Die Lehre der Zeugen Jehovas, dass Jesus eine konkrete „Leitende Körperschaft“ als „treuen und verständigen Sklaven“ eingesetzt habe, basiert ausschließlich auf Matthäus 24 – ohne den parallelen Kontext in Lukas 12 zu berücksichtigen. Dort wird klar: Es handelt sich um ein Gleichnis, nicht um eine Prophezeiung. Weder der „treue“ noch der „böse“ Sklave wird eingesetzt – vielmehr geht es um Verantwortung und Konsequenz.
Der Beitrag zeigt, wie die Organisation selektiv Bibeltexte verwendet, um ihre Autorität zu legitimieren. Jesu Aussage in Johannes 14,26 – dass der Heilige Geist lehre, nicht eine Organisation – widerspricht der zentralen Machtstruktur der Zeugen Jehovas. Das Gleichnis wird so zur Warnung vor genau dem, was die Leitende Körperschaft beansprucht zu sein.
Die Frage, die sich aber zuerst stellt, ist das, was in Matthäus 24 steht, tatsächlich eine Prophezeiung oder doch ein Gleichnis, wie es alle anderen christlichen Glaubensgemeinschaften sehen?
Hier nochmal die Verse, die die Leitende Körperschaft als treuen und verständigen Sklaven legitimieren sollen. Lesen wir zusammen:
Matthäus 24:45-51: 45 (NWÜ) Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave, dem sein Herr die Verantwortung für seine Hausdiener übertragen hat, damit er ihnen zur richtigen Zeit ihre Nahrung gibt?
46 Glücklich ist jener Sklave, wenn sein Herr kommt und sieht, dass er genau das tut! 47 Ich versichere euch: Sein Herr wird ihm die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen. 48 Falls sich aber jener schlechte Sklave jemals sagen sollte: „Mein Herr verspätet sich“ 49 und er anfängt, die anderen Sklaven zu schlagen und mit den Gewohnheitstrinkern zu essen und zu trinken, 50 wird der Herr jenes Sklaven an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, 51 und ihn äußerst hart bestrafen und ihm seinen Platz bei den Heuchlern zuweisen. Dort wird er weinen und mit den Zähnen knirschen.
Siehst du hier eine Prophezeiung?
Warum wird ein treuer und verständiger Sklave als Möglichkeit erwähnt, aber kein schlechter? Behalten wir das für später im Sinn.
Wenn du mit der Bibel etwas vertraut bist, kennst du sicher alle vier Evangelien. Und dir ist bewusst, dass die vier Evangelien oft dasselbe Ereignis im Leben Jesu beschreiben, nur aus dem Blickwinkel des jeweiligen Apostels. So ist es auch hier: Nicht nur Matthäus hat Jesu Worte niedergeschrieben, sondern auch Lukas war Zeuge dieser Worte und hat die Situation ebenfalls schriftlich festgehalten, nur mit seinen Worten, im Paralleltext zu Matthäus 24:45-51, nämlich in Lukas 12:41-48.
Lesen wir mal genau Lukas 12:41-48: 41 Daraufhin fragte Petrus: „Herr, bringst du diesen Vergleich nur für uns oder für alle?“
Hier haben wir die Frage aus Matthäus 24:45 – es ist also eine Frage von Petrus gewesen. Petrus wollte damit nur klarmachen, ob dieses Gleichnis nur für die Apostel bestimmt war oder für alle, die sich zu dem Zeitpunkt um Jesus versammelt hatten.
Interessant ist auch, dass hier selbst im Urtext wörtlich von einem Gleichnis die Rede ist und nicht von einer Prophezeiung.


42 Der Herr erwiderte: „Wer ist in Wirklichkeit der treue Verwalter, der verständige, dem sein Herr die Verantwortung für seine Dienerschaft übertragen wird, damit er ihnen immer zur richtigen Zeit ihr Maß an Nahrung gibt?
43 Glücklich ist jener Sklave, wenn sein Herr kommt und sieht, dass er genau das tut! 44 Ich sage euch die Wahrheit: Sein Herr wird ihm die Verantwortung für seinen ganzen Besitz übertragen. 45 Falls sich aber jener Sklave jemals sagen sollte: „Mein Herr verspätet sich“ und anfängt, die Diener und Dienerinnen zu schlagen, und beginnt, zu essen und zu trinken, ja sich zu betrinken, 46 wird der Herr jenes Sklaven an einem Tag kommen, an dem er ihn nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und ihn äußerst hart bestrafen und ihm seinen Platz unter den Untreuen zuweisen. 47 Dann wird jener Sklave, der zwar verstand, was sein Herr wollte, sich aber weder bereit machte noch seinen Auftrag erfüllte, viele Schläge bekommen. 48 Der dagegen, der es nicht verstand, aber etwas tat, wofür er Schläge verdient, wird wenige bekommen. Von jedem, dem viel gegeben wurde, wird viel verlangt werden, und wem viel anvertraut wurde, von dem wird man mehr als das Übliche verlangen.
Wenn man die Situation hier liest, klingt es noch weniger nach einer Prophezeiung als im Matthäusevangelium. Die Aussage des Gleichnisses ist: Jedem, dem viel gegeben wurde, wird auch viel abverlangt. Und Jesus spricht hier von jedem, nicht nur von einer elitären Gruppe. Ganz klar richtet sich Jesus an die gesamte Volksmenge, die sich versammelt hatte, und nicht nur an seine Apostel.
Im Lukasevangelium wird nicht nur von einem Sklaven gesprochen, sondern sogar von drei Sklaven. Ich möchte dir die Erklärung der Zeugen Jehovas Leitung aber nicht vorenthalten:
Der Wachtturm 15.07.2013: Sagte Jesus damit voraus, es werde in den letzten Tagen einen kollektiven bösen Sklaven geben? Nein. Hin und wieder haben zwar Einzelpersonen eine Einstellung erkennen lassen, wie Jesus sie beschreibt — Personen, die wir als Abtrünnige einstufen würden, ganz gleich, ob sie Gesalbte waren oder zur „großen Volksmenge“ gehörten (Offb. 7:9). Aber diese Einzelnen bilden keinen kollektiven „übelgesinnten Sklaven“. Jesus hat nicht gesagt, er werde so einen bösen Sklaven einsetzen. Seine Worte sind vielmehr als Warnung für den treuen und verständigen Sklaven gedacht.
Hier steht, dass Jesus nicht gesagt habe, er würde einen bösen Sklaven einsetzen – das ist korrekt. Aber: Jesus hat auch nicht gesagt, er werde einen treuen Sklaven einsetzen! Und was ist mit dem dritten Sklaven? Ergibt das alles für dich einen Sinn?
Das Lukasevangelium wird von der Leitenden Körperschaft bei dieser Predigt Jesu völlig ignoriert, da es nicht zur Annahme passt, dass es sich hier um eine prophetische Predigt handelt. Es wird also ein und dieselbe Jesus-Predigt von Matthäus und Lukas wiedergegeben, aber die Leitende Körperschaft ignoriert die von Lukas völlig und baut ihre ganze Lehre allein auf die von Matthäus auf, ohne sie im Kontext zu der von Lukas zu sehen? Und das soll seriöses Bibelstudium sein?
Wenn du eine Zeugen Jehovas bist, bitte lese dir die Kapitel sowohl in Matthäus als auch in Lukas in Ruhe durch. Und beantworte mir eine Frage: Reicht dir das als Legitimierung? Hast du keine Angst, genau darauf hereinzufallen, wovor Jesus in Matthäus 7:15 warnt: „Vorsicht vor den falschen Propheten, die als Schafe verkleidet zu euch kommen, in Wirklichkeit aber gefräßige Wölfe sind“?
Ich persönlich hätte schlaflose Nächte und Angst davor, lebenslang den falschen Lehrern zu folgen.
Als Jesus im Begriff war, seine Jünger zu verlassen, sagte er ihnen nicht: „Ich sende euch den treuen und verständigen Sklaven. Er wird euch lehren und euch in allen Dingen leiten.“
Nein, er sagte vielmehr:
„Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannes 14:26)
Und der Heilige Geist ist mit Sicherheit nicht auf einen kleinen elitären Personenkreis beschränkt.…
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