Die erstaunliche Drei-Klassen-Ordnung hinter der Lehre der Zeugen Jehovas
Die meisten Zeugen Jehovas gehören zu den „anderen Schafen“. Nach der eigenen Lehre ihrer Organisation sind sie nicht am neuen Bund beteiligt, nicht Miterben Christi und gelten gegenwärtig als Freunde Gottes, während die Geistgesalbten als seine Söhne gerechtgesprochen werden.
Selbst Jesus ist nach älteren, weiterhin zur Lehre passenden Wachtturm-Erklärungen nicht ihr „rechtlicher Mittler“ des neuen Bundes. Doch auch unter den Gesalbten besteht seit 2013 ein entscheidender Unterschied: Nicht alle Gesalbten bilden den „treuen und verständigen Sklaven“, sondern nur eine kleine Gruppe, die Leitende Körperschaft.
Die übrigen Gesalbten behalten ihren besonderen theologischen Status, besitzen als Gruppe aber keine eigenständige Lehr- oder Kontrollfunktion.
Auch sie erhalten die offizielle Bibelauslegung von oben. Damit ergibt sich praktisch eine Ordnung aus drei Ebenen: Leitende Körperschaft, übrige Gesalbte, „andere Schafe“. Und ausgerechnet bei der kleinsten Gruppe konzentriert sich die maßgebliche Lehr- und Deutungsmacht.
Gleichzeitig fällt in den Veröffentlichungen der vergangenen Jahre immer stärker eine Sprache des Vertrauens, Folgens und Gehorchens auf. 2022 sollen selbst scheinbar „unlogische“ Anweisungen nicht gerade dann angezweifelt werden; 2023 soll man sich mit Informationen, die Zweifel an der Organisation wecken, möglichst gar nicht beschäftigen; 2024 soll das Vertrauen in die Organisation gestärkt werden; 2025 sollen Anweisungen „gern und schnell“ umgesetzt werden.
Die Frage dieses Artikels lautet deshalb nicht nur: Wer ist nach dieser Lehre auserwählt?
Sondern auch: Wer legt eigentlich fest, was Gott will – und welche Rolle bleibt allen anderen?
„Bist du bereit, deine Religion einer solchen Prüfung zu unterziehen?“
So fragte ausgerechnet der Wachtturm vom 1. Juli 1958 auf Seite 389. Er empfahl seinen Lesern damals, die eigene Religion an der Bibel zu prüfen und sich nicht einfach auf religiöse Führer oder ein Religionssystem zu verlassen.
Nehmen wir diesen Rat einmal ernst.
Wenn du aktiver oder ehemaliger Zeuge Jehovas bist, hätte ich zunächst ein paar Fragen an dich.
Wusstest du, dass du, sofern du zu den „anderen Schafen“ gehörst, nach der Lehre der Zeugen Jehovas nicht am neuen Bund beteiligt bist?
Wusstest du, dass Jesus nach einer ausdrücklichen Wachtturm-Erklärung nicht dein „rechtlicher Mittler“ dieses Bundes ist?
Wusstest du, dass du gegenwärtig nicht als Sohn oder Tochter Gottes adoptiert bist, sondern als Freund Gottes giltst?
Wusstest du, dass du kein Miterbe Christi bist?
Wusstest du, dass nach eigener Wachtturm-Erklärung sogar das Neue Testament „vor allem“ für eine andere Gruppe vorgesehen war – nämlich für die Gesalbten?
Wenn du als Angehöriger der „anderen Schafe“ die Bibel liest, bist du nach dieser Lehre bei vielen ihrer zentralen christlichen Verheißungen gar nicht der eigentliche Adressat. Neuer Bund, Gotteskindschaft, Miterbschaft – vieles davon gilt zunächst den Gesalbten.
Und selbst innerhalb der Gesalbten gibt es seit 2013 noch einmal eine entscheidende Trennung: Die verbindliche Lehrfunktion liegt nicht bei allen Gesalbten, sondern bei einer kleinen Gruppe von ihnen – der Leitenden Körperschaft.
Du darfst lesen, lernen und glauben.
Aber du bist in diesem System vor allem Geführter.
Falls du all das wusstest, würde mich eine weitere Frage interessieren:
Wie hat man dir das erklärt?
Hat man dir diese Lehren jemals nebeneinandergelegt?
Oder kanntest du zwar die einzelnen Begriffe – „144.000“, „andere Schafe“, „Gesalbte“, „irdische Hoffnung“, „neuer Bund“, „treuer und verständiger Sklave“ –, ohne das gesamte System einmal als Ganzes zu betrachten?
Denn wenn man das tut, entsteht ein bemerkenswertes Bild.
Ein Haus mit drei Stockwerken
Die Organisation selbst spricht hauptsächlich von zwei unterschiedlichen Hoffnungen: einer himmlischen Hoffnung für die Gesalbten und einer irdischen Hoffnung für die „anderen Schafe“.
Wenn man aber nicht nur die Hoffnung für die Zukunft betrachtet, sondern die heutige Stellung und Autorität innerhalb der Organisation, reicht diese Zweiteilung nicht mehr aus.
Spätestens seit der Lehränderung von 2013 ergibt sich praktisch eine Ordnung aus drei Gruppen.
Ganz oben steht die Leitende Körperschaft. Alle ihre Mitglieder gehören zu den Geistgesalbten. Diese kleine Gruppe bildet nach heutiger Lehre den „treuen und verständigen Sklaven“, bereitet die „geistige Nahrung“ vor und führt die weltweite Organisation. JW.org erklärt ausdrücklich, dass alle Mitglieder der Leitenden Körperschaft gesalbt sind und später mit Christus regieren sollen. JW.ORG
In der Mitte stehen die übrigen Gesalbten. Auch sie gehören zu den 144.000. Sie stehen nach der Wachtturm-Lehre im neuen Bund, gelten als Söhne Gottes und Miterben Christi und besitzen die himmlische Hoffnung.
Aber sie besitzen als Gruppe keine eigenständige Lehrmacht.
Ganz unten stehen die „anderen Schafe“ – also die überwältigende Mehrheit der Zeugen Jehovas. Sie gehören nicht zum neuen Bund, sind keine Miterben Christi und gelten gegenwärtig als Freunde Gottes.
„Kastensystem“ wäre als soziologischer Fachbegriff nicht ganz korrekt. Die Gruppen sind schließlich nicht erblich.
Als Metapher für eine religiöse Statusordnung trifft das Bild aber einen wichtigen Punkt:
Nicht alle Gläubigen haben dieselbe Stellung. Nicht alle besitzen dieselben Verheißungen. Und vor allem besitzen nicht alle dieselbe Autorität.
Die überwältigende Mehrheit lebt bildlich im Erdgeschoss.
Die besondere theologische Stellung liegt im ersten Stock.
Aber die maßgebliche Erklärung der Hausordnung kommt ausschließlich von ganz oben.

Die Bibel – aber eigentlich nicht primär für dich?
Beginnen wir mit einem der erstaunlichsten Zitate überhaupt.
Der Wachtturm vom 15. Januar 2008 erklärt über das Neue Testament:
„Die Christlichen Griechischen Schriften waren dagegen vor allem für das ‚Israel Gottes‘ vorgesehen“
und definiert dieses als die gesalbten Christen. JW.ORG
Mit den „Christlichen Griechischen Schriften“ ist das gemeint, was allgemein als Neues Testament bezeichnet wird.
Der Wachtturm sagt ausdrücklich nicht, dass die anderen Schafe damit nichts anfangen sollen. Im gleichen Absatz wird erklärt, auch nichtgesalbte Christen würden von diesen Schriften profitieren. Das gehört der Fairness halber dazu. JW.ORG
Aber die eigentliche Aussage bleibt bemerkenswert:
Als „anderes Schaf“ gehörst du nach dieser Lehre nicht zu der Gruppe, für die das Neue Testament „vor allem“ vorgesehen war.
Damit wird verständlich, weshalb ein gewöhnlicher Zeuge Jehovas viele Aussagen des Neuen Testaments lesen muss, als stünde daneben ein unsichtbares Sternchen.
Paulus spricht von Kindern Gottes? Das gilt in dieser besonderen Stellung den Gesalbten.
Von Miterben Christi? Gesalbte.
Vom neuen Bund? Gesalbte.
Von der himmlischen Berufung? Gesalbte.
Vom Essen und Trinken beim Abendmahl? Gesalbte.
Du liest dieselben Texte. Du sollst daraus lernen und nach ihnen leben.
Aber zentrale Aussagen über die Stellung eines Christen werden nach dieser Auslegung einer anderen Gruppe zugerechnet.
Das ist ein ausgesprochen ungewöhnliches Verhältnis zwischen Gläubigem und Bibel.
Und wir sind noch nicht am Ende.
Nicht im neuen Bund
1998 formulierte der Wachtturm die Stellung der großen Volksmenge unmissverständlich:
„Die Glieder der großen Volksmenge sind keine Beteiligten an dem neuen Bund.“
Anschließend verwendet der Wachtturm dafür einen Ausdruck, den ich selbst bewusst nicht als Beschreibung übernehmen möchte:
„sie sind dessen Nutznießer.“
(Der Wachtturm, 1.2.1998, Abs. 3.) Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
Warum stört mich dieses Wort?
Weil „Nutznießer“ zunächst klingt, als habe die große Volksmenge bereits eine besonders vorteilhafte Stellung.
Doch die entscheidende versprochene Belohnung liegt in der Zukunft: ewiges Leben auf einer paradiesischen Erde – vorausgesetzt, die gesamte prophetische Deutung erfüllt sich so, wie die Organisation sie lehrt.
Für die gegenwärtige Stellung ist zunächst etwas anderes entscheidend:
Du gehörst nicht zum neuen Bund.
Und das ist keine längst vergessene Lehre.
Auch in neueren Veröffentlichungen bleibt der neue Bund auf diejenigen beschränkt, die nach Wachtturm-Lehre mit Christus im Himmel regieren werden.
Der Ausgangspunkt unseres Hauses bleibt also bestehen:
Die große Mehrheit befindet sich außerhalb dieses Bundes.
Ist Jesus dein Mittler?
Damit kommen wir zu einer Frage, bei der viele andere Christen vermutlich gar nicht verstehen würden, warum man sie überhaupt stellen muss.
Ist Jesus dein Mittler?
1979 fragte der Wachtturm selbst:
„Ist Jesus nur für gesalbte Christen der ‚Mittler‘?“
Die Antwort begrenzte diese besondere Mittlerrolle auf die gesalbten Christen.
1989 wurde die Stellung der Menschen mit irdischer Hoffnung noch deutlicher beschrieben:
„Er ist zwar nicht ihr rechtlicher Mittler“
weil sie
„nicht in den neuen Bund aufgenommen worden“
seien. Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
Hier muss man sauber bleiben.
Jehovas Zeugen lehren nicht, Jesus sei für die anderen Schafe bedeutungslos. Derselbe Artikel erklärt, dass sie sich durch Jesus Gott nahen können, durch ihn beten und sein Opfer für ihre Rettung benötigen. Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
Aber gerade deshalb ist die Einschränkung so bemerkenswert.
In der speziellen Wachtturm-Definition des rechtlichen Mittlers des neuen Bundes ist Jesus nicht der Mittler der großen Mehrheit der Zeugen Jehovas.
Warum?
Weil sie nicht im neuen Bund steht.
Damit entsteht eine einfache Kette:
nicht gesalbt → nicht im neuen Bund → Jesus nicht rechtlicher Mittler dieses Bundes.
Gottes Kind? Noch nicht….
2017 erklärte der Wachtturm:
„Gesalbte Christen spricht Jehova als seine Söhne gerecht“
während diejenigen, die zu den „anderen Schafen“ gehören, als seine Freunde gelten. JW.ORG
Freund Gottes zu sein klingt selbstverständlich positiv.
Aber „Freund“ ist innerhalb dieser Lehre eben gerade nicht dasselbe wie Sohn oder Tochter.
Und hier lohnt sich ein kurzer Vergleich mit anderen großen christlichen Traditionen.
Der katholische Katechismus verbindet die Taufe mit der Annahme als Kind Gottes und der Miterbschaft mit Christus.
Die Evangelische Kirche in Deutschland schreibt zur Taufe sogar ausdrücklich:
„Dass die Taufe Menschen zu Gottes Kindern macht, steht bei Paulus“
und verweist auf Galater 3:26–29.
Katholische und evangelische Theologie unterscheiden sich in zahllosen Punkten. Aber beide benötigen keine Sondergruppe von 144.000 Christen, der allein diese besondere gegenwärtige Sohnschaft und Miterbschaft zukommt.
Bei den Zeugen Jehovas schon.
Und gerade die Taufe macht diesen Unterschied bemerkenswert.
Paulus verbindet in Galater 3 Gotteskindschaft, Glauben und Taufe unmittelbar miteinander. Bei den „anderen Schafen“ führt die Taufe nach Wachtturm-Lehre jedoch nicht dazu, dass sie denselben Status erhalten wie die Gesalbten.
Man kann bei den Zeugen Jehovas also getaufter Christ sein – und trotzdem nach der eigenen Lehre weder zum neuen Bund gehören noch bereits denselben Status als Kind Gottes und Miterbe Christi besitzen.
Was das für die Bedeutung der Taufe bei den Zeugen Jehovas bedeutet, habe ich ausführlicher in meinem Artikel „Die Taufe bei den Zeugen Jehovas: Zwischen Hingabe und Organisationsbindung“ untersucht.
Für diesen Artikel genügt zunächst:
Selbst die Taufe hebt die Drei-Gruppen-Ordnung nicht auf.
Beim Abendmahl wird sichtbar, wo du stehst
Vielleicht gibt es kaum ein deutlicheres Bild für diese unterschiedlichen Stellungen als das jährliche Gedächtnismahl.
2003 erklärte der Wachtturm über die Menschen mit irdischer Hoffnung:
„Sie sind keine Miterben Jesu“
und bezeichnete ihre Rolle bei der Gedächtnismahlfeier als
„respektvolle Beobachter“.
Millionen Menschen versammeln sich zum Gedenken an den Tod Jesu.
Brot und Wein werden durch die Reihen gereicht.
Und fast alle geben beides weiter.
Warum?
Weil die Symbole für den Leib Christi und das Blut des Bundes stehen – und die große Mehrheit der Anwesenden nach der eigenen Lehre gerade nicht zu den Menschen gehört, mit denen dieser Bund geschlossen wurde.
Einmal im Jahr wird die religiöse Statusordnung damit beinahe körperlich sichtbar.
Die Gesalbten nehmen.
Die anderen schauen zu.
Und diejenigen, die zuschauen, stellen gleichzeitig die überwältigende Mehrheit der Organisation.
Man kann das Haus an diesem Abend fast sehen.
2013: Die mittlere Etage verliert ihre organisatorische Funktion
Und jetzt kommen wir zu der Änderung, die für das Verständnis der heutigen Struktur entscheidend ist.
Bis 2013 war der Begriff „treuer und verständiger Sklave“ wesentlich breiter mit den Gesalbten verbunden.
Im Juli 2013 wurde diese Lehre neu definiert.
Der Wachtturm fragte ausdrücklich, ob sich der treue Sklave aus allen gesalbten Christen zusammensetze.
Die Antwort:
„Nein.“
Und über die übrigen Gesalbten heißt es:
„Mit dem Austeilen geistiger Speise an die weltweite Bruderschaft haben sie jedoch nichts zu tun.“
(Der Wachtturm, 15.7.2013, Abs. 9.) JW.ORG
Der „treue und verständige Sklave“ sei vielmehr
„eine kleine Gruppe geistgesalbter Brüder“.
(Der Wachtturm, 15.7.2013, Abs. 10.) JW.ORG
Die heutige Erklärung macht die Identität dieser Gruppe eindeutig: Diese kleine Gruppe ist die Leitende Körperschaft. JW.org erklärt außerdem ausdrücklich, dass alle ihre Mitglieder gesalbt sind. JW.ORG
Und damit verändert sich die Bedeutung unserer mittleren Etage erheblich.
Die übrigen Gesalbten behalten ihren theologischen Sonderstatus. Sie stehen weiterhin im neuen Bund, gelten als Söhne Gottes und sollen nach der Lehre einmal mit Christus regieren.
Aber als Gruppe besitzen sie heute praktisch keine eigenständige Lehrfunktion mehr.
Sie entscheiden nicht kollektiv über die Glaubenslehre.
Sie bilden kein zweites theologisches Kontrollgremium.
Sie besitzen kein Vetorecht gegenüber der Leitenden Körperschaft.
Sie verteilen nicht die „geistige Speise“ an die weltweite Gemeinschaft.
Sie erhalten sie selbst.
Der Wachtturm erklärt 2013 sogar ausdrücklich, dass sowohl Gesalbte als auch „andere Schafe“ zu den „Hausknechten“ gehören, die von diesem Sklaven versorgt werden. JW.ORG
Das muss man sich klarmachen:
Auch wenn du dich selbst zu den 144.000 zählst, gehörst du damit noch lange nicht zu der Gruppe, die die Lehre für alle anderen festlegt.
Die mittlere Etage bleibt theologisch notwendig, weil das gesamte Lehrgebäude weiterhin eine Gruppe von 144.000 künftigen Mitregenten voraussetzt.
Aber organisatorisch hat diese Gruppe als Gruppe kaum noch eine eigenständige Bedeutung.
Sie ist privilegiert.
Aber sie führt nicht.
Sie interpretiert nicht verbindlich.
Sie kontrolliert die oberste Etage nicht.
Der wesentliche organisatorische Unterschied besteht darin, dass sich die Männer der obersten Etage ausschließlich aus dieser gesalbten Gruppe rekrutieren..
Die übrigen 144.000 haben innerhalb der heutigen Organisationsstruktur keinerlei eigene Leitungs- oder Lehrfunktion. Sie dienen im Grunde nur noch als theologische Grundlage, aus der die Legitimation des „treuen und verständigen Sklaven“ beziehungsweise der Leitenden Körperschaft abgeleitet wird.
Wer darf die Bibel eigentlich erklären?
Und damit gelangen wir für mich zum interessantesten Punkt des gesamten Systems.
Ganz oben steht eine kleine Gruppe gesalbter Männer.
Diese Gruppe erklärt, sie bilde den von Jesus eingesetzten „treuen und verständigen Sklaven“.
Sie bereitet die „geistige Nahrung“ vor.
JW.org definiert diese geistige Nahrung ausdrücklich als Anleitung aus Gottes Wort. JW.ORG
Und wer erhält diese Anleitung?
Nicht nur die „anderen Schafe“.
Auch die übrigen Gesalbten.
Das heißt:
Die Leitende Körperschaft interpretiert die Bibel nicht nur für das Fußvolk. Sie interpretiert sie auch für die übrigen Auserwählten.
Genau das geht in der üblichen Darstellung leicht unter.
Die mittlere Gruppe besitzt den neuen Bund.
Sie besitzt die Gotteskindschaft.
Sie besitzt die Miterbschaft.
Sie soll später sogar mit Christus regieren.
Aber heute legt sie nicht fest, wie die Bibel zu verstehen ist.
Das tut die oberste Gruppe.
Und damit konzentriert sich die maßgebliche Lehr- und Deutungsmacht in einer äußerst kleinen Zahl von Menschen.
Für die interne Glaubenslehre ist das eine nahezu vollständige Machtkonzentration.
Dieselbe kleine Gruppe legt die offizielle Auslegung fest.
Dieselbe Gruppe bereitet die Literatur und die „geistige Nahrung“ vor.
Dieselbe Gruppe führt die weltweite Organisation.
Und aus ihrer eigenen Bibelauslegung ergibt sich wiederum, warum gerade sie der von Jesus eingesetzte „treue und verständige Sklave“ sein soll.
Danach wird von allen anderen erwartet, dieser Leitung zu vertrauen.
Das ist für mich der zentrale Punkt:
Die Legitimation läuft im Kreis.

Die Leitende Körperschaft erklärt anhand ihrer Bibelauslegung, warum Jesus die Leitende Körperschaft zur geistlichen Führung eingesetzt habe.
Und weil Jesus sie nach dieser Auslegung eingesetzt habe, sollen die übrigen Gläubigen wiederum ihrer Bibelauslegung vertrauen.
Das betrifft nicht nur die Millionen „anderen Schafe“.
Es betrifft selbst die übrigen Gesalbten.
Auch sie stehen unter dieser Lehrhoheit.
2007 wurde sogar ausdrücklich gefragt, ob es gebilligt werde, wenn Zeugen Jehovas sich unabhängig zusammentun, um biblische Themen zu untersuchen und zu debattieren.
Die Antwort:
„Nein.“
Die Grenze verläuft also nicht zwischen „Menschen, die ihre Bibel lesen“ und „Menschen, die sie nicht lesen“.
Natürlich soll ein Zeuge Jehovas die Bibel lesen.
Er soll studieren.
Er soll nachdenken.
Aber sobald es um die verbindliche Bedeutung geht, entscheidet nicht sein persönliches Verständnis.
Und selbst die Zugehörigkeit zu den Gesalbten ändert daran nichts.
Lesen dürfen alle. Verbindlich erklären darf die oberste Etage.
Meine persönliche Grenze
Ein Zeuge Jehovas würde vielleicht sagen, mir fehle es an Demut.
Vielleicht würde man sagen: Ich müsse lernen, mich der Leitung Jehovas unterzuordnen und darauf vertrauen, dass er seine Organisation führt.
Aber genau hier komme ich persönlich an eine Grenze.
Ich habe grundsätzlich kein Problem mit Autorität.
Auf der Arbeit gibt es Vorgesetzte. Ich akzeptiere das, weil ich Teil einer Organisation bin, einen Arbeitsvertrag habe und dafür bezahlt werde.
Ich war zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Dort war Hierarchie keine theoretische Idee, sondern Alltag. Natürlich konnte ich mir nicht bei jedem Befehl aussuchen, ob ich ihn sympathisch fand. Dafür bekam ich aber auch etwas: Ausbildung, Gehalt, Studium, Absicherung – und die ganze Befehlskette bewegte sich innerhalb eines rechtlichen Systems, das überprüfbar war.
Auch dem Staat ordne ich mich unter.
Ich möchte keine Anarchie.
Ich will Gesetze, Gerichte und Regeln.
Autorität an sich ist für mich also überhaupt nicht das Problem.
Mein Problem beginnt dort, wo Menschen zu mir sagen:
Wir haben die richtige Auslegung Gottes.
Und dieselben Menschen anschließend erklären:
Du sollst unserer Auslegung vertrauen.
Und wenn ich daran zweifle, ist wiederum mein Zweifel das Problem.
Das ist etwas völlig anderes.
Diese Männer kennen mich nicht. Sie wissen nicht, wie ich denke, was ich erlebt habe oder warum ich in einer theologischen Frage zu einem bestimmten Ergebnis komme.
Trotzdem soll ich akzeptieren, dass ich ein „anderes Schaf“ bin.
Dass ich nicht am neuen Bund beteiligt bin.
Dass bestimmte Verheißungen des Neuen Testaments primär gar nicht für mich gelten.
Und selbst wenn ich überzeugt wäre, zu den 144.000 zu gehören, dürfte ich daraus noch lange nicht ableiten, die Bibel ebenso verbindlich auslegen zu können wie die Männer an der Spitze.
Seit 2013 ist genau das sogar besonders deutlich.
Du kannst gesalbt sein.
Du kannst dich als zukünftigen Miterben Christi verstehen.
Und trotzdem bekommst auch du die „geistige Speise“ von einer kleinen Gruppe anderer Gesalbter.
Damit entsteht für mich eine merkwürdige Schleife:
Eine kleine Gruppe erklärt, dass Gott sie mit einer besonderen Aufgabe betraut hat. Diese Gruppe legt anschließend die Bibel aus. Und dieselbe Gruppe erklärt den übrigen Gläubigen, dass Gott von ihnen erwartet, dieser Leitung zu vertrauen.
Genau da komme ich gedanklich nicht mehr mit.
Nicht weil ich grundsätzlich keine Autorität anerkennen könnte.
Sondern weil ich nicht nachvollziehen kann, warum ich mein eigenes Gewissen und mein eigenes Urteil in einer Glaubensfrage an Menschen abgeben sollte, deren besondere Autorität wiederum durch genau jene Auslegung begründet wird, die sie selbst vertreten.
Nicht Autorität stört mich, sondern selbstlegitimierende Autorität.
Für mich ist Demut etwas anderes.
Demut bedeutet für mich nicht, meinen Verstand auszuschalten.
Sie bedeutet auch nicht, einem anderen Menschen automatisch mehr geistliche Einsicht zuzugestehen, nur weil dieser behauptet, von Gott für diese Aufgabe ausgewählt worden zu sein.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die mich an diesem gesamten System am meisten beschäftigt:
Warum sollte Gott mir eine Bibel geben, mir Verstand und Gewissen geben und anschließend erwarten, dass ich die entscheidende Interpretation einer kleinen Gruppe von Menschen überlasse, die zugleich von mir verlangt, ihrer Leitung zu vertrauen?

Die Lehre bleibt – aber heute geht es immer stärker ums Folgen
Und genau an dieser Stelle wird die Entwicklung der vergangenen Jahre interessant.
Die Drei-Gruppen-Struktur ist nicht verschwunden.
Die große Volksmenge steht weiterhin außerhalb des neuen Bundes.
Die übrigen Gesalbten besitzen weiterhin ihren besonderen theologischen Status.
Und ganz oben steht weiterhin die Leitende Körperschaft als „treuer und verständiger Sklave“.
Was sich auffällig verändert hat, ist die Sprache, mit der die praktische Beziehung zur Führung beschrieben wird.
In neueren Veröffentlichungen taucht immer wieder dieselbe Frage auf:
Was machst du, wenn dir eine Anweisung nicht einleuchtet?
Im Februar 2022 bereitete der Wachtturm seine Leser auf mögliche zukünftige Anweisungen vor, die
„seltsam, nicht umsetzbar oder unlogisch erscheinen“.
Gerade dann sei es
„kaum der richtige Zeitpunkt, Anweisungen anzuzweifeln“.
(Der Wachtturm – Studienausgabe, Februar 2022, Abs. 15.) JW.ORG
Das finde ich bemerkenswert.
Der Leser wird hier nicht darauf vorbereitet, eine ungewöhnliche Anweisung besonders sorgfältig zu prüfen.
Er wird darauf vorbereitet, trotz seines Zweifels zu folgen.
2023 wird derselbe Grundgedanke auf Informationen übertragen.
Im Arbeitsheft Unser Leben und Dienst als Christ werden Informationen von Abtrünnigen mit Gift verglichen. Über Material, das Zweifel an Jehova oder seiner Organisation wecken könnte, heißt es:
„wenn ja, befasse dich nicht damit!“ JW.ORG
Auch hier ist für mich der Maßstab interessant.
Die erste Frage lautet nicht:
Ist die Information wahr?
Nicht:
Ist sie belegt?
Nicht:
Kann ich sie anhand der Bibel überprüfen?
Sondern zunächst:
Weckt sie Zweifel an Jehova oder seiner Organisation?
2024 wird diese Sprache noch deutlicher.
Ein Studienartikel trägt den Titel:
„Folge weiter der Führung Jehovas“
Der Artikel räumt ausdrücklich ein, dass bestimmte Anweisungen einem Zeugen
„unvernünftig“
erscheinen können.
Die Antwort darauf ist, das Vertrauen darauf zu stärken, dass Jehova sein Volk führt. JW.ORG
Nur wenig später erscheint ein weiterer Studienartikel:
„Stärke dein Vertrauen in Jehovas Organisation“
Der Fokus des Artikels lautet ausdrücklich:
„Wie wir unser Vertrauen zur Organisation Jehovas stärken und bewahren können.“ JW.ORG
Es geht also nicht nur abstrakt um Gottvertrauen.

Das Vertrauen wird ausdrücklich auf die Organisation bezogen.
Und 2025 folgt dann eine Formulierung, die den praktischen Kern beinahe perfekt zusammenfasst.
Im Studienartikel „Lebe durch Glauben“ wird erklärt, dass Zeugen Jehovas Anweisungen durch Älteste, Kreisaufseher, Zweigkomitees oder die Leitende Körperschaft erhalten.
Was soll geschehen, wenn man den Grund einer solchen Anweisung nicht versteht?
„Deshalb setzen wir Anweisungen gern und schnell in die Tat um.“
Unmittelbar danach wird dies mit „Gehorsam“ begründet. JW.ORG
Damit haben wir innerhalb weniger Jahre eine erstaunlich konsequente Linie:
2022 können Anweisungen unlogisch erscheinen – zweifle nicht gerade dann.
2023 können Informationen Zweifel wecken – beschäftige dich möglichst nicht damit.
2024 sollst du dein Vertrauen in die Organisation stärken.
2025 sollst du Anweisungen „gern und schnell“ umsetzen.
Man kann natürlich darüber diskutieren, wie stark diese Themen früher oder später gewichtet wurden. Ohne eine quantitative Untersuchung aller Veröffentlichungen würde ich nicht behaupten wollen, statistisch beweisen zu können, dass das Wort „Gehorsam“ heute häufiger vorkommt.
Aber eines lässt sich dokumentieren:
Die Botschaft der jüngsten Veröffentlichungen ist ausgesprochen deutlich.
Vertraue.
Folge.
Zweifle nicht.
Setze Anweisungen um.
Und damit bekommt unser Haus noch eine weitere Bedeutung.
Die oberste Etage erklärt nicht nur, wie die Bibel zu verstehen ist.
Sie erklärt den übrigen Bewohnern zunehmend auch, wie sie auf diese Leitung reagieren sollen.
Auserwählt – aber wer eigentlich?
Und damit kommen wir wieder zum Anfang.
Zeugen Jehovas verstehen sich nicht einfach als irgendeine christliche Gemeinschaft.
2021 fragte der Wachtturm, wer heute den einen wahren Glauben praktiziere, und antwortete:
„Die Antwort ist eindeutig: Nur Jehovas Zeugen erfüllen die Kriterien.“ JW.ORG
Das erzeugt verständlicherweise ein starkes Gefühl religiöser Besonderheit.
Wir haben die Wahrheit.
Wir sind Jehovas Volk.
Wir gehören zur richtigen Organisation.
Doch innerhalb dieses vermeintlich auserwählten Volkes existiert wiederum eine erstaunliche Abstufung.
Ganz unten steht die überwältigende Mehrheit.
Wenn du zu den „anderen Schafen“ gehörst, bist nicht du derjenige, mit dem der neue Bund geschlossen wurde.
Nicht du bist bereits Miterbe Christi.
Nicht du besitzt denselben gegenwärtigen Status als Sohn Gottes.
Nicht du nimmst beim Gedächtnismahl von Brot und Wein.
Und nicht du gehörst zu der Gruppe, die festlegt, wie die Bibel verbindlich zu verstehen ist.
Darüber stehen die übrigen Gesalbten.
Sie besitzen all diese besonderen theologischen Verheißungen.
Doch seit 2013 gilt selbst für sie:
Sie bestimmen die Lehre nicht.
Auch sie empfangen die geistige Nahrung von oben.
Und ganz oben steht eine kleine Gruppe gesalbter Männer, bei der die entscheidende Lehr- und Führungskompetenz zusammenläuft.
Was bleibt der großen Mehrheit also gegenwärtig?
Du glaubst.
Du predigst.
Du unterstützt.
Du vertraust.
Du folgst.
Du setzt Anweisungen um.
Und irgendwann – wenn sich die gesamte prophetische Konstruktion genauso erfüllt, wie diese Männer sie auslegen – soll daraus deine große Belohnung entstehen.
Bis dahin bist du vor allem der Geführte.
Das Schaf, das geführt wird.
Der Soldat, der die Anweisung erhält.
Das Fußvolk, ohne das die gesamte Hierarchie überhaupt nicht funktionieren würde.
Denn Führung existiert nie für sich allein.
Ohne Geführte gibt es keine Führer. Ohne Herde keinen Hirten. Ohne Fußvolk keine religiöse Hierarchie.
Und genau darin liegt für mich die eigentliche Ironie.
Millionen Zeugen Jehovas können sich als Teil des einzig wahren Volkes Gottes verstehen.
Doch innerhalb dieses Volkes liegt der besondere theologische Status zunächst bei einer Minderheit.
Und selbst innerhalb dieser Minderheit liegt die tatsächliche gegenwärtige Lehr- und Führungsmacht wiederum bei einer winzigen Gruppe.
Die untere Etage trägt das System.
Die mittlere Etage liefert den theologischen Sonderstatus und den Kreis, aus dem die oberste Führung stammen kann.
Die oberste Etage bestimmt, was das gesamte Haus glauben soll.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht:
Sind Jehovas Zeugen auserwählt?
Sondern:
Wer innerhalb dieser Religion ist eigentlich wirklich auserwählt – und wer sorgt dafür, dass das System funktioniert?
Deshalb noch einmal: Wusstest du das?
Wenn du aktiver oder ehemaliger Zeuge Jehovas bist, möchte ich deshalb zu meinen Fragen vom Anfang zurückkehren.
- Wusstest du, dass du als „anderes Schaf“ nicht am neuen Bund beteiligt bist?
- Wusstest du, dass Jesus nach der Wachtturm-Definition nicht dein rechtlicher Mittler dieses Bundes ist?
- Wusstest du, dass du gegenwärtig als Freund Gottes und nicht in derselben Weise als Sohn Gottes giltst?
- Wusstest du, dass du kein Miterbe Christi bist?
- Wusstest du, dass der Wachtturm das Neue Testament als „vor allem“ für die Gesalbten vorgesehen beschreibt?
- Wusstest du, dass seit 2013 selbst die übrigen Gesalbten nicht mehr als Teil des „treuen und verständigen Sklaven“ gelten?
Und wusstest du, dass die offizielle Lehrfunktion damit bei einer kleinen Gruppe gesalbter Männer konzentriert ist, die zugleich die gesamte weltweite Organisation führt?
Vor allem aber:
Wie hat man dir das erklärt?
Vielleicht kanntest du jeden einzelnen Begriff.
Vielleicht hast du jahrzehntelang von „144.000“, „anderen Schafen“, „kleiner Herde“, „großer Volksmenge“, „neuem Bund“, „Gesalbten“ und „treuem Sklaven“ gehört.
Vielleicht war dir sogar jede einzelne Lehre bekannt.
Aber die entscheidende Frage ist eine andere:
Hat man dir jemals alle Teile nebeneinandergelegt?
Denn man kann jeden einzelnen Stein eines Gebäudes kennen –
ohne jemals das ganze Gebäude gesehen zu haben.


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