Trotz biblischer Warnungen vor Endzeit-Vorhersagen haben die Zeugen Jehovas seit ihrer Entstehung immer wieder konkrete Daten für Harmagedon genannt: 1874, 1914, 1925, 1975 – alle blieben folgenlos. Statt Verantwortung zu übernehmen, wurde die Schuld meist auf die Mitglieder geschoben („falsch verstanden“). Besonders auffällig: Die Organisation sah sich teils selbst als „Prophet Gottes“. Laut Bibel aber gilt: Wer falsch prophezeit, spricht nicht für Gott. Der Beitrag zeigt: Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein System sich wiederholender Hoffnungen, Enttäuschungen – und fehlender Aufarbeitung.
Ein Überblick mit biblischer Einordnung:
Schon Jesus warnte eindrücklich vor dem Versuch, das Ende vorherzusagen:
Matthäus 24,42 (Schlachter 2000)
„So wacht nun, da ihr nicht wisst, in welcher Stunde euer Herr kommt!“
1. Thessalonicher 5,2 (Schlachter 2000)
„Denn ihr wisst ja ganz genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht.“
Matthäus 24,36 (Schlachter 2000)
„Um jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, sondern allein mein Vater.“
Trotz dieser klaren Worte versuchte die Bewegung, aus der die Zeugen Jehovas hervorgingen, wiederholt, das Ende vorherzusagen – oft mit dramatischen Konsequenzen für ihre Anhänger.
1. Adventistische Wurzeln und prophetische Erwartungen
Die Zeugen Jehovas entwickelten sich aus adventistischen Kreisen, in denen das Warten auf das Ende zentral war. Schon die Adventisten glaubten an die baldige Wiederkunft Christi und das Ende dieser Welt. Ähnliche eschatologische Vorstellungen finden sich bis heute im Lehrsystem der Zeugen Jehovas.
- Christi Dienst im himmlischen Heiligtum
- Zweites Kommen Christi
- Tod und Auferstehung
- Millennium und das Ende der Sünde
- Neue Erde

Kommt einen als Zeugen Jehovas sicher sehr bekannt vor. Etwas andere Eckdaten/Bezeichnungen aber ähnliche Schema!
Analog dazu die Zeitlinie von Charles T. Russell:

Quelle: Charles Taze Russell, „Schriftstudien“, Band 2: Der Zeit ist Hand, Ausgabe ca. 1910, gemeinfrei. Verwendung zur theologischen Analyse im Rahmen des § 51 UrhG.
2. Die „Chronologie“ der Bibelforscher und Zeugen Jehovas – eine Auswahl falscher Vorhersagen:
- 1873: „Von der Schöpfung Adams bis 1873 sind 6000 Jahre vergangen.“ (Schriftstudien, Bd. 2, S. 37)
- 1874: Beginn der „unsichtbaren Gegenwart Christi“. (Harfe Gottes, S. 216ff.)
- 1878: Aufrichtung des Königreiches im Himmel. (Schriftstudien, Bd. 2)
- 1914: Harmagedon sollte abgeschlossen sein. Später umgedeutet als Beginn von Jesu „unsichtbarer Herrschaft“.
- 1915–1918: Weltende, Vernichtung der Kirchen. (Neue Schöpfung, 1926, S. 578; Schriftstudien, Bd. 7)
- 1925: Rückkehr von Abraham, Isaak und Jakob. (Millionen jetzt Lebender werden nie sterben, Harfe Gottes, Das Goldene Zeitalter)

Für die Rückkehr der biblischen Propheten Abraham, Isaak und Jakob ließ die Wachtturm-Gesellschaft in San Diego (Kalifornien) eine repräsentative Residenz errichten – das sogenannte Beth Sarim („Haus der Fürsten“). Das Anwesen wurde offiziell als zukünftiger Wohnsitz dieser alttestamentlichen Gestalten bezeichnet. Tatsächlich verbrachte jedoch der damalige Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, Joseph F. Rutherford, regelmäßig die Wintermonate dort. Einige zeitgenössische Beobachter werteten dies als Hinweis darauf, dass das Haus primär seinem persönlichen Komfort diente – ungeachtet der theologischen Begründung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Beth_Sarim


Fotografiert & freigegeben als Public Domain (Wikimedia Commons)
- 1972–1975: 6000 Jahre Menschheitsgeschichte enden. Beginn des Millennium erwartet. (Ewiges Leben in der Freiheit der Söhne Gottes, Wachtturm 1.8.1968, Erwachet! 9.4.1969 u. a.)
https://de.scribd.com/document/460648983/1968-Watchtower-August-15-1968-pdf



Wachtturm 15.08.1968 und 01.08.1968 (deut./engl. Ausgabe)


Quelle: Das Buch die Wahrheit die zum ewigen Leben führt
Zitat: „Der Unterschied mag höchstens einige Wochen oder Monate, keinesfalls Jahre ausmachen.“
→ Viele Mitglieder verkauften Eigentum, verzichteten auf Kinder – aus Vertrauen auf die Organisation.
- 1990er Jahre: Kein explizites Datum, aber verbreitete Erwartung, dass „Generation 1914“ Harmagedon noch erleben würde.

- 2000: Wachtturm (1.1.1989, S. 12) legt nahe, dass um die Jahrtausendwende das Predigtwerk abgeschlossen sein könnte. Zitat: Der Apostel Paulus ging im christlichen Missonardienst führend voran. Er legt auch die Grundlage für eine Werk, dessen Vollendung in das 20.Jahrhundert fällt.
3. Theologischer Umgang mit Scheitern: Schuldumkehr und rhetorische Selbstentlastung
In Publikationen wird betont, die Anhänger hätten „nur falsch verstanden“:
- Jahrbuch 1975, S. 145: „Das Jahr 1925 war für viele Brüder ein trauriges Jahr. … ihre Hoffnungen waren enttäuscht worden. Sie hatten gehofft, dass einige der ‚alttestamentlichen Überwinder‘ auferstehen würden. Statt dies als eine ‚Wahrscheinlichkeit‘ anzusehen!„
- Wachtturm 15.10.1976, S. 633: „Falls jemand enttäuscht worden ist, weil er nicht diese Einstellung hatte, sollte er sich jetzt bemühen, seine Ansicht zu ändern, und sollte erkennen, daß nicht das Wort Gottes versagt oder ihn betrogen und enttäuscht hat, sondern daß sein eigenes Verständnis auf falschen Voraussetzungen beruhte.„

4. Die Organisation als „Prophet“?
Die Leitende Körperschaft bezeichnete sich in verschiedenen Ausgaben direkt oder indirekt als Prophet:
- Wachtturm 1. Juli 1972, Seite 389/ Wen hat Gott tatsächlich als seine Propheten gebraucht?
- Wachtturm 15.3.1959 Seite 168 / Jehovas Zeugen die größten Propheten
- Jahrbuch 1974 Seite 79/
- Erwachet!, 8. Juni 1986 S.9, Erwachet 8. 6.1986 S. 9 „Wenn nur das ganze Volk zu Propheten würde“
5. Biblische Bewertung falscher Prophetie:
- 5. Mose 18:21–22: „Wenn das Gesagte sich nicht erfüllt – dann hat Jehova nicht gesprochen.“
- Matthäus 7:15: „Hütet euch vor den falschen Propheten …“
- Jeremia 23:16–22: „Sie reden Visionen ihres eigenen Herzens, nicht aus dem Mund Jehovas.“
6. Fazit: Ein System aus Hoffnung, Enttäuschung und ideologischer Selbstversicherung
Die lange Liste nicht eingetretener Vorhersagen ist nicht bloß ein historisches Kuriosum. Sie zeigt das systematische Muster einer Organisation, die sich theologisch als unfehlbar positioniert, aber bei Versagen keine Verantwortung übernimmt. Die biblische Messlatte für Propheten ist eindeutig – und aus Sicht vieler Kritiker wäre sie auf die Wachtturm-Gesellschaft längst anzuwenden.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag dient der journalistischen und theologisch fundierten Auseinandersetzung mit öffentlich dokumentierten Vorgängen der Wachtturm-Gesellschaft. Alle Zitate dienen der kritischen Analyse gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht). Alle genannten Gruppennamen und Begriffe sind eingetragene Bezeichnungen der jeweiligen Organisationen und werden hier ausschließlich im Rahmen zulässiger Berichterstattung nach § 50 UrhG und § 5 GG verwendet.


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