1986 erschien in den USA eine Dokumentation, die heute beinahe wie ein Stück Zeitgeschichte wirkt: „Witnesses of Jehovah“ von Leonard und Marjorie Chretien, produziert von Jeremiah Films.
Der Film dauert rund 58 Minuten und beschäftigt sich mit der Geschichte, den Lehren und den inneren Strukturen der Zeugen Jehovas. Besonders bemerkenswert ist dabei nicht nur, was gezeigt wird, sondern wann.
1986 gab es noch kein World Wide Web.
Tim Berners-Lee entwickelte seine Idee dafür erst 1989 am CERN. Für einen Zeugen Jehovas, der damals Zweifel hatte oder Aussagen der Organisation überprüfen wollte, sah die Informationswelt deshalb völlig anders aus als heute.
Kein YouTube. Keine Suchmaschinen. Keine digitalisierten alten Wachtturm-Ausgaben. Keine Ex-Zeugen auf Reddit. Keine Möglichkeit, innerhalb weniger Minuten unterschiedliche Quellen miteinander zu vergleichen.
Und genau in dieser Welt erschien „Witnesses of Jehovah“.
Die Informationen waren längst da

Dieser Punkt beschäftigt mich beim heutigen Anschauen besonders.
Ich war 1986 selbst ein Kind bei den Zeugen Jehovas.
Und vieles von dem, was in dieser Dokumentation bereits damals offen besprochen wurde, habe ich selbst erst viele Jahre, teilweise Jahrzehnte später erfahren.
Nicht, weil die Informationen noch nicht existierten.
Sie existierten.
Raymond Franz hatte bereits 1983 sein Buch „Crisis of Conscience“ veröffentlicht. Carl Olof Jonsson hatte seine Untersuchungen zur Chronologie der Wachtturm-Gesellschaft längst durchgeführt. Ehemalige Mitglieder berichteten über Ächtung, Blut, 1975 und die Entscheidungsprozesse innerhalb der Organisation.
1986 konnte man einige dieser Menschen sogar selbst auf einer Videokassette sprechen sehen.
Nur innerhalb meiner damaligen Informationswelt kam davon praktisch nichts an.
Für mich zeigt das rückblickend sehr deutlich, wie wirksam die Abschottung in der Zeit vor dem World Wide Web funktionieren konnte.
Heute muss man nur wissen, was man in eine Suchmaschine eingibt.
Damals musste man zunächst einmal wissen, dass es außerhalb der eigenen Organisation überhaupt etwas zu suchen gab.
Raymond Franz über die Leitende Körperschaft

Der vielleicht wichtigste Gesprächspartner des Films ist Raymond Franz.
Franz war bis 1980 selbst Mitglied der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas. Damit sprach hier nicht irgendein außenstehender Kritiker über die Führung der Organisation, sondern jemand, der selbst an deren Sitzungen und Entscheidungen beteiligt gewesen war.
Im Film beschreibt Franz, dass seine Vorstellung von der Leitenden Körperschaft vor seiner Berufung eine andere gewesen sei. Er habe erwartet, dass bei Entscheidungen intensiv die Bibel untersucht werde.
Seine tatsächliche Erfahrung schildert er deutlich nüchterner:
„The Bible was rarely appealed to, was rarely used.“
Nach seiner Darstellung ging es bei vielen Beratungen vor allem darum, bestehende Organisationspolitik anzuwenden. Wenn biblische Argumente mit bereits geltenden Regelungen kollidierten, habe die Organisationspolitik teilweise Vorrang erhalten.
Gerade dieser Ausschnitt ist auch heute noch bemerkenswert.
Denn Franz hatte sein Buch „Crisis of Conscience“ erst drei Jahre zuvor veröffentlicht. 1986 konnte man den ehemaligen Angehörigen der höchsten Leitungsebene nun zusätzlich selbst vor der Kamera darüber sprechen hören.
Carl Olof Jonsson und das Problem mit 607 v. u. Z.

Ein weiterer wichtiger Zeitzeuge ist Carl Olof Jonsson.
https://ca.wikipedia.org/wiki/Carl_Olof_Jonsson
Jonsson hatte sich intensiv mit der Chronologie beschäftigt, auf der die Wachtturm-Lehre über 1914 aufbaut. Dabei stellte er fest, dass die historische Forschung die Zerstörung Jerusalems nicht auf 607 v. u. Z., sondern etwa zwanzig Jahre später datiert.
Im Film beschreibt er, wie seine Nachforschungen begannen und welche Reaktion sie innerhalb der Organisation auslösten.
Besonders aufschlussreich ist seine Erinnerung an eine Warnung:
„I was warned that I should not share my findings with other witnesses.“
Jonsson schildert also, dass er seine Ergebnisse nicht mit anderen Zeugen teilen sollte.
Damit behandelte die Dokumentation bereits 1986 eines der zentralen Probleme der Wachtturm-Chronologie, das heute in fast jeder ausführlicheren kritischen Auseinandersetzung mit 1914 auftaucht.
Russell und die Große Pyramide
Die Dokumentation beginnt ihren historischen Rückblick bei Charles Taze Russell.
Zu den heute weitgehend vergessenen Teilen seiner Lehre gehörte die Vorstellung, dass die Große Pyramide von Gizeh göttlich angelegte chronologische Informationen bestätige. Maße innerhalb der Pyramide wurden mit prophetischen Zeitberechnungen verbunden.
Russell glaubte unter anderem, seine Berechnungen über 1914 auf diese Weise zusätzlich bestätigt zu sehen.
Der Film zeigt damit schon zu Beginn eine frühe Phase der Wachtturm-Geschichte, die sich erheblich von dem unterscheidet, was heutige Zeugen Jehovas über die Anfänge ihrer Organisation gewöhnlich erfahren.
1925 und „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“
Nach Russell wendet sich der Film Joseph Rutherford zu.
Unter Rutherford wurde die Kampagne „Millions Now Living Will Never Die“ zu einer wichtigen öffentlichen Botschaft der damaligen Bibelforscher.
Mit dem Jahr 1925 verband Rutherford unter anderem die Erwartung, dass Abraham, Isaak, Jakob und andere „Glaubensmänner der alten Zeit“ auf der Erde zurückkehren würden.
Die Dokumentation zeigt anhand früher Veröffentlichungen, wie bestimmt diese Erwartungen teilweise formuliert wurden.
1925 kam und ging.
Die erwarteten Ereignisse traten nicht ein.
In diesen Zusammenhang gehört auch Beth Sarim, das Haus in San Diego, das mit der erwarteten Rückkehr der alttestamentlichen „Fürsten“ begründet wurde und später von Rutherford selbst genutzt wurde.
1975: Entscheidungen, die ein Leben bestimmten
Von der Verantwortung der Leitung führt der Film zu einem damals noch sehr jungen Kapitel der Wachtturm-Geschichte: dem Jahr 1975.
Mehrere ehemalige Zeugen berichten, wie stark die Erwartung des nahenden Endes ihre persönlichen Entscheidungen beeinflusst habe.
Eine Aussage bringt die damalige Stimmung sehr direkt auf den Punkt:
„We thought Armageddon was coming in 1975.“
Andere berichten davon, auf Ausbildung oder berufliche Pläne verzichtet, Familienplanung verschoben oder Besitz verkauft zu haben.
Interessant ist dabei, dass der Betreiber des YouTube-Kanals „The JW Circus“ Jahrzehnte später schildert, er habe ungefähr zwölf Jahre mit Zeugen Jehovas studiert und trotzdem erst durch diese alte Dokumentation von der Bedeutung des Jahres 1975 erfahren.
Das beschreibt ziemlich genau ein Problem, das auch ich aus eigener Erfahrung kenne:
Die Information existiert.
Aber innerhalb der eigenen Informationswelt erfährt man sie nicht unbedingt.
Was lehrte die Organisation eigentlich 1919?
Anschließend geht es um die Legitimation der Wachtturm-Gesellschaft selbst.
Die Zeugen Jehovas lehren, dass Christus die Organisation beziehungsweise den „treuen und verständigen Sklaven“ um 1919 in besonderer Weise auswählte.
Der Film stellt deshalb eine naheliegende Frage:
Was lehrte diese Organisation eigentlich genau zu dem Zeitpunkt, an dem Christus sie angeblich geprüft und ausgewählt haben soll?
Dafür wird unter anderem das damals aktuelle Buch „The Finished Mystery“ betrachtet.
Darin finden sich zahlreiche Auslegungen und zeitliche Erwartungen, die heute längst nicht mehr vertreten werden.
Das Argument ist einfach: Wenn 1919 für die Legitimation der heutigen Leitung eine so zentrale Rolle spielt, muss auch untersucht werden dürfen, welche „geistige Speise“ damals tatsächlich verbreitet wurde.
Die Neue-Welt-Übersetzung und J. R. Mantey
Danach beschäftigt sich die Dokumentation ausführlicher mit der Bibelübersetzung der Zeugen Jehovas.
Der Bibelwissenschaftler J. R. Mantey tritt selbst vor die Kamera und kritisiert die Verwendung seiner wissenschaftlichen Arbeiten durch die Wachtturm-Gesellschaft.
Daneben wird Johannes Greber thematisiert, dessen Übersetzung in früheren Veröffentlichungen zur Unterstützung bestimmter Wiedergaben herangezogen wurde.
Hier ist der evangelikale Hintergrund der Dokumentation allerdings besonders deutlich.
Die Kritik an der Neuen-Welt-Übersetzung wird teilweise mit einer eigenen trinitarischen theologischen Position verbunden. Diese theologischen Schlussfolgerungen sollte man deshalb von der historischen Frage trennen, wie wissenschaftliche Quellen durch die Wachtturm-Gesellschaft verwendet wurden.
Malawi und Mexiko
Später wendet sich der Film den konkreten Folgen von Entscheidungen der Organisationsleitung zu.
Einer der schwerwiegendsten Abschnitte behandelt die unterschiedliche Politik in Malawi und Mexiko.
In Malawi durften Zeugen Jehovas nach den Vorgaben der Organisation eine politische Parteikarte nicht erwerben. Die Konsequenzen waren schwere Verfolgungen.
Gleichzeitig bestand in Mexiko eine andere Situation. Dort wurde Zeugen beim Umgang mit Dokumenten im Zusammenhang mit dem Militärdienst nach der im Film dargestellten internen Korrespondenz erheblich mehr persönlicher Gewissensspielraum eingeräumt.
Raymond Franz erläutert diesen Gegensatz selbst.
Der Film fragt deshalb, warum in zwei Ländern gleichzeitig so unterschiedliche Maßstäbe gelten konnten, obwohl die Folgen für die Betroffenen in Malawi dramatisch waren.
Gerade dieser Abschnitt zeigt, dass organisatorische Regeln keine abstrakten theologischen Fragen bleiben müssen.
Sie können ganz konkrete Folgen für Menschen haben.
Blut und Gewissensentscheidungen
Auch die Blutlehre wird anhand persönlicher Erfahrungen behandelt.
Besonders eindringlich ist der Bericht der Familie Blizard über eine medizinische Entscheidung für ihre Tochter Jenny.
Die Eltern schildern den religiösen und sozialen Druck, unter dem sie standen, sowie die Reaktionen anderer Zeugen, nachdem das Kind aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung Blut erhalten hatte.
Bemerkenswert ist weniger, dass der Film die Blutlehre kritisiert.
Bemerkenswert ist, dass bereits 1986 die praktischen Konsequenzen dieser Regel anhand einer konkreten betroffenen Familie dokumentiert wurden.
Ächtung und der Preis des Austritts
Gegen Ende des Films rückt schließlich die Frage in den Mittelpunkt, was geschieht, wenn jemand die Organisation verlässt oder ausgeschlossen wird.
Ehemalige Mitglieder berichten über den Verlust von Freunden und Familienkontakten.
Eine Betroffene formuliert ihre Erfahrung drastisch:
„There is no honorable way out of this religion.“
Damit behandelt die Dokumentation bereits 1986 ein Thema, das bis heute zu den am stärksten diskutierten Praktiken der Zeugen Jehovas gehört.
Gerade beim heutigen Anschauen fällt auf, wie wenig neu manche Debatten tatsächlich sind.
Über Ächtung, familiäre Trennung und die sozialen Folgen eines Austritts wurde schon damals öffentlich gesprochen.
Brachte die Dokumentation Zeugen Jehovas zum Ausstieg?
Wie viele Zeugen Jehovas „Witnesses of Jehovah“ unmittelbar nach seiner Veröffentlichung tatsächlich zum Zweifeln oder zum Verlassen der Organisation brachte, lässt sich heute nicht seriös feststellen.
Dass der Film Menschen zum Nachforschen brachte, ist dagegen gut nachvollziehbar.
Der Betreiber von „The JW Circus“ berichtet beispielsweise, dass ihm die Dokumentation 2018 zufällig auf YouTube angezeigt worden sei. Er hatte zu diesem Zeitpunkt nach eigener Aussage ungefähr zwölf Jahre mit Zeugen Jehovas studiert und nie gezielt nach kritischem Material gesucht.
Was er in diesem Film sah, habe ihn so überrascht, dass er ihn seinem Bibellehrer schickte. Dessen Reaktion sei äußerst ablehnend gewesen. Der Film habe ihn schließlich dazu gebracht, selbst weiterzuforschen.
In den Kommentaren seines aktuellen Videos findet sich sogar ein Zuschauer, der sich daran erinnert, die Dokumentation bereits kurz nach ihrem ursprünglichen Erscheinen in einer kirchlichen Jugendgruppe gesehen zu haben.
Die VHS zirkulierte also tatsächlich schon Jahrzehnte vor YouTube.
Eine kleine Delle im Wachstum
Auch die offiziellen Zahlen aus den USA sind zumindest interessant.
Von einem Mitgliedereinbruch kann keine Rede sein. Die Zahl der Verkündiger stieg weiter.
1986 meldeten die Zeugen Jehovas in den USA durchschnittlich 710.344 Verkündiger und einen Zuwachs von 5 Prozent. Im folgenden Dienstjahr stieg die Zahl auf 734.378, der ausgewiesene Zuwachs sank jedoch auf 3 Prozent. Auch die Zahl der Taufen fiel von 41.697 im Jahr 1986 auf 39.189 im Jahr 1987. 1988 zog die Entwicklung wieder etwas an.
Man sieht also tatsächlich eine kleine Abschwächung des zuvor stärkeren Wachstums.
Diese lässt sich selbstverständlich nicht einfach dieser Dokumentation zuschreiben.
Bereits 1983 war Raymond Franz’ „Crisis of Conscience“ erschienen. Hinzu kamen weitere kritische Veröffentlichungen und selbstverständlich zahlreiche gesellschaftliche, demografische und organisationsinterne Faktoren.
Bemerkenswert ist lediglich der zeitliche Zusammenhang:
Mitte der 1980er-Jahre wurden ehemalige hochrangige Insider erstmals für ein größeres Publikum sichtbar. Raymond Franz veröffentlichte sein Buch – und wenige Jahre später konnte man ihn auf VHS selbst über die Leitende Körperschaft sprechen hören.
Gleichzeitig schwächte sich das zuvor stärkere Wachstum in den USA zumindest vorübergehend etwas ab.
Mehr beweisen die Zahlen nicht.
Aber der zeitliche Zusammenhang gehört zur Geschichte dieser Phase dazu.
Jeremiah Films kommt aus einem evangelikal-christlichen Umfeld. Historische Kritik an der Wachtturm-Gesellschaft wird deshalb teilweise mit eigener christlicher Apologetik und insbesondere mit trinitarischen Gegenpositionen verbunden.
Diese theologischen Schlussfolgerungen muss man nicht teilen.
Ich teile sie ebenfalls nicht.
Man sollte deshalb historische Aussagen, persönliche Zeugnisse und theologische Argumentation voneinander unterscheiden.
Der eigentliche Wert des Films liegt für mich ohnehin an einer anderen Stelle:
Raymond Franz spricht dort selbst.
Carl Olof Jonsson spricht dort selbst.
Menschen berichten über 1975, 1914, 1925, Ächtung, Blut und die Folgen organisatorischer Entscheidungen.
Und all das wurde 1986 veröffentlicht.
Drei Jahre bevor Tim Berners-Lee seinen ersten Vorschlag für das World Wide Web schrieb.
Was mich heute an diesem Film am meisten beschäftigt
Fast vier Jahrzehnte später ist für mich deshalb nicht einmal eine einzelne „Enthüllung“ das Bemerkenswerteste.
Es ist die Erkenntnis, wie lange Informationen vorhanden sein können, ohne Menschen innerhalb eines abgeschlossenen Informationssystems zu erreichen.
Ich war damals selbst ein Kind bei den Zeugen Jehovas.
Viele dieser Dinge erfuhr ich erst Jahre oder Jahrzehnte später.
Heute sehe ich eine Dokumentation von 1986 und stelle fest:
Die Informationen waren längst vorhanden.
Sie waren dokumentiert.
Ehemalige Mitglieder und sogar frühere Personen aus der höchsten Leitungsebene sprachen öffentlich darüber.
Nur in meiner damaligen Welt kamen sie nicht vor.
Vielleicht zeigt kaum etwas deutlicher, wie wirkungsvoll Informationsabschottung in der Zeit vor dem World Wide Web sein konnte.

Der vollständige Film
„Witnesses of Jehovah“ ist heute vollständig auf YouTube verfügbar:
„Witnesses of Jehovah (Complete Official) – Jeremiah Films“ auf YouTube ansehen
Der Film ist englischsprachig. Eine offizielle deutsche Synchronisation oder eine vollständige deutsche Untertitelfassung konnte ich bislang leider nicht finden. Fall jemand eine deutsche Fassung kennt schreibst es mit bitte.


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