Selbst denken? Bei den Zeugen Jehovas, nicht vorgesehen.

Zusammenfassung (1 Minute Lesezeit):

Die Zeugen Jehovas sollen laut eigener Literatur weder eigenständig biblische Themen untersuchen noch eigene Meinungen äußern. Nur von der „Leitenden Körperschaft“ autorisierte Literatur, Webseiten und Treffen sind erlaubt. Eigenständiges Denken – vor allem beim Bibelverständnis – wird nicht gefördert, sondern aktiv unterdrückt. Damit widerspricht die Organisation dem biblischen Ideal geistiger Freiheit. Wer selbst denkt, gilt schnell als illoyal.

Aber da Zeugen Jehovas so oder so nicht selbstständig in der Bibel lesen und darüber sprechen sollen, ist es eigentlich auch egal, ob die Neue-Welt-Übersetzung den Lehren angepasst wurde, denn wenn man ohnehin nur eine vorgefertigte und kontrollierte Quelle nutzen darf, wird einem das eigenständige Denken ja bereits abgenommen.

Das zeigen offizielle Aussagen der Wachtturm-Gesellschaft, unter anderem im Königreichsdienst 09/2007, Fragekasten:

„Der treue und verständige Sklave billigt keinerlei Literatur, Websites oder Treffen, die nicht unter seiner Leitung hergestellt oder organisiert wurden.“

„Einige, die mit der Organisation verbunden sind, haben sich zusammengetan, um eigenständig biblische Themen zu untersuchen […]. Damit Ansichten ausgetauscht und debattiert werden können, wurden Websites und Chatrooms eingerichtet.“

„Gottes Volk erhält durch die Veröffentlichungen der Organisation Jehovas und ihre Zusammenkünfte die nötige biblische Schulung.“

(Quelle: Königreichsdienst 09/2007, jw.org – sinngemäß zusammengefasst aus dem internen Fragekasten zur Unterweisung.)

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Artikel im Wachtturm vom 1. Juni 1967. In der englischen Originalausgabe (S. 338, Abs. 12) heißt es:

„In Jehovah’s organization it is not necessary to spend much time and energy in research, for there are brothers in the organization who are assigned to do that very thing.“
(„In der Organisation Jehovas ist es nicht notwendig, viel Zeit und Energie in die Forschung zu investieren, denn es gibt Brüder in der Organisation, die genau damit beauftragt sind …“)


Theologischer und ideologischer Gehalt

Dieser Absatz ist paradigmatisch für die Haltung der Zeugen Jehovas zur Wissensvermittlung:

  • Eigenständige theologische Recherche ist nicht erwünscht, da autorisierte „Brüder“ (gemeint: die Leitende Körperschaft bzw. ihre Redaktionsgremien) die geistige Nahrung zentral aufbereiten.
  • Das Erlebnis von Erkenntnis wird inszeniert, bleibt aber vollständig gelenkt durch vorbereitete Texte.
  • Der Appell, man solle den Wachtturm „nicht zum Studieren, sondern zur Freude“ lesen, dient der psychologischen Entlastung – ist aber zugleich ein Mittel der kognitiven Kontrolle.

Übersetzungsdifferenz: Abschwächung im Deutschen

Was in diesem Beispiel besonders ins Auge fällt – und bei vielen weiteren Publikationen ähnlich zu beobachten ist: Die deutsche Übersetzung entschärft den Ton des englischen Originals deutlich. Der Sprachduktus der englischen Ausgaben ist in der Regel direkter, autoritärer und dogmatischer, während die deutsche Fassung gezielt milder und beratender wirkt – offenbar angepasst an ein Publikum mit stärkerem akademischem und demokratischem Bildungsanspruch.


Deutsche Version (Wachtturm, 1. September 1967, S. 530):

„Wie setzen wir diese vier Dinge in die Tat um? Erstens das Studium: Unter Studium mögen wir harte Arbeit, vor allem Sucharbeit, verstehen. In Jehovas Organisation braucht man jedoch nicht eine Menge Zeit und Kraft für Sucharbeit zu verwenden, denn es gibt in ihr Brüder, die mit dieser Arbeit betraut worden sind, um dir, der du hierfür nicht soviel Zeit hast, zu helfen.“


Sprachliche Analyse

  • Die englische Version ist direkter und restriktiver („not necessary“), die deutsche Formulierung dagegen weicher und beratend („braucht man nicht“).
  • Das englische Wort „research“ (Forschung, systematische Untersuchung) wird zu „Sucharbeit“ abgeschwächt – ein Begriff mit deutlich weniger akademischer Konnotation.
  • Die Aussage „not necessary to spend much time and energy“ wird im Deutschen zu „braucht man jedoch nicht … zu verwenden“ – was nicht wie eine Vorgabe, sondern wie ein freundlicher Ratschlag klingt.

Diese Unterschiede sind semantisch hochrelevant:
Die englische Fassung entmutigt aktiv eigenständiges Forschen, die deutsche hingegen kaschiert denselben Gehalt mit wohlklingender Sprache.


Direktvergleich: Englisch – Deutsch

Englisches Original (Abs. 12)Deutsche Version (Wachtturm 1.9.1967, S. 530)
We may think of study as hard work requiring extensive research. But in Jehovah’s organization it is not necessary to spend much time and energy in research, for there are brothers in the organization who are assigned to do that very thing.Unter Studium mögen wir harte Arbeit, vor allem Sucharbeit, verstehen. In Jehovas Organisation braucht man jedoch nicht eine Menge Zeit und Kraft für Sucharbeit zu verwenden, denn es gibt in ihr Brüder, die mit dieser Arbeit betraut worden sind, um dir, der du hierfür nicht soviel Zeit hast, zu helfen.

Fazit

Die Organisation formuliert ihre Haltung zur individuellen Erkenntnisfähigkeit ihrer Mitglieder sprachlich angepasst an das Zielpublikum. Während die zentrale Botschaft – Verzicht auf eigenständige theologische Recherche zugunsten autorisierter Auslegung, in allen Sprachversionen gleich bleibt, wird sie in der deutschen Ausgabe rhetorisch entschärft. Der Gegensatz zwischen organisierter Lenkung und individueller Gewissensverantwortung wird damit nicht etwa gelöst, sondern verschleiert.


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Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag dient der journalistischen und theologisch fundierten Auseinandersetzung mit öffentlich dokumentierten Vorgängen der Wachtturm-Gesellschaft. Alle Zitate dienen der kritischen Analyse gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht). Alle genannten Gruppennamen und Begriffe sind eingetragene Bezeichnungen der jeweiligen Organisationen und werden hier ausschließlich im Rahmen zulässiger Berichterstattung nach § 50 UrhG und § 5 GG verwendet.

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