681, Artikel „Tetragrammaton“).
- Petrus Galatinus: De Arcanis Catholicae Veritatis, 1518.
- Journal of Biblical Literature, diverse Artikel zur Textkritik.
- Septuaginta (Rahlfs/Hanhart), Einleitung und Variantenapparat.
Juristische Fußnote als Fließtext Die Kritik an der Einfügung des Namens „Jehova“ in das Neue Testament bezieht sich ausschließlich auf öffentlich zugängliche Quellen und Aussagen der Wachtturm-Gesellschaft (z. B. Der Wachtturm, 1. Juli 2010, S. 6–7) sowie auf die Ergebnisse der internationalen neutestamentlichen Textforschung. Der Begriff „Geschichtsfälschung“ wird nicht im strafrechtlichen Sinne (z. B. nach § 267 StGB), sondern im theologischen und ideologiekritischen Kontext verwendet – als Bezeichnung für eine unbewiesene Tatsachenbehauptung, die dem wissenschaftlichen Konsens widerspricht. Die Einordnung erfolgt im Rahmen der verfassungsrechtlich geschützten Meinungsfreiheit sowie im Sinne zulässiger wissenschaftlicher und weltanschaulicher


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