Die Leitende Körperschaft hat offenbar eine revolutionäre Entdeckung gemacht:
Wenn die Bibel etwas nicht ausdrücklich regelt, sollte man vielleicht auch keine verbindliche religiöse Vorschrift daraus machen.
Ein Verteidiger der Organisation auf Gutefragen.net erklärt die jüngste Änderung deshalb als Zeichen von Bescheidenheit und Respekt vor dem persönlichen Gewissen. Entscheidungen würden nun wieder „an den Einzelnen zurückgegeben“.
Dieses eine Wort ist bemerkenswert:
zurückgegeben. Lasst das mal auf der Zunge zergehen ZURÜCKGEGEBEN!
Also würde es ihn vorher genommen…. Interessant!
Stell dir vor, ein Mann nimmt seinem erwachsenen Nachbarn den Schlüssel zu dessen eigenem Haus ab.
Jahrelang entscheidet er, wann der Nachbar hinein- und hinausgehen darf. Eines Tages liest er die Hausordnung noch einmal und stellt fest: Dort steht überhaupt nicht, dass er den Schlüssel behalten darf.
Also gibt er ihn zurück.
Der Nachbar ist begeistert:
„Was für ein bescheidener Mann! Wie sehr er doch meine persönliche Freiheit respektiert!“
Niemand fragt mehr, warum er den Schlüssel überhaupt hatte.
Und genau darin liegt der Trick.
Denn was wird hier eigentlich gefeiert?

Erst bindet eine Organisation das Gewissen ihrer Mitglieder. Dann lockert sie ihre eigene Regel. Anschließend wird genau diese Lockerung als Beweis dafür präsentiert, wie zurückhaltend die Organisation doch mit ihrer Autorität umgeht.
Das ist keine besonders überzeugende Erfolgsgeschichte. Das ist ein bemerkenswertes Stück Framing.
Noch deutlicher wird es, wenn Kritiker anschließend als diejenigen erscheinen, die solche Änderungen unfair bewerten oder sogar das Leiden anderer für ihre Kritik benutzen. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit elegant: weg von der Frage, wer die ursprüngliche verbindliche Regel aufgestellt hat, hin zu den angeblich bösen Reaktionen der Kritiker.
Auch die medizinische Argumentation funktioniert ähnlich: Einzelne Studien über bestimmte Patientengruppen werden angeführt, um den Eindruck zu vermitteln, die frühere Blutpolitik sei medizinisch im Grunde unproblematisch gewesen. Das beantwortet aber überhaupt nicht die historische Frage nach den Folgen einer weltweit verbindlichen religiösen Vorschrift.
Und diese Geschichte lässt sich nicht einfach wegmoderieren.
1994 schrieb Erwachet! selbst über junge Zeugen, die „für Gott“ starben, und stellte ausdrücklich klar, dass dabei Bluttransfusionen das Thema waren. Das ist keine nachträgliche Behauptung von Kritikern, sondern die eigene damalige Darstellung der Organisation.
Und nun soll die teilweise Rückgabe persönlicher Entscheidungsfreiheit plötzlich ein Beweis für Demut sein?
Vielleicht ist genau das die bemerkenswerteste Leistung dieser Argumentation:
Aus dem Rückzug einer eigenen Vorschrift die viel Leid bewirkt hat, wird ein Beweis für die Weisheit derjenigen gemacht, die sie überhaupt erst aufgestellt haben. Das ist wirklich absurd!
Das eigene Gewissen, jetzt neu als Fortschritt verkauft.
Quelle: https://www.gutefrage.net/diskussion/ein-interessantes-dokument


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