⚖ Royal Commission 2015 – Eine Zäsur für die Zeugen Jehovas

Zusammenfassung (1 Minute Lesezeit):

Der Beitrag analysiert die Anhörung der australischen Royal Commission vom 14. August 2015, die massive Versäumnisse der Zeugen Jehovas im Umgang mit sexuellem Missbrauch offenlegte. Zentrale Kritikpunkte: Anwendung der Zwei-Zeugen-Regel bei Missbrauch, geistiger Druck zur Verschwiegenheit, fehlende Kooperation mit staatlichen Behörden und strukturelle Immunität der Leitenden Körperschaft.

Geoffrey Jacksons Aussagen vor der Kommission offenbaren eine Organisation, die geistliche Kontrolle ausübt, sich aber juristischer Verantwortung entzieht – und dabei Täter schützt, Opfer marginalisiert und weltliche Aufsicht als unangemessen abtut.

Die Folge: Anhaltender Reputationsverlust und Mitgliederrückgang in Australien. Die Anhörung gilt als internationale Zäsur – sie dokumentiert strukturelle Verantwortungslosigkeit unter religiösem Deckmantel.

Analyse und Bewertung: Royal Commission into Institutional Responses to Child Sexual Abuse vom 14. August 2015 (Fallstudie 29)

Quelle: Royal Commission into Institutional Responses to Child Sexual Abuse

Die öffentliche Anhörung der australischen Royal Commission into Institutional Responses to Child Sexual Abuse vom 14. August 2015 (Fallstudie 29, Tag 155) war in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich gravierend und schockierend vor allem, weil sie strukturelle und theologische Grundprinzipien der Zeugen Jehovas offenlegte, die den systematischen Missbrauchsschutz nachweislich unterlaufen.

Hier die zentralen kritischen Punkte:


1. Geistliche Führung – aber keine Verantwortung?

Geoffrey Jackson, Mitglied der Leitenden Körperschaft, bestätigt vor laufenden Kameras:

„We view ourselves as spiritual shepherds, not legal authorities.“
(„Wir sehen uns als geistliche Hirten, nicht als juristische Instanz.“)

Diese Aussage ist hochproblematisch, da sie eine Trennung von geistlicher Macht und juristischer Verantwortung impliziert. Obwohl die Leitende Körperschaft Lehre, Struktur, Publikationen und Verfahrensweisen weltweit bestimmt, entzieht sie sich der juristischen Verantwortung, indem sie sich als „rein geistlich“ definiert.

Schockierend: Es wird eine Organisation mit zentraler Steuerung, bei der im Schadensfall bislang keine klar zugewiesene juristische Verantwortung geltend gemacht wurde, weil alles „theokratisch“ organisiert ist.


2. Das Zwei-Zeugen-Prinzip auch bei Kindesmissbrauch

Herr Jackson bestätigt, dass das sogenannte Zwei-Zeugen-Prinzip weiterhin angewendet wird:

„If there’s no second witness or confession, the matter is not established.“
(„Wenn es keinen zweiten Zeugen oder ein Geständnis gibt, gilt die Sache als nicht bewiesen.“)
– Geoffrey Jackson, Antwort auf Frage zur Anwendung biblischer Prinzipien bei Missbrauch

Dieses Prinzip basiert auf alttestamentlichen Strafvorschriften (z. B. 5. Mose 19:15) und wird dogmatisch auf heutige Missbrauchsfälle übertragen – obwohl in Fällen von sexuellem Missbrauch kaum je zwei Zeugen existieren.

Besonders gravierend:
Kinder und Jugendliche, die Missbrauch anzeigen, wurden innerhalb der Organisation oft nicht gehört oder glaubwürdig behandelt, wenn kein zweiter Zeuge vorhanden war. In mehreren dokumentierten Fällen blieben Täter unbehelligt.

💡 Informatione zur Zwei-Zeugen-Regel 👇

Zwei Zeugen Regel – Zwischen Schweigen und Schuldverschiebung – Helleres Licht


3. Geistlicher Druck auf Älteste, nicht an Behörden zu melden

Zwar gibt Jackson an, dass Älteste sich an staatliches Recht halten sollen – doch in der Praxis hängt das von der Gesetzeslage des Landes ab. Wo keine gesetzliche Meldepflicht besteht, überlässt man die Entscheidung den Ältesten oder Dienstabteilungen.

„If the law does not require mandatory reporting, the elders are instructed to contact the Branch Office first.“
(„Wenn das Gesetz keine Meldepflicht vorsieht, werden die Ältesten angewiesen, sich zuerst an das Zweigbüro zu wenden.“)

Kritischer Punkt:
Interne Richtlinien legen fest, dass Älteste zunächst die Dienstabteilung in Bethel kontaktieren sollen, nicht sofort die Polizei. Das führt in der Praxis zu einem verzögerten oder unterlassenen Schutz der Opfer – besonders in Ländern ohne gesetzliche Meldestruktur.


4. Geistige Kontrolle ohne juristische Kontrolle

Jackson erklärt die Bibel zur Verfassung der Organisation, und die Leitende Körperschaft sei deren oberste Auslegungsinstanz. Damit entsteht eine geschlossene geistige Kontrollstruktur, in der Kritik oder abweichendes Verhalten als Rebellion gegen „Jehova“ gilt.

Folge:
Opfer von Missbrauch, die sich an externe Stellen wenden oder das Schweigen brechen, riskieren Gemeinschaftsentzug (soziale Ächtung) und damit den Verlust ihrer gesamten sozialen Existenz.


5. Der Versuch, die weltliche Justiz abzuwerten

Jackson äußert sich mehrfach skeptisch gegenüber der Fähigkeit weltlicher Behörden, geistliche Angelegenheiten zu beurteilen:

„This is one of the difficulties when a secular commission tries to analyse a spiritual subject.“
(„Das ist eine der Schwierigkeiten, wenn eine weltliche Kommission versucht, ein geistliches Thema zu analysieren.“)

Faktisch bedeutet das:
Die Organisation erkennt weltliche Autorität nur bedingt an – und versucht, sich durch geistige Überhöhung einer rechtlichen Bewertung zu entziehen.


Warum diese Anhörung so bedeutsam ist

Diese Anhörung gilt bis heute als Meilenstein in der kritischen Aufarbeitung des Missbrauchs bei den Zeugen Jehovas. Sie entlarvt:

  • eine strukturierte Verantwortungslosigkeit an der Spitze,
  • eine dogmatische Lehre, die Täter schützt, und
  • eine organisationale Immunität hinter dem Schleier religiöser Sprache.

Und sie zeigt: Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um systematische Risiken, die aus der Struktur, Lehre und Praxis der Organisation selbst erwachsen.


Und hier noch etwas zu Geoffrey Jackson. Eine persönliche Meinung:

Mit dem Lächeln eines Hirten – und dem Schweigen der Schuldigen: Was Geoffrey Jackson nicht sagte

Die Anhörung vor der australischen Royal Commission am 14. August 2015 wird von vielen als Zäsur in der öffentlichen Wahrnehmung der Zeugen Jehovas gewertet. Im Mittelpunkt: Geoffrey Jackson, Mitglied der Leitenden Körperschaft, dem weltweit führendem Leitungsgremium der Organisation. Wer seine Aussagen liest oder die Videoaufzeichnung sieht, bleibt oft mit einem Gefühl zwischen Entsetzen, Fassungslosigkeit und tiefer moralischer Verstörung zurück.

Was macht die Wirkung von Geoffrey Jackson so verstörend?

Kühle Rhetorik – über realen Schmerz

Geoffrey Jackson spricht über Kindesmissbrauch, als handle es sich um organisatorische Fragen der Literaturfreigabe. Kein Mitgefühl, kein Entsetzen, kein Ausdruck von Bedauern oder Anteilnahme. Stattdessen erklärt er sachlich:

„Wir sehen uns als geistliche Hirten, nicht als juristische Instanz.“
(Antwort auf die Frage, ob die Leitende Körperschaft für die Folgen ihrer Anweisungen haftet)

Empathielosigkeit im Ton, Entpersonalisierung im Inhalt.

Theokratischer Schutzschild gegen reale Verantwortung

Jackson argumentiert aus einem dogmatischen System heraus, das sich durch Begriffe wie „Geistgeleitetheit“, „theokratische Ordnung“ oder „biblische Prinzipien“ vor jedem rechtlichen Zugriff zu schützen versucht. Was sich geistlich anhört, ist faktisch ein Panzer gegen Verantwortung.

„Wenn kein zweiter Zeuge vorhanden ist, gilt die Sache als nicht bewiesen.“

Im Kontext sexuellen Missbrauchs ist das nicht nur kalt – es ist strukturell gefährlich.

Selbstbild: Bescheiden – aber mit gottgleicher Autorität

Jackson gibt sich demütig, vermeidet formale Machtansprüche, aber macht zugleich klar: Alle Lehre, alle Auslegung, alle Richtlinien laufen über die Leitende Körperschaft. Keine äußere Kontrolle, keine interne Gewaltenteilung, keine Rechenschaft gegenüber den Mitgliedern.

„Wir glauben, dass der heilige Geist unsere Entscheidungen leitet.“

Das klingt fromm, ist aber eine Absolutsetzung der eigenen Position eine spirituelle Immunität.


„Wenn das die Barmherzigkeit einer geistlichen Führung ist – wie sieht dann ihre Härte aus?“

Diese Frage steht am Ende dieser Analyse nicht rhetorisch da, sondern als reale Sorge. Denn wer sich die Antworten von Geoffrey Jackson anhört, erkennt: Das Gefährlichste ist nicht der Fanatismus. Es ist die sanfte Stimme, die Grausamkeit in Verwaltungsprosa kleidet mit dem Lächeln eines Hirten.

Australien gilt inzwischen als eines der Länder, in denen der öffentliche Ruf der Zeugen Jehovas massiv beschädigt ist, vor allem seit der Royal Commission into Institutional Responses to Child Sexual Abuse. Und das schlägt sich messbar auch auf die Mitgliederentwicklung nieder.


Mitgliederentwicklung der Zeugen Jehovas in Australien

Im Zuge der öffentlichen Untersuchungen durch die Royal Commission in Australien verzeichneten die Zeugen Jehovas einen signifikanten Mitgliederrückgang, von dem sich die Organisation bis heute offenbar nicht vollständig erholen konnte.

Offizielle Verkündigerzahlen (Quelle: jw.org)

DienstjahrDurchschnittliche VerkündigerVeränderung
2012ca. 64.000
2015ca. 66.000+2.000 (vor der Royal Commission)
2017ca. 67.000Stabil trotz öffentlicher Kritik
2019ca. 67.500Kaum Wachstum
2022ca. 66.000Rückgang
2023ca. 65.580weiterer Rückgang
💡 Auch Interessant 👇

Ergebnis: Die Zahlen stagnieren seit Jahren, rückläufiger Trend ab 2020. Die Organisation wächst nicht mehr, sondern verliert allmählich an Mitgliedern.


Gründe für den Rückgang / Stagnation

1. Rufschädigung durch die Royal Commission (2015–2017)

  • Die Aufdeckung der systematischen Vertuschung sexuellen Missbrauchs war ein medialer GAU.
  • Viele Australier sehen die Organisation seither als sektiererisch, rückständig und gefährlich für Kinder.
  • Auch innerhalb von Familien führte das zu Abgrenzungen.

2. Ablehnung der Kommissions-Empfehlungen

  • Während andere Kirchen sich (zumindest rhetorisch) zur Verantwortung bekannten, verweigerten die Zeugen Jehovas jede Reform.
  • Das wirkte arrogant und systemblind – insbesondere bei der „Zwei-Zeugen-Regel“.

3. Säkularisierung und Aufklärung

  • Australien ist ein zunehmend säkularisiertes Land mit wachsendem Misstrauen gegenüber autoritären religiösen Gruppen.
  • Ex-Zeugen erhalten heute deutlich mehr mediale Plattformen als früher, was die Anziehungskraft weiter schwächt.

4. Zunehmende Aussteigerzahlen

  • Durch Foren, Aussteigerorganisationen und Plattformen wie „JWSurvey“ oder „Recovering from Religion Australia“ wächst das Netzwerk der Ausstiegsbegleitung.
  • Es wird immer schwerer, den „Kontrollraum“ aufrechtzuerhalten.

Fazit: Kein echtes Wachstum mehr – Reputationsschaden wirkt nachhaltig

Die Zeugen Jehovas in Australien wachsen nicht mehr – sie stagnieren oder verlieren.
Ihr gesellschaftlicher Ruf ist schwer beschädigt, insbesondere durch die hartherzige Haltung gegenüber Missbrauchsopfern, die Ablehnung externer Aufsicht und die rigide soziale Abschottung.

Die Organisation ist in Australien damit de facto isoliert: nicht verboten, aber gesellschaftlich marginalisiert – und das in einem Land, das sehr sensibel auf Kindesmissbrauch reagiert.

💡 Auch Interessant 👇

Zurück zu 👉 Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas – Themenseite – Helleres Licht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert