Der Begriff „evangelikal“ klingt harmlos – fast wie „evangelisch“.
Doch zwischen beiden steht mehr als nur ein theologischer Akzent. Der Evangelikalismus ist keine Kirche, sondern eine Bewegung, vielgestaltig, aber mit klarer Tendenz: bibeltreu, konservativ, oft anti-aufklärerisch.
Er betont die persönliche Wiedergeburt durch Jesus Christus, die absolute Autorität der Bibel und einen missionarischen Lebensstil. Was zählt, ist nicht die Tradition, sondern die Entscheidung. Und diese Entscheidung ist kein innerer Reifungsprozess sie ist ein öffentliches Bekenntnis zu einem exklusiven Wahrheitsanspruch.
Evangelikale lehnen die historisch-kritische Bibelauslegung ab. Die Bibel gilt ihnen nicht als Zeitdokument, sondern als unmittelbares, fehlerloses Gotteswort.
Das hat Folgen: Für das Menschenbild, für die Ethik, für die Gesellschaft. Wer die Bibel wörtlich versteht, kommt schnell zu eindeutigen Antworten und sieht Homosexualität, Feminismus, Transidentität oder Abtreibung nicht als gesellschaftliche Aushandlungsfragen, sondern als Rebellion gegen Gott. In dieser Logik ist der Kampf gegen „Genderideologie“, „Sexualisierung der Kinder“ und „Verlust christlicher Werte“ keine politische Strategie – sondern ein geistlicher Auftrag.
Was evangelikale Bewegungen miteinander verbindet, ist nicht die Konfession, sondern die Agenda. Sie verstehen sich als moralisches Gegengewicht zu einer „entarteten“, „gottlosen“ Moderne.
Und sie tun das nicht im luftleeren Raum: Viele ihrer Vertreter*innen sind hervorragend vernetzt, medienaffin, professionell organisiert und sie sind erfolgreich. Besonders unter Jugendlichen.
2. Mission, Mango und Millionenreichweite: Evangelikale Medienstrategien
Die evangelikale Bewegung hat das Prinzip der Missionsarbeit in die digitale Gegenwart übersetzt – mit erstaunlicher Effizienz. Was früher durch Zeltmissionen, Radiopredigten oder Bibelkurse lief, funktioniert heute über Instagram-Reels, TikTok-Clips und Hochglanz-Youtubeformate. Die Botschaft bleibt dieselbe: Du brauchst Erlösung, wir zeigen dir den Weg. Nur die Verpackung ist moderner.
Dabei ist das Spektrum breit. Am scheinbar harmlosesten wirken Formate wie Lucie Gerstmanns „Theologie beim Mango-Schneiden“: Alltagsszenen mit Glaubensimpulsen, bewusst niedrigschwellig inszeniert. Daneben stehen Profile wie das von Pater Gabriel, der aus dem Klostergarten bloggt – charmant, entspannt, geistlich. Beide erreichen Zielgruppen, die sich sonst kaum noch für kirchliche Themen interessieren würden.
Doch genau darin liegt die Wirkungsmacht und auch die Gefahr: Religiöse Inhalte kommen nicht mehr mit Autorität und Institution, sondern mit Nähe, Stilgefühl und vermeintlicher Authentizität. Influencer wie Jasmin Neubauer oder Jana Highholder verbinden jugendliche Ästhetik mit einem radikal-konservativen Weltbild: Frauen sollen sich „unterordnen“, Homosexualität gilt als Sünde, Abtreibung als Mord. Das alles wird in Pastellfarben verpackt und mit Bibelzitaten hinterlegt, emotional wirksam, algorithmuskompatibel und frei von kritischer Rückfrage.
Die Plattformen belohnen solche Inhalte: klare Position, hohes Engagement, starke Polarisierung. Wer missioniert, performt gut. Und das weiß die Szene. Evangelikale Medienhäuser wie ERF, ProChrist oder die „Deutsche Evangelische Allianz“ investieren gezielt in Social Media, mit Schulungen, Technik, Geld. Influencer*innen werden strategisch aufgebaut, vernetzt, gefördert. Glauben ist hier kein innerer Prozess er ist Content.
3. Warum das funktioniert – Resonanzräume in einer verunsicherten Gesellschaft
Evangelikale Botschaften wirken nicht im luftleeren Raum. Sie treffen auf ein gesellschaftliches Klima, das nach Halt sucht – emotional, moralisch, kulturell. Während traditionelle Kirchen Mitglieder verlieren und in öffentlichen Debatten kaum noch durchdringen, inszenieren sich evangelikale Stimmen als eindeutige Antwort auf diffuse Fragen. Wer bin ich? Was ist richtig? Worauf kann ich mich verlassen?
Gerade junge Menschen erleben ihre Welt oft als fragmentiert: multiperspektivisch, fordernd, ambivalent. Sie wachsen auf in einer Kultur permanenter Selbstoptimierung und Unsicherheit – und stoßen dabei auf religiöse Influencer, die etwas bieten, das selten geworden ist: klare Rollenbilder, feste Werte, einfache Wahrheiten. Die Formel ist attraktiv: Wenn du dich Gott unterordnest, bekommst du Identität, Orientierung und ein Zugehörigkeitsgefühl, das dich trägt.
Hinzu kommt: Evangelikale Gemeinschaften bieten Struktur – sozial wie spirituell. Sie schaffen Räume der Anerkennung, des Dazugehörens, des Gesehenwerdens. Wer sich öffentlich bekehrt, wer in der Gruppe mitarbeitet, Lobpreis singt, an Events teilnimmt, erlebt Resonanz. Und diese Resonanz ist oft wärmer, persönlicher, emotionaler als alles, was säkulare Kontexte bereitstellen.
Die Theologie dahinter ist exklusivistisch, aber wirksam: Wer glaubt, gehört dazu – wer nicht glaubt, bleibt draußen. Zwischen diesen Polen entfaltet sich ein starkes Innengefühl. Identität entsteht nicht durch Vielfalt, sondern durch Abgrenzung. Die Welt draußen wird als feindlich, moralisch verkommen oder geistlich tot beschrieben. Die eigene Gruppe dagegen als lebendig, auserwählt und im Besitz der Wahrheit. Das funktioniert – besonders dann, wenn gesellschaftliche Pluralität als Überforderung erlebt wird.
4. Die dunkle Seite des Lichts – Macht, Kontrolle und geistlicher Missbrauch
Wo Glauben zur totalen Lebensdeutung wird, ist der Schritt zur geistlichen Kontrolle nie weit. Evangelikale Gruppen präsentieren sich oft als warmherzige Gemeinschaften. Doch hinter dem Schein emotionaler Nähe stehen mitunter rigide Strukturen, in denen Gehorsam mehr zählt als Reife, Bekenntnis mehr als Freiheit und „geistliche Leitung“ zur stillen Autorität über Lebensführung, Beziehungen, Sexualität und politische Haltung wird.
Viele Gruppen operieren mit charismatischem Führungsanspruch: Der Pastor, die Lobpreisleiterin, der Influencer, sie sprechen nicht nur über Gott, sie sprechen für Gott. Ihre Aussagen sind nicht bloß Meinungen, sondern „biblische Wahrheiten“. Wer widerspricht, stellt sich gegen das Evangelium oder gegen „den Willen Gottes“. Diese Immunisierung gegen Kritik ist kein Randphänomen. Sie gehört zum System.
Typisch ist auch das selektive Bibelverständnis: Während Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gewaltlosigkeit selten systemisch durchbuchstabiert werden, sind Sexualmoral, Gehorsam und Unterordnung zentrale Fixpunkte. Besonders Frauen erfahren dies zuweilen schmerzhaft: Sie sollen sich „unterordnen“, „helfen“, „demütig“ und „rein“ leben. Influencerinnen wie Jasmin Neubauer oder Jana Highholder transportieren dieses Rollenbild sanft verpackt – aber mit klarer Botschaft: Selbstverwirklichung ist nur durch Selbstverleugnung möglich.
Solche Ideale mögen für Einzelne befreiend wirken. Doch wer ausschert, zweifelt oder eine andere Identität lebt, steht schnell als „rebellisch“ da oder als „verführte Seele“. Menschen werden auf diese Weise nicht begleitet, sondern bewertet. Seelsorge wird zur Kontrolle. Gemeinschaft zur Normierungsmaschine. Und das Erleben des Heiligen Geistes zur Frage richtiger Anpassung.
Hinzu kommt: Kritik wird selten offen ausgesprochen und wenn doch, dann oft erst von ehemaligen Mitgliedern. Der Begriff „geistlicher Missbrauch“ hat deshalb in postevangelikalen Kreisen längst Eingang gefunden: Er beschreibt ein System, in dem fromme Sprache zur Machttechnik wird, und in dem Glaubensgewissheit oft auf Kosten der psychischen Integrität geht.
5. Netzwerke statt Kirchen – Evangelikale Machtstrukturen jenseits der Volkskirche
Wer nach „der evangelikalen Kirche“ sucht, sucht vergeblich. Evangelikale Bewegungen sind keine Konfession, kein Kirchenbund, kein Dogmenkatalog – sie sind ein Netzwerk aus Gemeinden, Werken, Verlagen, Medienhäusern, Konferenzen und Einzelpersonen, die sich über ein gemeinsames Glaubensverständnis verbunden fühlen: bibeltreu, bekehrungszentriert, weltanschaulich konservativ.
Diese Struktur ist ihre Stärke und ihre strategische Waffe. Während Volkskirchen mit Mitgliederschwund und Bürokratie kämpfen, agieren evangelikale Netzwerke schlank, mobil, professionell. Ihre Veranstaltungen wirken wie motivierende Firmenevents. Ihre Social-Media-Kanäle sind hochprofessionell produziert. Ihre Inhalte emotionalisiert, visuell aufgeladen, leicht teilbar.
Zentralfiguren wie Jana Highholder oder Jasmin Neubauer sind keine theologischen Schwergewichte, sondern stilbildende Multiplikatoren. Ihre Reichweite ersetzt die Kanzel. Ihr Lebensstil wird zur impliziten Lehre. Wer ihnen folgt, tritt unbemerkt in eine neue Welt ein – mit eigenen Normen, Rollenbildern, Erlösungsangeboten.
Träger solcher Dynamiken sind unter anderem:
- ERF Medien, die „evangelikale ARD“, mit Fernsehen, Radio, Podcasts und Social-Media-Auftritten.
- Christliches Medienmagazin pro und das Nachrichtenportal idea, die bewusst alternative Perspektiven zur säkularen Presse anbieten.
- Großveranstaltungen wie ProChrist oder die Willow-Creek-Kongresse, auf denen Tausende zusammenkommen, um sich für Jesus zu „entscheiden“ – samt Live-Stream, App und Merchandising.
Gemeinden, Konferenzen, Medien und Influencer greifen dabei systematisch ineinander. Die daraus entstehende Parallelöffentlichkeit ist nicht nur funktional – sie ist ideologisch hochwirksam: Wer sich in diesem System bewegt, konsumiert kaum noch externe Inhalte. Der Glaube wird „gefüttert“ – nicht hinterfragt. Kritik wird zum Angriff auf „Gottes Werk“. Und mit jedem Klick auf „Gefällt mir“ wächst das Vertrauen in ein alternatives Weltbild.
Doch was wie Vielfalt aussieht, ist oft nur Varianz innerhalb eines engen Koordinatensystems. Denn der gemeinsame Nenner bleibt: die absolute Autorität der Bibel, die Ablehnung der historisch-kritischen Theologie, die Betonung von Sünde, Errettung, Unterordnung – und die klare Abgrenzung vom „liberalen Zeitgeist“.
6. Die Macht der Gefühle – Warum Evangelikale so wirksam sind
Evangelikale erreichen Menschen nicht primär durch Argumente – sondern durch Atmosphäre. Ihre Gottesdienste sind keine liturgischen Abläufe, sondern emotionale Events. Ihre Musik ist kein Choral, sondern „Worship“ – ein Soundtrack zur persönlichen Jesus-Beziehung. Ihre Influencer liefern keine theologischen Abhandlungen, sondern Erlebnisse in Storyform. Es geht ums Herz, nicht um den Kopf.
Diese Emotionalisierung ist kein Zufall. Sie ist integraler Bestandteil der evangelikalen Strategie. Denn wer sich bekehrt, soll nicht überzeugt werden, sondern „ergriffen“. Das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Gesehen. Geliebt. Gerettet. Diese Erlebnisqualität ersetzt Theologie – und schützt vor kritischer Reflexion.
Besonders deutlich wird das bei evangelikalen Jugendformaten. Hier treffen professionelle Inszenierung auf spirituelle Bedürftigkeit. Die Sehnsucht nach Sinn, Identität und Gemeinschaft wird kanalisiert in ein religiöses Erlebnis mit hoher Bindungskraft:
- Lichtshows, Musik, Tränen, Gebet – dann der Appell zur „Entscheidung für Jesus“.
- Die Reaktion: emotionale Überwältigung, Tränen, Bekehrungserlebnis – oft in Gruppendynamik.
- Danach: Integration in Gemeindegruppen, Kleingruppen, Mentoring – mit klaren Regeln.
Was von außen wirkt wie freie Entscheidung, ist oft das Ergebnis suggestiver Rhetorik und sozialer Druckverhältnisse. Denn wer sich „entscheidet“, wird schnell auch auf Kurs gebracht: mit klaren Rollenbildern, Sexualmoral, Gehorsamsidealen – alles verpackt in das Versprechen: „Du bist Teil von etwas Größerem.“
Emotionale Überwältigung ersetzt dabei nicht selten den individuellen Reifungsprozess. Theologische Komplexität wird vermieden. Zweifel werden als Gefahr gesehen – nicht als Teil eines lebendigen Glaubens. Wer nicht mehr mitfühlt, gilt schnell als abgefallen.
Und genau hier beginnt die Ambivalenz: Was als echte Beziehung zu Gott erlebt wird, kann in Wahrheit eine emotionale Abhängigkeit von einem System sein, das Trost, Klarheit und Zugehörigkeit verspricht – aber innerlich oft wenig Raum für Entwicklung lässt.
7. Postevangelikale – Die innere Kritik am eigenen System
Nicht alle, die aus evangelikalen Kontexten stammen, bleiben dabei. In den letzten Jahren ist eine Bewegung sichtbar geworden, die man als postevangelikal bezeichnet. Sie sind geprägt vom evangelikalen Glauben – aber entfremdet von seinen Strukturen. Sie glauben noch – aber anders.
Postevangelikale sind keine Abgefallenen. Sie sind Verletzte, Erschöpfte, Fragende. Viele berichten von geistlichem Missbrauch, von rigiden Moralvorstellungen, von einem Glaubenssystem, das wenig Raum für Zweifel, Diversität und persönliche Reifung ließ. Ihre Geschichten ähneln sich: intensive Jesusbeziehung, totale Identifikation – gefolgt von Ernüchterung, innerem Konflikt und dem Versuch, beides zu versöhnen: Glaube und Selbstachtung.
Was sie kritisieren, ist kein theologischer Nebenaspekt – sondern die Struktur evangelikaler Frömmigkeit selbst:
- Das rigide Schwarz-Weiß-Denken zwischen „gerettet“ und „verloren“.
- Die emotionalisierte Bekehrungskultur, die kritische Reflexion unterbindet.
- Die Rollenbilder, die Frauen unterordnen und LGBTQ-Personen ausgrenzen.
- Die Verwechslung von Glaube mit Gehorsam – gegenüber Bibel, Gemeinde, Leiter.
Viele Postevangelikale berichten von Angstzuständen, Schuldgefühlen, Isolation. Ihre Glaubenszweifel wurden nicht begleitet, sondern bekämpft. Ihre Fragen nicht gehört, sondern als Rebellion gewertet. Was als Gottesbeziehung begann, wurde zur Ideologie. Was Befreiung versprach, wurde zur inneren Knechtschaft.
Aber sie gehen nicht einfach. Sie kämpfen. Um eine Sprache für ihren Glauben. Um eine theologische Integrität, die sowohl ehrlich als auch bekennend ist. Um eine Spiritualität, die tröstet – ohne zu manipulieren.
Projekte wie „Furcht & Zittern“, Podcasts wie „Die Eule“, Blogs, Bücher und Communitys in sozialen Netzwerken zeigen: Es gibt eine Generation von Christen, die nicht liberal sein will, aber auch nicht autoritär. Die Jesus nicht aufgibt – aber sein Bild neu entdeckt. Die Erlösung nicht mehr als Flucht vor der Welt sieht, sondern als Reifung in ihr.
Postevangelikale stehen exemplarisch für eine neue kirchliche Suchbewegung: theologisch informiert, selbstkritisch, spirituell wach. Was sie eint, ist weniger eine neue Lehre – als eine neue Haltung: radikale Ehrlichkeit.
8. Evangelikale Influencer – Social Media als neue Kanzel
Während traditionelle Kirchenmitglieder schwinden, wachsen auf TikTok und Instagram die Followerzahlen christlicher Influencer. Viele von ihnen sind evangelikal geprägt – und bedienen ein Publikum, das sich nach Klarheit, Identität und spiritueller Zugehörigkeit sehnt. Ihre Reichweite ersetzt in Teilen die Autorität von Gemeinde und Pastor. Die Bühne: der Smartphone-Bildschirm. Die Kanzel: der persönliche Feed.
Beispiele wie Jasmin Neubauer oder Jana Highholder zeigen, wie geschickt evangelikale Inhalte ins Netz übertragen werden:
- stylisch, emotional, nahbar.
- theologisch konservativ, aber rhetorisch weich.
- verpackt in Storytelling, Alltagssituationen und Beziehungsrhetorik.
Die eigentliche Botschaft kommt selten frontal. Statt moralischer Appelle wirken sie über Lebensstilinszenierung: #JesusFirst, #GodIsGood, #StayPure. Es ist die Ästhetik der Authentizität – kombiniert mit klassischen evangelikalen Inhalten: Keuschheit, Unterordnung, Homofeindlichkeit, Anti-Feminismus. Doch die Verpackung wirkt harmlos. Man folgt nicht einer Ideologie – sondern „der sympathischen Frau mit Mango in der Hand, die über Nächstenliebe spricht.“
Diese Form der digitalen Mission ist höchst wirksam. Denn sie erreicht genau jene, die sich von klassischen Gottesdiensten nicht angesprochen fühlen – aber in sozialen Medien nach Orientierung suchen. Gerade Jugendliche, die sich in einer pluralen, überfordernden Welt nach Sinn sehnen, werden hier abgeholt – emotional, niedrigschwellig, konstant.
Was diese Influencer*innen vereint:
- Sie agieren oft unabhängig von theologischer Ausbildung.
- Sie sind Teil gut vernetzter evangelikaler Medienstrukturen (z. B. ERF, ProChrist, IDEA).
- Sie arbeiten mit hoher Professionalität: Kamera, Schnitt, Dramaturgie – alles auf Social-Media-Niveau.
- Sie nutzen Influencing nicht als Begleitmedium – sondern als Hauptstrategie missionarischer Wirksamkeit.
Die Gefahr: Es entstehen geschlossene Sinnwelten, in denen kein Platz für Differenz, Ambivalenz oder theologische Reife ist. Statt pluraler Diskursräume dominieren monologische Erlebniswelten. Wer sich nicht „bekehrt“, ist außen vor. Kritik wird als Angriff auf den Glauben gelesen – nicht als notwendige Reifung.
9. Evangelikale Frauenbilder – zwischen Lifestyle und Unterordnung
In der digitalen Inszenierung evangelikaler Influencerinnen begegnet man einer widersprüchlichen Botschaft: selbstbewusste junge Frauen präsentieren ein Frauenbild, das auf Selbstverleugnung, Unterordnung und Rollentreue gründet. Besonders deutlich wird das bei Christfluencerinnen wie Jana Highholder oder Jasmin Neubauer, die auf Instagram und TikTok hunderttausende erreichen – mit professionellem Auftreten, modernem Vokabular und… ultrakonservativen Inhalten.
Die zentrale Botschaft:
„Als Frau bist du wertvoll – wenn du dich dem von Gott gegebenen Plan unterordnest.“
Damit wird das klassische Rollenmodell nicht frontal verteidigt, sondern elegant verpackt. Weibliche Unterordnung erscheint plötzlich nicht als patriarchales Dogma, sondern als Teil einer göttlichen Ordnung, die Geborgenheit, Harmonie und Sinn verspricht. Die Frau als Ehefrau, Mutter, Unterstützerin – das wird nicht mehr befohlen, sondern gefühlt. Wer sich fügt, gilt als stark. Wer zweifelt, als verführt.
Diese Rhetorik ist nicht neu – aber sie wirkt heute durch Influencerästhetik und Social-Media-Formate besonders einflussreich. Die Kombination aus Nähe, Emotionalität und Storytelling vermittelt eine subtile Form spiritueller Normierung:
- Kritik am Feminismus erscheint als besorgte Fürsorge.
- Selbstverwirklichung als egoistisch.
- „Biblische Weiblichkeit“ als heilsam und identitätsstiftend.
Besorgniserregend ist der Schulterschluss mit rechten Netzwerken. Wenn Neubauer in einem Video des YouTube-Kanals „Ketzer der Neuzeit“ auftaucht und dort lobend von AfD-Politikerin Alice Weidel erwähnt wird, wird sichtbar, dass theologische Rückwärtsgewandtheit politisch anschlussfähig ist – und mit klar anti-aufklärerischen Strömungen koaliert.
Die Popularität solcher Inhalte zeigt: Es ist nicht nur die theologische Botschaft, die zieht. Es ist das Versprechen eines klaren Weltbildes in einer überfordernden Gegenwart. Frauen werden eingeladen, sich durch Unterordnung selbst zu ermächtigen – eine paradoxe Strategie, die Identität gibt, aber zugleich strukturell entmündigt.
10. Postevangelikale: Kritik von innen – und die Suche nach einem emanzipierten Glauben
Wo evangelikale Strukturen Kontrolle, Normierung und geistliche Autorität versprechen, entsteht Widerstand oft erst spät – und oft von innen. Die sogenannte postevangelikale Bewegung ist genau das: eine wachsende Strömung ehemaliger Evangelikaler, die die engen Denk- und Lebensmuster ihrer Herkunft hinterfragen, ohne den Glauben grundsätzlich aufzugeben.
Was die Postevangelikalen verbindet, ist weniger ein einheitliches Glaubensbekenntnis als ein kollektives Aha-Erlebnis:
„Ich war Teil eines Systems, das mich geprägt, aber auch manipuliert hat.“
Viele dieser Stimmen erzählen von einem Leben in frommer Enge:
- von rigider Sexualmoral,
- einem exklusiven Wahrheitsanspruch,
- Angstmotivation durch Endzeitdrohungen,
- geistlichem Missbrauch durch Leitungsfiguren.
Der Bruch erfolgt oft schleichend – durch Zweifel, Diskrepanzen, Erfahrungen persönlicher Verletzung oder die Konfrontation mit alternativen theologischen Zugängen. Besonders in sozialen Netzwerken und Podcasts erzählen Postevangelikale ihre Geschichten: klug, differenziert und selbstkritisch. Es geht nicht um bloße Abrechnung – sondern um Dekonstruktion und Neuorientierung.
Formate wie der Podcast „Furcht & Zittern“, wissenschaftliche Analysen wie die von Oliver Dürr oder Plattformen wie Hossa Talk und Zwischenraum zeigen: Postevangelikalismus ist nicht die Flucht vor dem Glauben – sondern eine mühsame Rückeroberung des eigenen Denkens, Fühlens und Glaubens nach der Entfremdung durch fromme Systeme.
Typisch für postevangelikale Reflexionen ist die Frage:
Wie kann ein Glaube aussehen, der nicht vereinnahmt, sondern befreit?
Daraus ergeben sich zentrale Anliegen:
- Selbstverantwortete Theologie statt autoritärer Lehre.
- Pluralität und Zweifel als legitimer Bestandteil des Glaubens.
- Feministische, queere und interreligiöse Perspektiven als Bereicherung statt Bedrohung.
- Dekonstruktion nicht als Ende, sondern als Beginn eines authentischen Weges.
Postevangelikale geben sich nicht mit der simplen Formel „damals schlecht, heute besser“ zufrieden. Sie thematisieren die Ambivalenz: die emotionale Wärme, die Gruppenzugehörigkeit, die Sehnsucht nach Wahrheit – und zugleich die geistliche Enge, das Schweigen über Gewalt und das System der Angst.
Ihre größte Stärke: Sie zeigen, dass Kritik nicht von außen kommen muss, um berechtigt zu sein.
11. Evangelikale Medienmacht: Influencer, Netzwerke und digitale Missionsstrategien
Während sich große Teile der etablierten Kirchen mit schwindenden Mitgliederzahlen, leeren Kirchenbänken und Relevanzverlust konfrontiert sehen, nutzen evangelikale Bewegungen geschickt ein Medium, das ihnen strukturell entgegenkommt: das Internet. Und dort insbesondere: soziale Netzwerke.
„Mission ist Medienarbeit.“ Für viele evangelikale Gruppen ist das keine These – es ist Strategie. Und diese Strategie funktioniert: Auf TikTok, Instagram und YouTube erreichen christliche Influencer wie Jasmin Neubauer oder Jana Highholder teils hunderttausende Follower. Mit hochwertig produzierten Videos, emotionalen Bekehrungsgeschichten und einem Lifestyle zwischen Bibelzitat und Kaffeebecher suggerieren sie: Glaube ist alltagsnah, schön – und alternativlos.
Dabei ist das Auftreten bewusst niedrigschwellig:
- Professionelles Storytelling statt Dogmatik.
- Gefühle statt Argumente.
- Ästhetik statt Apologetik.
Doch der Inhalt bleibt meist konservativ: Rollenbilder nach biblischem Muster, Ablehnung queerer Identitäten, biblizistischer Wahrheitsanspruch, kultureller Kulturpessimismus. Hinter dem „sympathischen Jesusflow“ verbirgt sich oft ein ideologisches Grundgerüst, das sich jeder innerkirchlichen Debatte entzieht – gerade weil es außerhalb traditioneller Gemeindestrukturen wirkt.
Die Mechanismen dahinter:
- Influencer werden durch Netzwerke wie die Deutsche Evangelische Allianz oder ProChrist unterstützt.
- Sie nutzen eine Medieninfrastruktur, die aus Jahrzehnten von christlichem Radio, Verlagen und Fernseharbeit gewachsen ist.
- Inhalte werden zielgruppengenau ausgespielt, mit hoher Emotionalisierung und klarer Identitätsbotschaft: Du bist geliebt – aber nur, wenn du dich unterordnest.
Besonders erfolgreich sind die Formate bei jungen Menschen, die Orientierung suchen. Evangelikale Videos suggerieren: Es gibt einfache Antworten auf komplexe Fragen. In einer pluralen Welt voller Unsicherheiten ist das attraktiv – vor allem, wenn es ansprechend verpackt ist.
Doch diese Dynamik hat ihren Preis:
- Es entsteht eine Parallelöffentlichkeit, in der kritische Nachfragen kaum zugelassen sind.
- Algorithmen verstärken die Wirkung: Wer einmal auf evangelikale Inhalte klickt, bekommt immer mehr davon – Radikalisierung als Nebenwirkung.
- Die mediale Aufbereitung ersetzt zunehmend die theologische Tiefe: Eine Instagram-Story wird zur Glaubensgrundlage.
Fazit: Evangelikale Medienarbeit ist keine naive Frömmigkeit, sondern eine systematisch aufgebaute Gegenöffentlichkeit zur pluralen Theologie der Landeskirchen. Sie professionalisiert Mission, emotionalisiert Inhalte – und stabilisiert dabei konservative Weltbilder unter dem Deckmantel des modernen Glaubens.
12. Gefährliche Nähe: Evangelikale und die politische Rechte
Evangelikale Bewegungen präsentieren sich gern als unpolitisch – doch ihre Wirkung ist hochgradig politisch. Denn ihre Lehren erzeugen gesellschaftliche Bilder, moralische Normen und soziale Ausschlussmechanismen, die strukturell mit autoritären und rechtspopulistischen Weltanschauungen kompatibel sind. Besonders dort, wo Evangelikale gegen „Gender-Ideologie“, sexuelle Vielfalt, Feminismus und pluralistische Lebensentwürfe agitieren, entstehen ideologische Brücken zur politischen Rechten.
Anschlussfähig durch Moral
Die evangelikale Weltdeutung folgt einem moralischen Dualismus: Gut und Böse, Wahrheit und Irrtum, Rettung oder Verdammnis. Solche Denkmuster lassen sich leicht in politische Freund-Feind-Schemata überführen. Wer gegen „liberale Werte“ predigt und Abweichung von traditionellen Rollen als „Sünde“ brandmarkt, liefert keine theologische Tiefe – sondern kulturelle Abgrenzung.
Beispielhaft zeigt sich das bei Influencerinnen wie Jasmin Neubauer („Liebe zur Bibel“). In ihren Videos vertritt sie ein Frauenbild, das auf Unterordnung und „gottgewollter Ordnung“ beruht. Sie teilt Inhalte des rechten Kanals Ketzer der Neuzeit und erwähnt AfD-Politikerin Alice Weidel in affirmativem Kontext. Extrem rechter Influencer Leonard Jäger („Ketzer der Neuzeit“) wurde von ihr zum Glauben geführt ihre Verbindung ist damit persönlich wie ideell. Damit wird ein religiöser Traditionalismus in den Dienst einer politischen Polarisierung gestellt.
Oder Jana Highholder (Jane Hochhalter) Implizite AfD-Nähe: Zwar explizit nicht politisch positioniert, aber stark überschneidende Wertethemen mit AfD-naher Agenda und wiederholte Präsenz in Veranstaltungen mit Einfluss auf konservativ-rechte Netzwerke
Reaktionäres Rollenverständnis als Türöffner
Nicht nur in den USA, auch in Europa gibt es eine wachsende Nähe zwischen evangelikalen Gruppen und rechtspopulistischen Strömungen. Besonders in Fragen von:
- Familie und Geschlechterrollen
- Sexualmoral (Homosexualität, Abtreibung, „Pornografiesucht“)
- Bildung (Ablehnung von „Gender-Lehrplänen“)
- Migration und kultureller Identität
Evangelikale Milieus bieten hier die moralische Begründung für politische Regression. Was als „biblische Wahrheit“ verkauft wird, ist oft nichts anderes als religiös verbrämter Kulturkampf.
Medienstrategie: Emotionalisierung und Manipulation
Hinzu kommt die mediale Gleichschaltung von evangelikalem Influencing und rechtskonservativer Medienstrategie. Auf TikTok, YouTube und Instagram verschwimmen die Grenzen:
- Emotionalisierte Videos über Ehe, Gender, „Krise des Glaubens“
- Opferrhetorik („wir Christen dürfen nichts mehr sagen“)
- Anti-Mainstream-Haltung als Markenkern
Diese Inhalte sprechen junge, suchende Menschen an – und bereiten den Boden für eine religiös legitimierte Ablehnung pluralistischer Gesellschaften.
Fazit:
Evangelikale Bewegungen fungieren zunehmend als ideologische Katalysatoren für autoritäres Denken. Wo der Glaube zur politischen Identität wird, verwandelt sich Religion in eine Waffe gegen Offenheit, Vielfalt und demokratische Aushandlung. Die Nähe zur politischen Rechten ist kein Zufall – sie ist systemisch angelegt im evangelikalen Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Ordnung und moralischer Hierarchie.
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