Der Beitrag beleuchtet, wie sich zentrale Lehren der Zeugen Jehovas im Laufe der Jahrzehnte verändert haben – teils drastisch, teils widersprüchlich, jedoch stets unter dem Deckmantel „helleren Lichts“. Statt Fehler einzuräumen, wird jeder Wandel als göttlich gelenkte Entwicklung verkauft – mit tiefgreifenden Folgen für Glaubwürdigkeit und Vertrauen.
Ob Wiederkunft Christi, Harmagedon-Termine, Blutverbot oder die Rolle der Leitenden Körperschaft: Die Organisation revidiert nicht nur Details, sondern ganze Dogmen – ohne Aufarbeitung, ohne Entschuldigung. Die Gläubigen müssen folgen, auch wenn sich die „Wahrheit“ morgen anders definiert.
Fazit: Wenn sich göttliche Wahrheit beliebig anpassen lässt, wird sie zum Instrument der Kontrolle – nicht der Erkenntnis.
Verlorenes Vertrauen – Wenn die „Wahrheit“ sich ständig ändert

Im Laufe ihrer Geschichte haben die Zeugen Jehovas zahlreiche Lehren und Verhaltensregeln geändert – einige still und leise, andere offiziell verkündet. Manche Anpassungen wirken zunächst oberflächlich, sind aber Ausdruck tieferer ideologischer Entwicklungen.
Beispielsweise galt das Tragen eines Bartes jahrzehntelang als untheokratisch – für Älteste ebenso wie für einfache Verkündiger. Mittlerweile sind sowohl Dreitagebärte als auch Vollbärte offiziell kein Hindernis mehr für eine „gute Stellung“ in der Versammlung. Auch Frauen dürfen seit Kurzem Hosen im Predigtdienst und bei Zusammenkünften tragen – ein Bruch mit früheren „theokratischen Gepflogenheiten“. Und selbst das Zuprosten mit einem Glas – früher als heidnischer Brauch verpönt – wird nun offiziell toleriert.
Solche Änderungen betreffen nicht nur das äußere Erscheinungsbild. Viel tiefgreifender sind dogmatische Wandlungen, etwa in Bezug auf die Wiederkunft Christi, die Endzeiterwartung, die Definition der „Gesalbten“ oder den Umgang mit sogenannten „Abtrünnigen“.
All diese Änderungen werden von der Organisation mit einer einzigen Formel legitimiert: „Das Licht wird heller“. Doch was bedeutet das für eine Religionsgemeinschaft, die jahrzehntelang absolute Wahrheiten verkündet hat? Und wie wirkt sich diese Form der nachträglichen Uminterpretation auf das Vertrauen der Gläubigen aus?
In diesem Beitrag zeigen wir exemplarisch, wie sich zentrale Lehren und Regeln der Zeugen Jehovas im Lauf der Zeit verändert haben – oft widersprüchlich, teils widerspruchslos hingenommen, aber stets mit dem Anspruch göttlicher Führung versehen.
Die Wiederkunft Christi
- Ursprünglich auf 1874 datiert (unsichtbare Gegenwart)
- Später verschoben auf 1914
- Dann von „sichtbarer Wiederkunft“ zu „unsichtbarer Herrschaft“
- Heute: „1914 als Beginn der Königsherrschaft Jesu im Himmel“
Kommentar: Widersprüche zwischen Ursprung und heutiger Lehre sind erheblich. Die Verschiebung von 1874 auf 1914 wurde nie transparent aufgearbeitet.
Man (…) verkündete, daß Christus seit 1874 unsichtbar gegenwärtig sei.“
— Wachtturm 15.11.1974, S. 699
Harmagedon – Termin und Theologie
- 1914: Harmagedon wird erwartet
- 1925: Harmagedon „mit absoluter Sicherheit“
- 1975: „möglicher Abschluss des Systems“
- 1990er: Verlagerung auf eine „Generation, die nicht vergeht“
- Heute: Kein Datum, aber „bald“
Kommentar: Die Terminologie wurde abgeschwächt, das Prinzip der Erwartung blieb bestehen. Verantwortung für falsche Erwartungen wurde systematisch negiert.
„Binnen kurzem wird noch in unserem zwanzigsten Jahrhundert ‘die Schlacht am Tage Jehovas’… beginnen.“
— Die Nationen sollen erkennen…, 1971, S. 217
„Das Jahr 1975 wird von vielen als Zeitpunkt für den Beginn der Tausendjahrherrschaft erwartet.“
— Wachtturm 15.11.1968, S. 691
„Wenn du ein junger Mensch bist,… wirst du nie das Ende einer Laufbahn erreichen…“
— Erwachet! 22.8.1969, S. 15

Die Gesalbten und die 144.000
- Vor 1935: Jeder konnte zu den Gesalbten gehören
- Ab 1935: Berufung abgeschlossen, nur noch „anderer Schaf“-Klasse
- Ab 2007: Wieder Zunahme der Zahl der Gesalbten
- 2015: Definition verändert: Nicht jeder „Gesalbte“ ist automatisch Teil der Leitenden Körperschaft
Kommentar: Diese Lehre diente der Selbstlegitimation und wurde angepasst, um der wachsenden Diskrepanz zwischen Dogma und Zahlen zu begegnen.
Nach 1935 getaufte Christen können vom heiligen Geist berufen worden sein…“
— Wachtturm 1.5.2007, S. 30–31
„Wer dem Überrest angehört, ist Ersatz – keine Hinzufügung.“
— Wachtturm 1.2.1999, S. 19

Die Auferstehungspolitik
- Vor 1935: Paradies auf Erden für alle Gläubigen
- Später: Zwei-Klassen-Lehre, „irdische Hoffnung“ und „himmlische Hoffnung“
- 1950er: Keine Auferstehung für Sodomiten (abgeleitet von „endgültiger Vernichtung“)
- 1980er: Lehre überarbeitet, Hoffnung für manche „frühere Generationen“
- Heute: Lehre bleibt vage, keine verbindlichen Aussagen mehr
Kommentar: Theologische Unsicherheit wird durch „Nicht-Dogmatisierung“ kaschiert. Dabei handelte es sich zuvor um absolute Aussagen.
„Wir erwarten mit absoluter Zuverlässigkeit… die Auferstehung der gesamten Menschheit… im Jahr 1925.“
— Die Neue Welt, 1942, S. 104
„Frage: Sind die alttestamentlichen Überwinder schon auferstanden? Antwort: Sicherlich nicht…man dürfe sie nach 1925 erwarten…. Aber dies wurde nur als Meinung ausgesprochen.“
— Jahrbuch 1980, S. 63
Die Rolle des treuen und verständigen Sklaven
- Vor 1927: Der „Sklave“ war Charles Taze Russell
- 1927–1950er: Die Gesalbten insgesamt (also alles 144.000)
- Ab 2012: Nur noch die aktuelle Führung = Leitende Körperschaft in New York
Kommentar: Ein machtpolitischer Lehrwandel, der die Zentralisierung der Auslegungsautorität zementiert.
„Der ‚Sklave‘ war Charles Taze Russell.“
— Lehre bis 1927, siehe WTGQuellen wie Studies in the Scriptures
Hinweis: keine explizite Aussage in den beiden PDFs, aber durch historische Quellen belegbar
„Man darf die Unterweisungsmethoden des ‚Sklaven‘ weder in Zweifel ziehen noch kritisieren.“
— Wachtturm 1.1.1986, S. 30
Das Jahr 1914
- Ursprünglich: Weltende
- Dann: Beginn von Kriegen und Seuchen als „Zeichen“
- Heute: Inthronisierung Jesu im Himmel
- Grundlage: Berechnung aus Daniel 4 („sieben Zeiten“) mit umstrittener Datierung 607 v. Chr.
Kommentar: Die 1914-Lehre ist das Fundament der WTG-Lehre. Ihre historische Fragwürdigkeit wurde nie theologisch redlich aufgearbeitet.
„Angesichts der kraftvollen Bibelbeweise… wird das Ende 1914 herbeigekommen sein.“
— Jahrbuch 1975, S. 73
„Die Generation von 1914 wird nicht vergehen….“
— Wachtturm 1.6.1984, S. 19
Die „Generation“-Lehre
- Vor 1995: Die Generation, die 1914 erlebt hat, werde Harmagedon noch erleben
- 1995: Begriff der Generation wird „symbolisch“ neu definiert
- Ab 2010: Einführung des Konzepts „überlappender Generationen“
- Heute: Vage Andeutungen, keine konkrete Eingrenzung mehr
Kommentar: Die ursprünglich eindeutige Lehre wurde mehrfach umgedeutet, um das Ausbleiben der Endzeit zu rechtfertigen. Die Einführung „überlappender Generationen“ ist ein rhetorisch komplexes, aber theologisch fragwürdiges Konstrukt.
„Jesus meinte offenbar, dass sich die Lebenszeit der Gesalbten… überschneidet.“
— Wachtturm 15.6.2010, S. 5
„Die Jüngsten dieser Generation wären heute etwa 70 Jahre alt.“
— Erwachet! 8.4.1969
„Einige von dieser Generation werden noch am Leben sein ..“
— Du kannst für immer im Paradies leben, 1982, S. 154
Bluttransfusionen
- Früher: Medizinische Entscheidung
- 1945: Verbot eingeführt auf Grundlage von Apostelgeschichte 15
- 1961: Gemeinschaftsentzug bei Verstoß
- 2000er: Fraktionierte Bestandteile teilweise erlaubt
- Heute: Graubereiche; juristisch heikel, medizinisch widersprüchlich
Kommentar: Die Blutlehre wurde medizinisch nicht aktualisiert, sondern ideologisch angepasst. Lebensgefahr und juristische Spannungsfelder werden verdrängt.
„Eine Transfusion… kann zu ewiger Verdammung führen.“
— Erwachet! 22.2.1989, S. 27
„Seit 1961 wurde jemand, der eine Bluttransfusion akzeptierte, ausgeschlossen.“
— Verkündigerbuch, Kap. 13, S. 184
„Gelegentlich kann man hören, dass jemand zweifelt, ob …Blutverbot […] wirklich auf Transfusionen zutrifft.“
— Wachtturm 15.3.1986, S. 18
Umgang mit Abtrünnigen
- Früher: Kritik wurde geduldet, solange loyal
- Ab 1950er: Begriff „Abtrünniger“ institutionalisiert
- Ab 1980er: Harte Ächtung auch bei bloßer Meinungsäußerung
- Heute: „Abtrünnige“ gelten als gefährlich, werden als Feinde des Glaubens dargestellt
Kommentar: Die Lehre wurde systematisch radikalisiert, um Kontrolle durch soziale Isolation zu sichern. Der Begriff „Abtrünniger“ ist heute ideologisch hoch aufgeladen.
„Halten wir uns von Personen fern, die eine kritische Einstellung haben.“
— Wachtturm Oktober 2022, S. 20, Abs. 10
„Abtrünnige… erscheinen als gefährlich und betrügerisch.“
— Wachtturm Juli 2017, S. 30
„Versuche sofort zu erkennen, ob eine Information Zweifel… wecken soll – befasse dich nicht damit.“
— Leben und Dienst, Mai 2023, S. 16
Politische Neutralität
- Früher: Betonung auf Königreich Gottes als überweltliche Instanz
- Ab 1930er: Unterstützung autoritärer Systeme zur Selbstsicherung (z. B. Brief an Hitler 1933)
- Ab 1950er: Wieder Betonung vollständiger Neutralität
- 1990er: Mitgliedschaft bei der UNO als NGO (1991–2001)
- Heute: strikte formale Distanzierung, aber faktisch selektive Kooperation (OSZE, Medienpolitik)
Kommentar: Die politische Neutralität wurde nie konsequent eingehalten. Sie dient der Organisation vor allem als Mittel zur Abgrenzung und strategischen Selbstpräsentation.
„Nur bei der Unterordnung unter die Obrigkeiten außerhalb Gottes Organisation spielt das Gewissen eine Rolle.“
— Wachtturm 1.2.1963, S. 75
„Mexiko: Wir haben uns als Kulturverein registrieren lassen … um Probleme zu vermeiden, sangen und beteten wir nicht laut.“
— Aus unserem Archiv, 2024, S. 5



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