In den vergangenen Jahren – und ganz besonders in den letzten Monaten – hat sich bei Jehovas Zeugen ungewöhnlich viel verändert. Zunächst betraf vieles eher Regeln und Praktiken, die geändert werden konnten, ohne die eigentliche Machtstruktur der Organisation anzutasten. Kleidungsregeln wurden gelockert, organisatorische Vorgaben verändert und manche früher sehr eindeutig formulierten Positionen vorsichtiger behandelt.
Mit der Änderung der Blutlehre im September 2026 wurde allerdings eine andere Größenordnung erreicht. Rote und weiße Blutkörperchen, Blutplättchen und Plasma sind nun persönliche Gewissensentscheidungen. Nur die Transfusion von Vollblut bleibt weiterhin grundsätzlich verboten. Die Organisation selbst bezeichnet gerade diese verbleibende Position als unveränderte Kernlehre. JW.ORG
Damit ist die frühere Blutregel praktisch so weit ausgehöhlt worden, dass nur noch eine letzte harte Grenze bestehen bleibt.
Eine weitere Änderung dieser Größenordnung erwarte ich deshalb zunächst nicht. Denn je fundamentaler eine bisher verbindlich vertretene Lehre verändert wird, desto unangenehmer wird zwangsläufig die Frage: Wenn eine Regel heute plötzlich zur persönlichen Gewissensentscheidung geworden ist – warum wurde sie dann jahrzehntelang als klare biblische Vorgabe vermittelt?
Sofern der äußere Druck durch Gerichte, Gesetzgeber oder Öffentlichkeit nicht erheblich zunimmt, dürften die nächsten Veränderungen deshalb wesentlich vorsichtiger ausfallen.
Die Sprache wird weicher – die Regeln nicht unbedingt
Eine Entwicklung halte ich dagegen für nahezu sicher: Die Sprache der Organisation wird weiter entschärft werden.
Das lässt sich bereits sehr konkret beobachten.
2024 erklärte der Wachtturm ausdrücklich, man werde nicht mehr davon sprechen, dass jemand „ausgeschlossen“ oder ihm „die Gemeinschaft entzogen“ wurde. Stattdessen heißt es nun, jemand sei „aus der Versammlung entfernt“ worden. JW.ORG
Auch der Begriff „Rechtskomitee“ verschwand. Die Organisation erklärte, dieser Ausdruck werde nicht mehr verwendet, weil die Aufgabe der beteiligten Brüder mehr umfasse, als lediglich ein Urteil zu fällen. Seitdem heißt es schlicht „Komitee aus Ältesten“. JW.ORG
Das ist ein gutes Beispiel für eine Entwicklung, die ich auch für die kommenden Jahre erwarte:
Die Begriffe werden freundlicher. Die Sprache klingt stärker nach Seelsorge, Hilfe, Mitgefühl und persönlicher Entscheidung. Die tatsächliche Wirkung einer Regel kann trotzdem weitgehend bestehen bleiben.
Gerade beim Ausschluss beziehungsweise bei der Ächtung dürfte dieses Framing weitergehen. Nach außen wird stärker von Hilfe, Reue und Rückkehr gesprochen werden. Nach innen wird es aber kaum eine substantielle Öffnung geben, sobald dadurch regelmäßiger Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern oder organisationskritischen Informationen entstehen könnte.
Jehovas Zeugen dürften generell versuchen, gesellschaftlich anschlussfähiger aufzutreten. Die traditionelle Betonung, „kein Teil der Welt“ zu sein, steht längst neben dem Anspruch auf staatliche Anerkennung, rechtliche Gleichbehandlung und die damit verbundenen Rechte und Vorteile.
Nach außen dürfte deshalb stärker die Botschaft vermittelt werden: Wir sind eine moderne, friedliche und gesellschaftlich integrierte Religionsgemeinschaft.
Nach innen bedeutet das allerdings noch lange nicht dieselbe Liberalisierung.
Ein sehr guter Kandidat: die Kopfbedeckung für Frauen
Eine Regel, deren Abschaffung ich mir tatsächlich gut vorstellen könnte, kennen viele Außenstehende wahrscheinlich überhaupt nicht: die Kopfbedeckung für Frauen.
Damit ist nicht gemeint, dass Zeuginnen grundsätzlich mit Kopftuch in die Zusammenkunft gehen müssten.
Die Regel greift in bestimmten Situationen, in denen eine Frau nach der internen Ordnung etwas übernimmt, das normalerweise einem getauften Mann zukommt.
Ein sehr konkretes Beispiel ist das Gebet.
Nach der Lehre der Zeugen Jehovas ist der Ehemann das „Haupt“ seiner Frau. Spricht eine verheiratete Zeugin in Anwesenheit ihres Mannes laut für andere ein Gebet, soll sie deshalb eine Kopfbedeckung tragen. Die aktuelle Lehre nennt ausdrücklich auch die Anwesenheit des Ehemannes als eines der Kriterien, bei denen eine Schwester ihren Kopf bedecken soll. JW.ORG
Das kann beispielsweise beim gemeinsamen Essen relevant werden: Übernimmt die Frau in Anwesenheit ihres Mannes das Gebet, wird aus einem vollkommen alltäglichen Tischgebet plötzlich eine Frage der religiösen Rangordnung.
Gerade diese Regel wäre für eine Modernisierung nahezu ideal.
Man könnte erklären, das zugrunde liegende Prinzip der männlichen „Headship“ bleibe selbstverständlich bestehen, müsse heute aber nicht mehr durch eine tatsächliche Kopfbedeckung sichtbar gemacht werden.
Damit würde eine nach außen ausgesprochen antiquiert wirkende Vorschrift verschwinden – an der ausschließlich männlichen Führungsstruktur würde sich jedoch überhaupt nichts ändern.
Muttertag zuerst – vielleicht irgendwann Geburtstag
Auch bei einzelnen gesellschaftlichen Feiern halte ich Veränderungen für denkbar.
Mutter- und Vatertag wären vergleichsweise einfache Kandidaten. Sie besitzen für die Organisation wesentlich weniger theologischen Ballast als traditionelle religiöse Feiertage und könnten relativ problemlos der persönlichen Entscheidung überlassen werden.
Interessanter wird es beim Geburtstag.
JW.org räumt selbst ausdrücklich ein, dass die Bibel Geburtstagsfeiern nicht direkt verbietet. Die Ablehnung wird stattdessen unter anderem mit ihrer historischen Herkunft und biblischen Berichten über Geburtstagsfeiern begründet. JW.ORG
Damit existiert bereits heute eine mögliche argumentative Ausstiegstür.
Man könnte irgendwann sagen: Die Bibel enthält kein ausdrückliches Verbot, daher muss jeder Christ anhand seines biblisch geschulten Gewissens selbst entscheiden.
Das wäre eine deutlich größere kulturelle Veränderung als Muttertag – aber keineswegs unmöglich.
Bei Weihnachten sehe ich dagegen wesentlich weniger Spielraum. Die Organisation begründet die Ablehnung ausdrücklich mit nichtchristlichen beziehungsweise „heidnischen“ Ursprüngen und grenzt sich darüber stark von anderen christlichen Kirchen ab. JW.ORG
Auch Halloween und bestimmte Neujahrsbräuche passen schlecht in eine solche Liberalisierung. JW.org verbindet solche Feiern ausdrücklich mit Okkultismus, Geistern, Aberglauben beziehungsweise nichtbiblischen religiösen Ursprüngen. JW.ORG
Solche Feste sind nicht einfach nur Verbote. Sie dienen als religiöse Abgrenzungsmarker. Deshalb dürfte die Organisation sie deutlich schwerer aufgeben.
Der Predigtdienst kann sich verändern – ohne zu verschwinden
Beim Predigtdienst sehe ich ebenfalls Spielraum.
Die Verkündigung selbst wird nicht verschwinden. Dafür gehört sie viel zu stark zur Identität der Zeugen Jehovas.
Aber die Form kann sich verändern.
Der klassische Haus-zu-Haus-Dienst könnte weiter an Bedeutung verlieren, während Literaturstände, sogenannte Trolleys, informelles Zeugnis und digitale Missionierung wichtiger werden.
Die Organisation müsste dafür niemals verkünden, dass der Haus-zu-Haus-Dienst falsch gewesen sei. Er wäre einfach nur noch eine von mehreren Möglichkeiten.
Das wäre typisch für viele denkbare künftige Änderungen: Eine alte Praxis wird nicht widerrufen – sie verliert lediglich schrittweise ihren früheren Stellenwert.
Auch die Kongresse könnten kürzer werden
Bei den großen Kongressen halte ich organisatorische Einschnitte ebenfalls für gut vorstellbar.
Dreitägige Veranstaltungen verursachen erhebliche Kosten, Reiseaufwand und organisatorische Arbeit. Eine Verkürzung auf zwei Tage würde keinerlei Glaubenslehre berühren und ließe sich problemlos als Entlastung der Familien oder effizientere Nutzung von Ressourcen darstellen.
Eine Reduzierung auf nur noch eine reguläre Zusammenkunft pro Woche sehe ich dagegen inzwischen kritischer.
Regelmäßige persönliche Zusammenkünfte erfüllen nicht nur eine religiöse Funktion. Sie halten die Gemeinschaft sozial zusammen. Gerade wenn jemand über längere Zeit nicht mehr persönlich teilnimmt, kann sich auch die Bindung an die Organisation abschwächen.
Dort dürfte die Leitung eher versuchen, Mitglieder wieder häufiger in die Zusammenkünfte zu bekommen, als die Zahl dieser Kontakte weiter zu reduzieren.
Bei der Blutlehre dürfte erst einmal Schluss sein
Eine erneute große Änderung bei Blut erwarte ich kurzfristig nicht.
Seit September 2026 entscheidet jedes Mitglied selbst, ob es rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Plasma oder Blutplättchen akzeptiert oder spendet. Das Vollblutverbot bleibt hingegen ausdrücklich bestehen. JW.ORG
Damit ist von der früheren Konstruktion nur noch eine zentrale Verbotslinie übrig.
Natürlich könnte theoretisch irgendwann auch Vollblut zur Gewissensentscheidung werden. In naher Zukunft halte ich das aber für unwahrscheinlich. Eine solche Änderung würde die gesamte Blutlehre praktisch vollständig entkernen – und noch stärker die Frage provozieren, warum die frühere Position über Jahrzehnte so verbindlich vertreten wurde.
Und was passiert mit dem Krankenhausverbindungskomitee?
Einer der spannendsten Kandidaten für eine organisatorische Veränderung ist inzwischen das Krankenhausverbindungskomitee – kurz KVK beziehungsweise international HLC.
Diese Komitees wurden unmittelbar im Zusammenhang mit der Blutlehre aufgebaut. Doch nach der Änderung vom September 2026 stellt sich die Frage nach ihrer langfristigen Daseinsberechtigung neu. Rote und weiße Blutkörperchen, Blutplättchen und Plasma sind inzwischen persönliche Gewissensentscheidungen. Als grundsätzliche Verbotslinie bleibt im Wesentlichen nur noch Vollblut.
Und gerade das ist entscheidend: Vollbluttransfusionen spielen in modernen, finanziell gut ausgestatteten Gesundheitssystemen ohnehin kaum noch eine Rolle. Das betrifft keineswegs nur Deutschland. In Ländern mit hohem Einkommen werden laut WHO inzwischen 98 Prozent des gespendeten Blutes in einzelne Blutkomponenten aufgetrennt. Patienten erhalten je nach Bedarf beispielsweise Erythrozyten, Thrombozyten oder Plasma. In Ländern mit niedrigem Einkommen liegt der Anteil der Auftrennung dagegen nur bei 52 Prozent. Weltgesundheitsorganisation
Das einzig verbliebene grundsätzliche Blutverbot der Zeugen Jehovas betrifft damit gerade in wohlhabenden Ländern ein Blutprodukt, das in der regulären Versorgung ohnehin nur noch eine sehr geringe Rolle spielt.
Kurzfristig werden die Krankenhausverbindungskomitees sicherlich nicht einfach verschwinden. Sie bestehen weiterhin und können beispielsweise Ärzte vermitteln oder Informationen zu transfusionsvermeidenden Behandlungsmöglichkeiten bereitstellen.
Mittel- und langfristig stellt sich aber eine ziemlich einfache Frage:
Wozu benötigt eine Religionsgemeinschaft weltweit ein eigenes Netzwerk von Krankenhauskomitees, wenn die medizinisch üblichen Blutbestandteile inzwischen persönliche Gewissensentscheidungen sind und das verbliebene Vollblutverbot in modernen Gesundheitssystemen kaum praktische Bedeutung besitzt?
Eine Entwicklung würde ich persönlich durchaus begrüßen: Man könnte diese vorhandene Infrastruktur für eine echte karitative Betreuung kranker Mitglieder nutzen. Nicht als medizinische oder psychologische Beratung, sondern ganz praktisch – Menschen im Krankenhaus begleiten, Kranke besuchen, Angehörige unterstützen oder einfach dafür sorgen, dass jemand in einer schwierigen Lebensphase nicht allein bleibt.
Ein weltweit vorhandenes Netz engagierter Mitglieder wäre dafür eigentlich eine hervorragende Grundlage.
Ob die Organisation diesen Weg einschlägt, bezweifle ich allerdings. Die Krankenhausverbindungskomitees wurden für einen sehr spezifischen religiösen Zweck geschaffen. Fällt dieser Zweck zunehmend weg, erscheint mir eine schrittweise Verkleinerung, Zentralisierung und langfristig möglicherweise sogar eine vollständige Auflösung wahrscheinlicher als der Umbau zu einem allgemeinen karitativen Betreuungsdienst.
Gerade am KVK könnte sich deshalb besonders deutlich zeigen, wie weitreichend die Blutänderung von 2026 tatsächlich war: Nicht nur eine Regel wurde verändert – möglicherweise verliert damit langfristig eine ganze internationale Organisationsstruktur ihren ursprünglichen Zweck.
Höhere Bildung: formal gelockert – damit dürfte es das gewesen sein
Ähnlich sehe ich die höhere Bildung.
Der Wachtturm vom Mai 2026 räumt ausdrücklich ein, dass frühere Veröffentlichungen von bestimmten Bildungsangeboten abgeraten haben. Gleichzeitig heißt es nun, zusätzliche Bildung – ausdrücklich einschließlich Universität oder Fachhochschule – sei eine persönliche Entscheidung, über die niemand, auch kein Ältester, urteilen solle.
Bemerkenswert ist aber der unmittelbar anschließende Zusatz: Die früher genannten „Gefahren höherer Bildung“ bestünden weiterhin. JW.ORG
Genau darin dürfte die zukünftige Linie liegen.
Formal darf ein junger Zeuge studieren. Daraus folgt aber nicht, dass eine akademische Laufbahn künftig aktiv gefördert wird.
Die kulturelle Botschaft kann weiterhin lauten: Du darfst das – aber sind „geistige Ziele“ nicht wichtiger?
Der große formale Reformschritt ist damit bereits gemacht. Eine zweite große Lockerungsrunde sehe ich hier nicht.
Die überlappende Generation: Warum überhaupt noch etwas ändern?
Bei der sogenannten Generationslehre ist die Situation sogar noch komfortabler.
Hier muss die Organisation vorerst eigentlich überhaupt nichts ändern.
Die derzeitige Erklärung stammt aus der Neuinterpretation der vergangenen Jahre und wurde 2014 noch einmal sehr klar dargestellt. Danach besteht „diese Generation“ aus zwei Gruppen gesalbter Christen.
Die erste Gruppe war bereits 1914 gesalbt und erlebte nach der JW-Lehre den Beginn des „Zeichens“ der Gegenwart Christi.
Zur zweiten Gruppe gehören Gesalbte, die nicht nur gleichzeitig mit Mitgliedern der ersten Gruppe lebten, sondern bereits selbst gesalbt waren, während Angehörige der ersten Gruppe noch lebten. Die Zeiträume ihrer Salbung müssen sich also überlappt haben. JW.ORG
Genau diese Konstruktion löst ein erhebliches Zeitproblem.
Früher war „die Generation von 1914“ wesentlich leichter verständlich: Menschen, die 1914 lebten, sollten das Ende erleben. Nur vergingen die Jahrzehnte – und diese Generation starb.
Mit der überlappenden Generation wurde aus einer normalen Generation praktisch eine Generation aus zwei zeitlich verbundenen Gruppen.
Und genau deshalb besteht heute überhaupt kein akuter Änderungsbedarf.
Die erste Gruppe konnte bis sehr weit ins 20. Jahrhundert hinein leben. Zur zweiten Gruppe können wiederum deutlich jüngere Gesalbte gehören, solange ihre Zeit als Gesalbte sich noch mit der ersten Gruppe überschnitt.
Die Organisation nennt bewusst kein Enddatum. Deshalb wäre es falsch zu behaupten, JW.org lehre ausdrücklich „2040“.
Aber aus der eigenen Konstruktion ergibt sich ohne Weiteres erheblicher zeitlicher Spielraum bis weit in die 2040er Jahre hinein. Die offizielle Darstellung sagt lediglich, zumindest einige Angehörige der zweiten Gruppe würden noch leben, wenn die „große Drangsal“ beginne. JW.ORG
Warum sollte man diese Lehre also jetzt noch einmal ändern?
Man lässt sie einfach stehen.
Und falls irgendwann auch diese zeitliche Konstruktion unangenehm eng werden sollte, hat die bisherige Lehrgeschichte zumindest gezeigt, dass sich der Begriff „Generation“ erstaunlich flexibel auslegen lässt.
Salopp gesagt wäre dann immer noch die „überlappende überlappende Generation“ denkbar.
Das ist selbstverständlich keine heutige Lehre der Zeugen Jehovas und es gibt dafür derzeit auch keinerlei offizielle Anzeichen. Aber gerade die bisherige Entwicklung zeigt, warum eine offene Aufgabe der Generationslehre gar nicht nötig ist: Man kann ihre Definition verändern – oder sie schlicht immer weniger erwähnen.
Und genau hier führt die Generationslehre direkt zu einem viel größeren Problem.
1914 kann man nicht einfach aufgeben
1914 ist keine isolierte Jahreszahl, die man problemlos aus einem Lehrbuch streichen könnte.
Nach der heutigen Lehre begann 1914 Christi königliche Gegenwart. Die Organisation verbindet dieses Datum anschließend unmittelbar mit der Entwicklung, die schließlich zur Einsetzung des „treuen und verständigen Sklaven“ führen soll.
Ein offizieller Wachtturm erklärt ausdrücklich, die Erfüllung der Illustration vom treuen und verständigen Sklaven beginne erst nach Beginn der letzten Tage im Jahr 1914. Weiter heißt es, Christus und sein Vater hätten von 1914 bis Anfang 1919 den geistigen Tempel geprüft; 1919 seien schließlich geeignete gesalbte Brüder als „treuer und verständiger Sklave“ ausgewählt worden. JW.ORG
Damit hängt an 1914 letztlich auch ein Teil der Legitimation der heutigen Führung.
Würde man 1914 offiziell aufgeben, entstünde sofort die nächste Frage:
Wenn 1914 nicht stimmt – was passiert dann mit 1919?
Und wenn die behauptete Auswahl von 1919 nicht mehr auf dieser Chronologie beruht – worauf beruht dann der besondere Autoritätsanspruch des „treuen und verständigen Sklaven“?
Genau deshalb halte ich eine offizielle Aufgabe von 1914 für nahezu ausgeschlossen.
Man muss 1914 aber auch gar nicht aufgeben.
Viel einfacher ist es, darüber immer weniger zu sprechen.
1914 bleibt formal richtig. Die überlappende Generation bleibt formal richtig. Harmagedon bleibt formal unmittelbar bevorstehend.
Aber diese Themen müssen nicht mehr ständig das Zentrum der Verkündigung bilden.
Das könnte langfristig die eleganteste Lösung sein:
Nicht korrigieren. Nicht widerrufen. Einfach immer seltener thematisieren.
Eine Lehre kann auf dem Papier vollständig bestehen bleiben und trotzdem für den Alltag der nächsten Generation von Mitgliedern zunehmend bedeutungslos werden.
Frauen als Älteste? Kaum vorstellbar
Eine andere Änderung würde ich praktisch ausschließen: Frauen als Älteste.
Für die Organisation gäbe es hier kaum einen strategischen Vorteil.
Sie müsste ihre traditionelle Auslegung der männlichen Leitung neu erklären, würde insbesondere ältere und konservative Mitglieder erheblich irritieren und würde gleichzeitig eine tatsächliche Veränderung der internen Machtstruktur vornehmen.
Das unterscheidet diese Frage fundamental von der Kopfbedeckung.
Die Kopfbedeckung kann verschwinden – und die männliche Hierarchie bleibt unangetastet.
Frauen als Älteste würden dagegen genau diese Hierarchie verändern.
Warum sollte die Leitende Körperschaft diesen Preis zahlen, wenn daraus für sie kaum ein institutioneller Nutzen entsteht?
Gleichgeschlechtliche Partnerschaften dürften ebenfalls eine rote Linie bleiben
Auch bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen sehe ich keine größere Liberalisierung.
Dabei sollte man sauber formulieren: Jehovas Zeugen lehren nicht, dass ein homosexueller Mensch allein aufgrund seiner sexuellen Orientierung ausgeschlossen werden müsse. Ihre offizielle Position richtet sich gegen homosexuelle sexuelle Beziehungen und gleichgeschlechtliche Ehen. JW.org erklärt weiterhin ausdrücklich, sexuelle Beziehungen seien nur innerhalb einer Ehe zwischen Mann und Frau zulässig. JW.ORG
Eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften würde eine sehr explizite und vielfach wiederholte Bibelauslegung betreffen.
Auch hier wäre die Rechnung aus Sicht der Organisation ungünstig:
viel theologischer Erklärungsbedarf, erhebliche Irritation in einer konservativ geprägten Mitgliedschaft – aber kaum interner Nutzen.
Deshalb halte ich eine solche Änderung für äußerst unwahrscheinlich.
Bei der Ächtung wird sich wahrscheinlich vor allem die Verpackung ändern
Noch deutlicher ist die Grenze bei Ächtung und Informationskontrolle.
Hier wird sich die Sprache wahrscheinlich weiter verändern.
Vielleicht verschwinden weitere belastete Begriffe. Vielleicht werden Verfahren noch stärker als „Hilfe“ und „liebevolle Unterstützung“ beschrieben. Unter erheblichem rechtlichem oder gesellschaftlichem Druck könnte irgendwann sogar eine Sonderregel für Minderjährige entstehen.
Aber eine substantielle Lockerung gegenüber erwachsenen Ausgeschlossenen oder freiwillig Ausgetretenen halte ich für äußerst unwahrscheinlich.
Denn normaler sozialer Kontakt hätte eine aus Sicht der Organisation heikle Konsequenz:
Aktive Mitglieder könnten regelmäßig mit Menschen sprechen, die die Organisation bewusst verlassen haben – und deren Gründe hören.
Bei sogenannten „Abtrünnigen“ gilt das noch stärker.
Gerade dort liegt deshalb eine Grenze, die vermutlich nicht aufgeweicht wird. Wo der Zugang zu organisationskritischen Informationen erleichtert würde, berührt eine Änderung nicht nur eine Verhaltensregel, sondern unmittelbar Informations- und Autoritätskontrolle.
Deshalb erwarte ich dort eher weiterhin eine weichere Außensprache bei gleichzeitig sehr stabilen inneren Grenzen.
inzwischen dem persönlichen Gewissen des Patienten überlassen werden?
Was bleibt als Muster?
Wenn man all diese möglichen Veränderungen nebeneinanderlegt, ergibt sich für die nächsten Jahre ein ziemlich klares Bild.
Jehovas Zeugen werden sich wahrscheinlich weiter verändern aber sehr selektiv.
Regeln können fallen, wenn ihr Wegfall wenig kostet. Organisatorische Belastungen können reduziert werden. Sprache kann freundlicher und die Außendarstellung moderner werden. Einzelne bisher verbotene Dinge können plötzlich als persönliche Gewissensentscheidung behandelt werden.
Was dagegen die Autorität der Leitenden Körperschaft, die Bindung an die Organisation oder den Zugang zu kritischen Informationen betrifft, dürfte wesentlich stabiler bleiben.
Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht:
„Welche Lehre könnten Jehovas Zeugen theoretisch als Nächstes ändern?“
Sondern:
„Welche Änderung kann sich die Organisation leisten, ohne Kontrolle, Autorität und Identität zu verlieren?“
Aus diesen Beobachtungen ergibt sich keine exakte Vorhersage. Niemand außerhalb der Leitung kann wissen, welche Änderungen tatsächlich geplant sind. Aber man kann einschätzen, welche Änderungen zum bisherigen Muster passen – und welche zentrale Elemente von Autorität, Bindung und Informationskontrolle berühren würden.
Die folgende Tabelle fasst deshalb lediglich meine Einschätzung für die kommenden Jahre zusammen.
Tabelle:



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