Der Fall Johannes Greber zeigt einen auffälligen Doppelstandard in der Lehre der Zeugen Jehovas. Einerseits wurde Greber in den eigenen Veröffentlichungen klar als spiritistisch belastet dargestellt. Seine Übersetzung galt also ausgerechnet nach den eigenen Maßstäben als problematisch. Andererseits wurde genau diese Übersetzung später dort herangezogen, wo sie die eigene Lehrauslegung stützte – besonders an theologisch zentralen Stellen wie Johannes 1:1. Das macht den Fall so brisant: Nicht irgendeine Randquelle wurde beiläufig erwähnt, sondern eine ausdrücklich diskreditierte Quelle punktuell genutzt, sobald sie argumentativ nützlich war.
1983 folgte dann die Distanzierung. Doch genau darin liegt das Problem: Grebers spiritistischer Hintergrund war nicht neu, sondern längst bekannt. Die spätere Abgrenzung wirkt deshalb nicht wie eine neue Einsicht, sondern wie ein verspätetes Eingeständnis. Der Fall beweist nicht, dass die Führung der Zeugen Jehovas selbst spiritistisch gehandelt hätte. Er zeigt aber sehr deutlich, dass für normale Mitglieder strikte Abgrenzung galt, während für die eigene Argumentation offenbar Ausnahmen gemacht wurden. Das ist kein Nebenaspekt, sondern ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Die Lehre der Zeugen Jehovas behandelt Spiritismus nicht als bloßen Irrtum, sondern als konkrete dämonische Gefahr. Wie tief diese Angst reicht, habe ich selbst erlebt: In meiner Kindheit wollten meine Eltern bestimmte Dinge nicht einmal auf dem Flohmarkt kaufen, weil schon die Möglichkeit ausreichte, ein Spielzeug, eine Puppe oder irgendein Gegenstand könne einmal für spiritistische Zwecke benutzt worden sein. Die Vorstellung dahinter war klar: So etwas könnte Dämonen ins Haus bringen. Wer aus einem solchen Umfeld kommt, weiß, dass das keine harmlose Randnotiz ist, sondern gelebter Alltag. Genau deshalb ist der Fall Johannes Greber so brisant. Denn ausgerechnet eine Quelle, die in den eigenen Publikationen selbst als spiritistisch belastet dargestellt wurde, wurde später zur Stützung eigener Bibelauslegungen herangezogen.

Die Führung der Zeugen Jehovas stellte Johannes Greber in ihren älteren Veröffentlichungen selbst als spiritistisch belastete Person dar. Gleichzeitig wurde seine Bibelübersetzung später dennoch zur Stützung eigener Auslegungen herangezogen.
Bereits 1955 und 1956 wird Greber in den eigenen Veröffentlichungen als ehemaliger katholischer Geistlicher beschrieben, der sich dem Spiritismus zuwandte. 1956 wird sogar ausdrücklich erklärt, dass er an eine Verbindung mit der „Geisterwelt Gottes“ glaubte und seiner Übersetzung eine „ganz spiritistische Note“ geben wollte. Deutlicher kann man eine Quelle aus Sicht der Zeugen Jehovas kaum diskreditieren.
https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Greber
Und dann wird es unerquicklich.
Trotz dieses bekannten Hintergrunds taucht Greber später in Publikationen wieder auf, nicht als warnendes Beispiel, sondern als Stütze für die eigene Argumentation. Das zeigen die Verweise zu Johannes 1:1 und zu Matthäus 27:52, 53. Besonders aufschlussreich ist dabei der interne Index: Dort steht auf derselben Linie einerseits die „enge Verbindung zu Spiritismus“ und andererseits ein Verweis auf Johannes 1:1. Mit anderen Worten: Die Problematik war bekannt, und trotzdem wurde die Quelle verwendet.
Grebers Übersetzung von Johannes 1:1 liefert nahezu dieselbe Kernaussage wie die Neue-Welt-Übersetzung: „und das Wort war ein Gott“. In der deutschen Fassung lautet der Vers sinngemäß: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott; und ein ,Gott‘ war das Wort.“ In der englischen Ausgabe heißt es entsprechend: „In the beginning was the Word, and the Word was with God; and the Word was a god.“
Johannes 1:1 ist nicht irgendein nebensächlicher Vers. Es ist einer der zentralen Texte in der christologischen Debatte überhaupt. Gerade an dieser Stelle entscheidet sich mit, ob Jesus im vollen Sinn als göttlich verstanden wird oder ob er, wie in der Lehre der Zeugen Jehovas, als von Gott verschieden und ihm untergeordnet erscheint.
Genau deshalb verteidigen die Zeugen Jehovas ihre Wiedergabe von Johannes 1:1 mit solcher Schärfe. Der Vers ist für sie von zentraler Bedeutung, weil an ihm ihre Ablehnung der Trinitätslehre sichtbar hängt. Die Formulierung „und das Wort war ein Gott“ ist dabei keine harmlose Übersetzungsnuance, sondern eine theologisch entscheidende Weichenstellung.
Gerade vor diesem Hintergrund ist der Rückgriff auf Johannes Greber so aufschlussreich. Denn wenn eine Lesart an einem derart zentralen Streitvers mit einer Quelle gestützt wird, die man an anderer Stelle selbst als spiritistisch belastet darstellt, dann geht es nicht mehr um eine beiläufige Fußnote. Dann zeigt sich, wie empfindlich und verteidigungsbedürftig diese Stelle für das eigene Lehrgebäude offenbar war.
Und gerade das macht den Fall so brisant.
In der Broschüre The Word — Who Is He? According to John zitiert die Wachtturm-Gesellschaft Greber in einer Fußnote ausdrücklich zustimmend zu Johannes 1:1 als Beleg zugunsten ihrer eigenen Übersetzung. Auch im Nachschlagewerk Aid to Bible Understanding wird Greber im Zusammenhang mit Johannes 1:1 erwähnt, wobei seine Übersetzung als Unterstützung für die nichttrinitarische Lesart dient. Der Wachtturm selbst räumte 1983 ein, dass Grebers Übersetzung „gelegentlich zur Unterstützung der Wiedergabe von Matthäus 27:52, 53 und Johannes 1:1“ herangezogen worden sei, wie sie in der Neuen-Welt-Übersetzung erscheint.
Das ist der entscheidende Punkt: Die Führung der Zeugen Jehovas wusste aus den eigenen früheren Veröffentlichungen, dass Greber seine Übersetzungsarbeit mit spiritistischen Vorstellungen verband. Später erklärte der Wachtturm zusätzlich ausdrücklich, Greber habe sich auf die „Geisterwelt Gottes“ gestützt und seine Frau sei dabei als Medium eingesetzt worden. Trotzdem griff man genau dort auf ihn zurück, wo seine Formulierung die eigene Lehre stützte, nämlich an besonders umstrittenen Stellen wie Johannes 1:1.
Der Gebrauch erfolgt also nicht breit, beiläufig oder neutral, sondern punktuell an dogmatisch zentralen Streitversen. Genau das unterstreicht den zweckgebundenen Charakter dieser Zitierung. Greber war nicht einfach irgendeine Randnotiz in der Literaturgeschichte, sondern wurde gerade dort herangezogen, wo seine Formulierung für die eigene Argumentation nützlich war.
1983 folgt dann die Distanzierung. Nun heißt es, es sei unangebracht, eine Übersetzung zu zitieren, die mit Spiritismus so eng verbunden sei. Das ist zwar in sich nachvollziehbar, wirft aber die naheliegende Frage auf, warum das nicht schon vorher galt. Denn neu war Grebers Hintergrund offenkundig nicht. Die eigene Literatur hatte ihn Jahrzehnte zuvor bereits als spiritistisch belastet beschrieben. Die Distanzierung von 1983 war also keine neue moralische Einsicht, sondern eher das späte Eingeständnis eines Problems, das längst bekannt war.
Was der Fall offenlegt
Der springende Punkt ist ein klarer Doppelstandard: Die eigene Auslegung wurde punktuell mit einer Quelle abgesichert, die nach den eigenen Maßstäben eigentlich hätte gemieden werden müssen.
Genau darin liegt das Problem. Wer Spiritismus als gefährlich, dämonisch und unrein brandmarkt, kann schwerlich eine von ihm selbst als spiritistisch belastet dargestellte Quelle heranziehen, sobald sie argumentativ nützlich wird. Das ist kein theologisches Randthema und keine bloße Fußnote der Literaturgeschichte. Es ist ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Denn die praktische Botschaft ist unerquicklich klar: Für normale Mitglieder gilt strikte Distanz. Für die eigene Argumentation galt diese Distanz offenbar nur so lange, bis eine spiritistisch belastete Übersetzung an der richtigen Stelle hilfreich wurde.
Fazit
Was der Fall Johannes Greber zeigt, ist kein Beweis dafür, dass die Führung der Zeugen Jehovas selbst Spiritismus betrieben hätte. Aber er zeigt sehr wohl einen deutlichen Doppelstandard. Greber wurde erst als spiritistisch belastet dargestellt und später dennoch dort zitiert, wo seine Übersetzung die eigene Lehrauslegung stützte. Erst danach folgte die klare Distanzierung.
Die Führung der Zeugen Jehovas zitiert Johannes Greber heute nicht mehr ausdrücklich. An einzelnen umstrittenen Bibelstellen vertritt die Neue-Welt-Übersetzung jedoch weiterhin nahezu dieselbe Lesart, für die Greber früher ausdrücklich als Stütze herangezogen wurde.
Oder einfacher gesagt: Was für normale Mitglieder als geistige Verunreinigung gilt, war offenbar so lange tolerierbar, wie es in einer Fußnote nützlich war.
Quellen:
- Der Wachtturm, 1. Oktober 1955
- Der Wachtturm, 1. Mai 1956
- The Word — Who Is He? According to John, 1962
- Aid to Bible Understanding
- Der Wachtturm, 1. Juli 1983, „Fragen von Lesern“
- Neue-Welt-Übersetzung, Johannes 1:1
- Eigene Screenshots aus der Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
- Johannes Greber, Das Neue Testament, Ausgabe 1936/1937


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