Das aktuelle JW Broadcasting enthält einen bemerkenswerten Satz. Kenneth Cook warnt davor, sich nur Informationen zu beschaffen, die die eigene Meinung bestätigen.
Richtig.
Genau so sollte vernünftige Recherche funktionieren. Wer wissen möchte, ob seine Überzeugung stimmt, darf nicht nur nach Bestätigung suchen. Er muss Gegenargumente zulassen, unterschiedliche Quellen prüfen und bereit sein, seine Meinung zu ändern.
Nur wenige Minuten später gilt dieser Grundsatz offenbar nicht mehr.
Nun sollen Zeugen Jehovas „besonders vorsichtig“ sein, wenn Informationen über ihre Organisation oder ihre Glaubensansichten nicht von der offiziellen Website JW.org stammen.
Damit ist das eigentliche Problem dieses Broadcastings bereits sichtbar:
Nicht der Inhalt einer Information wird geprüft. Schon ihre Herkunft wird zum Verdachtsmoment.
Kurz gesagt: Kommt eine kritische Information von außen, ist Misstrauen angesagt. Bestätigt eine externe Quelle dagegen die eigene Position, darf sie selbstverständlich zitiert werden.
Und dann kommt künstliche Intelligenz ins Spiel.
Meine Vermutung ist, dass genau hier eine neue und für die Wachtturmgesellschaft ausgesprochen nützliche Verteidigungslinie entsteht. Seit Jahrzehnten werden kritische Quellen diskreditiert. Künftig kann zusätzlich der Beleg selbst diskreditiert werden.
Nicht mehr nur:
„Das kommt von Abtrünnigen.“
Sondern:
„Wer weiß, ob das überhaupt echt ist? Heute kann man schließlich alles mit KI fälschen.“
Das wäre die nahezu perfekte Erweiterung eines bereits geschlossenen Informationssystems.
Die Wachtturmgesellschaft warnt ihre Mitglieder seit Jahrzehnten vor „Abtrünnigen“, Kritikern, negativen Berichten und Informationen außerhalb der eigenen Quellen.
Das typische Muster lautet dabei nicht: Kritik vollständig darstellen und anschließend widerlegen. Stattdessen werden Kritiker diskreditiert, ihre Argumente verkürzt oder durch Strohmänner ersetzt und externe Quellen bereits aufgrund ihrer Herkunft verdächtig gemacht.
Im aktuellen Broadcasting kommt nun eine neue Ebene hinzu: künstliche Intelligenz.
Natürlich sind Deepfakes eine reale Gefahr. In einem bereits abgeschotteten Informationssystem entsteht daraus jedoch ein zusätzlicher Vorteil für die Organisation: Wenn jeder weiß, dass Videos, Stimmen, Bilder und Dokumente manipuliert werden können, lässt sich künftig auch authentisches Material leichter anzweifeln.
Die Wissenschaft nennt diesen Effekt „Liar’s Dividend“. Wer mit dem Vorwurf von Fake News arbeitet, kann davon profitieren, selbst wahre unangenehme Informationen als möglicherweise gefälscht darzustellen. In fünf Experimenten mit insgesamt mehr als 15.000 Erwachsenen konnten falsche Fake-News-Vorwürfe die Unterstützung für Politiker trotz realer Skandale erhöhen.
Meine Prognose ist deshalb ziemlich eindeutig: Die Wachtturmgesellschaft wird durch KI nicht plötzlich ehrlicher mit eigenen Fehlern umgehen. Sie wird weiter bestreiten, umdeuten und beschönigen. Künstliche Intelligenz liefert ihr lediglich eine neue und äußerst bequeme Möglichkeit, Zweifel an Belegen zu säen.
Das Problem ist nicht Quellenkritik
Natürlich muss man Quellen prüfen.
Ein YouTube-Video ist nicht automatisch wahr.
Ein ehemaliger Zeuge Jehovas ist nicht automatisch glaubwürdig.
Eine Zeitung kann Fehler machen.
Und auch mir passieren Fehler. Beruflich, privat und selbstverständlich auch auf Helleres Licht.
Der entscheidende Unterschied lautet:
Eine Information wird nicht dadurch falsch, dass sie aus einer bestimmten Quelle stammt.
Sie wird falsch, wenn ihr Inhalt falsch ist.
Das klingt banal. Bei Jehovas Zeugen wird diese Grenze jedoch seit Jahrzehnten systematisch verwischt.
Bereits 2011 verglich ein Wachtturm „Abtrünnige“ mit Schmugglern und Fälschern. Sie würden „gefälschte Worte“ verwenden, täuschende Lehren verbreiten und die Bibel verdrehen. Anschließend werden sie als „geistig krank“ bezeichnet und mit einem Menschen verglichen, der an einer ansteckenden tödlichen Krankheit leidet. Die Konsequenz: meiden.
Man muss sich einmal klarmachen, was hier passiert.
Der Leser bekommt nicht zunächst ein konkretes Argument eines Kritikers vorgelegt und anschließend eine sachliche Widerlegung.
Er bekommt zuerst erklärt, wer dieser Kritiker angeblich ist:
gefährlich,
täuschend,
geistig krank,
ansteckend.
Danach soll er sich mit dessen Argumenten möglichst gar nicht mehr beschäftigen.
Das ist keine inhaltliche Auseinandersetzung.
Das ist Quellendiskreditierung.
In der Argumentationslehre nennt man eine solche Technik unter anderem Poisoning the Well: Der Brunnen wird vergiftet, bevor jemand daraus trinken kann.
Die Botschaft lautet nicht:
„Lies die Kritik und prüfe, ob sie stimmt.“
Sondern:
„Derjenige, von dem sie kommt, ist so gefährlich, dass du sie besser gar nicht erst liest.“
Das Muster ist bis heute dasselbe
2021 klingt das etwas moderner, das Prinzip bleibt gleich.
Ein Wachtturmartikel spricht von bekannten ehemaligen Zeugen, die „negative reports, half-truths, and outright lies“ verbreitet hätten. Direkt anschließend werden diejenigen, die sich davon nicht beirren lassen, als „honesthearted“, also ehrlich gesinnt, bezeichnet.
Rhetorisch ist das geschickt.
Auf der einen Seite:
Abtrünnige.
Negative Berichte.
Halbwahrheiten.
Lügen.
Auf der anderen:
die ehrlich Gesinnten.
Damit wird nicht nur die Quelle diskreditiert. Auch der Leser bekommt eine Identität angeboten.
Wer der Organisation vertraut, gehört zu den Ehrlichen.
Wer sich von Kritik überzeugen lässt, bewegt sich gedanklich bereits auf die falsche Seite.
Das ist eine falsche Dichotomie.
Denn die naheliegendste Möglichkeit fehlt:
Ein ehemaliger Zeuge kann in einer bestimmten Sache recht haben.
Ein Journalist kann sauber recherchiert haben.
Eine Behörde kann einen tatsächlichen Missstand festgestellt haben.
Und die Leitende Körperschaft kann schlicht falschliegen.
Eine ehrliche Organisation würde sich der Kritik stellen
Eigentlich wäre die Alternative geradezu langweilig einfach.
Ein Kritiker behauptet etwas Falsches?
Dann widerlegt es.
Ein Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen?
Dann zeigt den vollständigen Zusammenhang.
Ein altes Video wurde falsch interpretiert?
Dann zeigt das vollständige Video.
Eine Zeitung verbreitet einen Fehler?
Dann benennt den konkreten Fehler und legt die Belege dagegen vor.
Ein ehemaliges Mitglied lügt?
Dann zeigt die Lüge.
Eine Untersuchungskommission liegt falsch?
Dann zeigt anhand ihrer Akten, wo sie falschliegt.
Mehr braucht es nicht.
Eine Organisation, die überzeugt davon ist, „die Wahrheit“ zu besitzen, müsste eigentlich geradezu begeistert von einer offenen inhaltlichen Prüfung sein.
Denn wenn die Kritik falsch ist, sollte sie sich problemlos zerlegen lassen.
Genau das passiert jedoch regelmäßig nicht.
Statt den stärksten tatsächlichen Vorwurf vollständig darzustellen und Punkt für Punkt zu beantworten, wird die Kritik häufig an ihrer Quelle angegriffen, abgeschwächt, umgedeutet oder durch eine wesentlich dümmere Version ersetzt.
Warum?
Wer die Wahrheit besitzt, müsste die echte Kritik mit Leichtigkeit widerlegen können.
Wer dagegen dafür sorgt, dass sein Publikum die echte Kritik möglichst gar nicht erst kennenlernt, erreicht etwas anderes:
Der Zuhörer kommt nicht auf die Idee, selbst zu überprüfen, ob vielleicht etwas dran ist.
Der Strohmann erledigt den Rest
Im aktuellen Broadcasting werden beispielsweise angeblich absurde Vorwürfe gegen Zeugen Jehovas angesprochen.
Unter anderem: Zeugen würden nicht zum Arzt gehen.
Das behauptet ernsthaft kaum jemand.
Natürlich gehen Zeugen Jehovas zum Arzt.
Die tatsächliche Kritik betrifft die religiösen Vorgaben zu bestimmten Bluttransfusionen und die daraus entstehenden medizinischen Entscheidungen.
Aus:
„Welche Folgen hat die religiöse Vorgabe, bestimmte medizinische Behandlungen abzulehnen?“
wird:
„Man behauptet, Zeugen Jehovas gingen nicht zum Arzt.“
Das lässt sich natürlich hervorragend widerlegen.
Nur wurde damit gar nicht die tatsächliche Kritik widerlegt.
Ähnlich beim Kindesmissbrauch.
Die ernsthafte institutionelle Kritik lautet nicht:
„Jeder Zeuge Jehovas schützt Kinderschänder.“
Das wäre Unsinn.
Die Kritik betrifft interne Verfahren, Meldepraktiken, die Zwei-Zeugen-Regel und den institutionellen Umgang mit Missbrauchsvorwürfen.
Wird aus einer komplexen Kritik eine plumpere Version gebaut, die anschließend problemlos zerlegt werden kann, nennt man das einen Strohmann.
Man besiegt nicht das Argument des Kritikers.
Man baut sich ein schlechteres Argument und besiegt anschließend sich selbst.
Unter Eid klingt es plötzlich ganz anders
Besonders aufschlussreich ist deshalb eine Aussage Geoffrey Jacksons vor der australischen Royal Commission.
Jackson wurde gefragt, ob er Menschen widersprechen würde, die Bemühungen zur Aufdeckung und Bekämpfung von Kindesmissbrauch bei Jehovas Zeugen als „apostate lies“ bezeichnen.
Zunächst wich er aus.
Dann sagte er einen Satz, der eigentlich als Standard für jede vernünftige Quellenprüfung dienen müsste:
Nicht die Person, die die Anschuldigung erhebt, sei entscheidend. Entscheidend sei, ob es eine Grundlage für die Anschuldigung gebe.
Genau.
Mehr braucht es eigentlich nicht.
Nicht:
Ist der Kritiker ein Abtrünniger?
Nicht:
Ist das eine weltliche Zeitung?
Nicht:
Steht es auf JW.org?
Sondern:
Gibt es dafür Belege?
Merkwürdigerweise funktioniert dieser völlig vernünftige Maßstab unter Eid vor einer staatlichen Untersuchungskommission deutlich besser als in den eigenen Veröffentlichungen.
Für einen Außenstehenden fällt dieser Widerspruch schnell auf.
Für jemanden, der jahrelang innerhalb desselben Systems sozialisiert wurde, ist das schwieriger. Wer ständig hört, welche Quellen vertrauenswürdig und welche gefährlich sind, prüft neue Informationen irgendwann nicht mehr auf neutralem Terrain. Sie treffen auf ein bereits vorbereitetes Weltbild.
Göttliche Autorität – menschliche Fehlbarkeit
Und genau hier kommt ein weiteres Muster ins Spiel, das sich durch die Organisation zieht.
2016 erklärte der Wachtturm ausdrücklich, Jesus habe den „treuen und verständigen Sklaven“ zum „einzigen Kanal“ für die geistige Speise eingesetzt. Die entscheidende Frage lautete sogar: Bin ich loyal gegenüber diesem Kanal?
2017 erklärte dieselbe Organisation:
Die Leitende Körperschaft sei weder inspiriert noch unfehlbar und könne sich sowohl in Lehrfragen als auch bei organisatorischen Entscheidungen irren.
Und 2022 wurde den Mitgliedern wiederum erklärt, während der „großen Drangsal“ könnten Anweisungen kommen, die „seltsam, unpraktisch oder unlogisch“ erscheinen. Gerade dann sei nicht der Zeitpunkt, skeptisch zu fragen, ob diese Anweisungen wirklich von Jehova kämen oder ob verantwortliche Brüder auf eigene Faust handelten.
Das ist ein bemerkenswert komfortables System.
Wenn Gehorsam gefordert wird:
Jehova führt die Organisation. Jesus benutzt diesen Kanal. Vertraut den Anweisungen, sogar wenn sie unlogisch erscheinen.
Wenn Fehler thematisiert werden:
Wir haben doch nie behauptet, inspiriert oder unfehlbar zu sein.
Das erinnert geradezu lehrbuchhaft an Motte-and-Bailey.
Für den Autoritätsanspruch verwendet man die starke Position.
Wird die Verantwortung für Fehler eingefordert, zieht man sich auf die wesentlich schwächere Position zurück:
Wir sind auch nur unvollkommene Menschen.
Danach wird wieder vollständiges Vertrauen verlangt.
Macht ohne Rechenschaftspflicht
Und genau hier liegt für mich ein Punkt, der weit über Religion hinausgeht.
Es handelt sich um eine extreme Konzentration von Entscheidungsmacht bei gleichzeitig schwacher Verantwortungszurechnung.
Oder einfacher:
Macht ohne echte Rechenschaftspflicht.
Solche Konstellationen kennt man auch aus der Wirtschaft.
Deshalb existieren dort überhaupt Corporate-Governance-Strukturen, Kontrollorgane, Berichtspflichten, Prüfungen und Verantwortlichkeiten.
Vorstände und Geschäftsführungen erhalten erhebliche Entscheidungsmacht. Gleichzeitig soll aber gerade verhindert werden, dass diejenigen, die Entscheidungen treffen, völlig von den Folgen ihrer Entscheidungen und von externer Kontrolle entkoppelt werden.
Selbst in der Wirtschaft gilt eine starke Trennung zwischen Macht und Verantwortung als problematisch.
Bei der Leitenden Körperschaft ist diese Entkopplung noch viel fundamentaler.
Ihre Entscheidungen betreffen nicht nur Budgets, Produkte oder Unternehmensstrategien.
Sie betreffen Glauben, Familienbeziehungen, medizinische Entscheidungen, Lebensplanung und das soziale Umfeld von Millionen Menschen.
Gleichzeitig kann bei einem Fehler jederzeit die Rückzugslinie gezogen werden:
Nicht inspiriert.
Nicht unfehlbar.
Unvollkommene Menschen.
Nur ändert das nichts am nächsten Anspruch auf Gehorsam.
Eine solche Situation hätte vermutlich jede Führungskraft gern:
Entscheidungsgewalt, wenn entschieden wird.
Göttliche Legitimation, wenn Gehorsam gefordert wird.
Und menschliche Fehlbarkeit, sobald die Verantwortung für die Folgen auf den Tisch kommt.
Ich kenne Entscheidungsverantwortung aus sehr unterschiedlichen Bereichen meines eigenen Lebens: aus meiner Zeit als Soldat und Sanitäter genauso wie aus späteren Führungsaufgaben.
Der Grundsatz war immer derselbe:
Wer für andere entscheidet, trägt Verantwortung für seine Entscheidungen.
Gerade wenn andere Menschen die Konsequenzen tragen müssen.
Von diesem Verständnis von Verantwortungsübernahme scheint die Leitende Körperschaft mitunter weiter entfernt zu sein als die Erde vom Jupiter.
Wiederholung schafft Vertrautheit
Ein weiterer psychologischer Mechanismus verstärkt dieses System.
Beim sogenannten Illusory Truth Effect werden wiederholte Aussagen im Durchschnitt als glaubwürdiger eingeschätzt als neue.
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2024 zeigt, dass dieser Effekt nicht auf belanglose Wissensfragen beschränkt ist. Wiederholung kann auch den Glauben an Fake-News-Schlagzeilen, Verschwörungsbehauptungen und sogar Aussagen erhöhen, die eigentlich unplausibel sind oder vorhandenem Wissen widersprechen.
Vereinfacht:
„Das habe ich schon häufig gehört“
fühlt sich irgendwann erstaunlich ähnlich an wie:
„Das weiß ich.“
Und genau deshalb sind geschlossene Informationssysteme so wirksam.
Wer jahrelang immer wieder hört:
Die Organisation ist Jehovas Organisation.
Der treue Sklave ist der einzige Kanal.
Abtrünnige verbreiten Lügen.
Negative Berichte gefährden den Glauben.
JW.org ist die sichere Quelle.
entwickelt einen festen Interpretationsrahmen.
Eine neue kritische Information trifft dann nicht auf neutrales Terrain.
Sie trifft auf ein Urteil, das längst vorbereitet wurde.
Und jetzt wird es noch bequemer: KI
Genau in dieses bestehende System setzt das aktuelle Broadcasting nun die Warnung vor künstlicher Intelligenz.
Cook erklärt, KI könne täuschend echte Videos erzeugen und vorhandenes Material verändern.
Dann folgt der entscheidende Satz:
„Wenn wir diese Technologie schon so nutzen können, dann stellt euch vor, was Gegner damit machen können.“
Das Wort „Gegner“ ist entscheidend.
Die Organisation hat ihren Mitgliedern längst beigebracht, externe Kritiker, „Abtrünnige“ und negative Medienberichte mit besonderem Misstrauen zu betrachten.
Nun kommt eine weitere Botschaft hinzu:
Diese Gegner können sogar die Beweise fälschen.
Damit entsteht eine neue Verteidigungsstufe.
Bisher:
Trau der Quelle nicht.
Jetzt:
Trau nicht einmal dem Beweis.
Der Liar’s Dividend
Genau dieses Problem beschäftigt inzwischen die Wissenschaft.
Der Begriff Liar’s Dividend beschreibt einen paradoxen Nebeneffekt der modernen Desinformation.
Deepfakes können Menschen dazu bringen, etwas Falsches für wahr zu halten.
Das ist die offensichtliche Gefahr.
Aber je bekannter wird, dass perfekte Fälschungen möglich sind, desto leichter lässt sich auch etwas Echtes als Fälschung zurückweisen.
Eine umfangreiche Untersuchung im American Political Science Review führte fünf Experimente mit insgesamt 15.287 Erwachsenen durch. Untersucht wurde, ob Politiker davon profitieren können, wahre negative Berichte über sich fälschlicherweise als „Fake News“ oder „Deepfake“ zu bezeichnen.
Das Ergebnis: Solche falschen Desinformationsvorwürfe konnten die Unterstützung für Politiker erhöhen. Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei textbasierten Berichten; bei Videobeweisen war er wesentlich schwächer.
Der entscheidende Punkt bleibt:
Man muss einen unangenehmen Beleg nicht mehr vollständig widerlegen. Es kann genügen, Zweifel daran zu erzeugen, ob er überhaupt echt ist.
Donald Trump hat die Methode erstaunlich offen erklärt
Wie wirkungsvoll die Diskreditierung von Quellen sein kann, lässt sich in den Vereinigten Staaten beobachten.
Donald Trump bezeichnete kritische Medien über Jahre als „Fake News“.
Die dahinterstehende Strategie beschrieb er gegenüber der CBS-Journalistin Lesley Stahl sogar selbst.
Stahl berichtete, Trump habe ihr erklärt, er greife Journalisten an, um sie zu diskreditieren und herabzusetzen, damit die Menschen negative Berichte über ihn später nicht mehr glaubten. Trump bestritt in einem späteren Interview nicht, dass sie ihn an diese Aussage erinnerte.
Das Prinzip könnte kaum klarer sein.
Man muss nicht jede unangenehme Meldung einzeln widerlegen.
Man zerstört vorher das Vertrauen in den Überbringer.
Dann erledigt sich ein Teil der Kritik von selbst.
Die Zeit nach der Präsidentschaftswahl 2020 zeigt, wie weit eine solche alternative Informationswelt reichen kann.
Joe Biden hatte die Wahl gewonnen. Nach gescheiterten gerichtlichen Anfechtungen, Nachzählungen und der Bestätigung durch den Kongress sagten im Januar 2021 trotzdem 40 Prozent der Trump-Wähler, Trump habe die Wahl „definitiv“ gewonnen. Weitere 36 Prozent hielten einen Trump-Sieg für wahrscheinlich.
Natürlich lässt sich das nicht allein durch Wiederholung erklären.
Politische Identität, Gruppenzugehörigkeit, Medienkonsum und motiviertes Denken spielen ebenfalls eine Rolle.
Aber das Beispiel zeigt etwas Entscheidendes:
Eine falsche Behauptung muss nicht wahr werden, um für eine Gruppe zur gefühlten Wirklichkeit zu werden.
Meine Prognose: Das Bestreiten wird noch einfacher
An diesem Punkt beginnt meine persönliche Einschätzung.
Ich glaube, dass die Wachtturmgesellschaft die neue Angst vor KI künftig nutzen wird.
Nicht unbedingt plump.
Ich erwarte nicht, dass bei jedem unangenehmen alten Video sofort offiziell erklärt wird:
„Das ist ein Deepfake.“
Das wäre gar nicht notwendig.
Viel eleganter ist es, Zweifel zu säen.
Man weiß heute nicht mehr, was echt ist.
Videos können manipuliert werden.
Stimmen können künstlich erzeugt werden.
Gegner verbreiten Falschinformationen.
Prüft die Quelle.
Seid besonders vorsichtig, wenn Informationen über uns nicht von JW.org stammen.
Mehr braucht es nicht.
Es muss nicht einmal ausdrücklich behauptet werden, ein Beweis sei gefälscht
Das ist vielleicht der perfideste Punkt.
Wenn ein altes Video auftaucht, muss die Organisation nicht einmal sagen:
„Dieses Video ist gefälscht.“
Es genügt, vorher oft genug erklärt zu haben:
„Solche Videos können heute problemlos gefälscht werden.“
Der Rest passiert im Kopf des Zuhörers.
Ein alter Vortrag widerspricht der heutigen Darstellung?
Vielleicht manipuliert.
Eine archivierte Publikation enthält eine unangenehme Aussage?
Vielleicht verändert.
Ein ehemaliges Mitglied zeigt einen alten Ausschnitt?
Abtrünnige Quelle.
Eine Zeitung präsentiert ein Dokument?
Negative Berichterstattung.
Damit wird aus einem überprüfbaren Sachverhalt plötzlich eine Vertrauensfrage.
Und wem vertraut werden soll, wurde vorher längst festgelegt.
Vom Kritiker über die Quelle bis zum Beweis
Genau darin sehe ich die Entwicklung.
Zuerst wird der Kritiker angegriffen:
Ad hominem.
Dann seine Quelle:
Poisoning the Well.
Seine tatsächliche Kritik wird durch eine leichter angreifbare Version ersetzt:
Strohmann.
Danach wird die Welt in zwei Lager geteilt:
Jehovas Organisation oder ihre Gegner.
Falsches Dilemma.
Beim Autoritätsanspruch wird zwischen maximaler göttlicher Legitimation und menschlicher Fehlbarkeit gewechselt:
Motte-and-Bailey.
Und nun kommt eine weitere Ebene hinzu:
Der Beweis selbst könnte unecht sein.
KI.
Es stehen damit immer mehr Möglichkeiten zur Verfügung, Kritik abzuwehren.
Nur eines fällt weiterhin erstaunlich selten auf:
Die stärkste reale Kritik wird vollständig dargestellt und anschließend Punkt für Punkt inhaltlich widerlegt.
Genau darin liegt die eigentliche Gefahr
Deepfakes sind gefährlich.
Aber ich halte sie für Jehovas Zeugen nicht für die größte Gefahr.
Ein offensichtlich gefälschtes Video eines Mitglieds der Leitenden Körperschaft dürfte häufig relativ schnell auffliegen. Man kann den Ursprung prüfen, andere Kopien suchen und offizielle Fassungen vergleichen.
Viel gefährlicher ist die umgekehrte Entwicklung.
Ein echtes Video existiert.
Eine echte alte Veröffentlichung existiert.
Ein echtes Gerichtsdokument existiert.
Eine authentische frühere Aussage existiert.
Und der Gläubige hat gelernt:
All das könnte manipuliert sein.
Dann erreicht KI etwas, was klassische Informationskontrolle allein nur schwer leisten konnte.
Sie macht selbst die Realität verdächtig.
Die Wachtturmgesellschaft wird dadurch nicht ehrlicher werden
Ich sehe keinen Grund anzunehmen, dass die Wachtturmgesellschaft durch die Existenz künstlicher Intelligenz plötzlich beginnt, ihre Vergangenheit transparent aufzuarbeiten, Fehler klar einzugestehen und die stärksten Argumente ihrer Kritiker öffentlich zu diskutieren.
Ich erwarte das Gegenteil.
Es wird weiter beschönigt werden.
Es wird weiter umgedeutet werden.
Es wird weiter bestritten werden.
Und ja: Wo es notwendig erscheint, um die eigene Darstellung aufrechtzuerhalten, werden auch weiterhin Aussagen verbreitet werden, die einer unabhängigen Überprüfung nicht standhalten.
Kritiker werden weiter als unglaubwürdig dargestellt.
Neu ist lediglich, dass künstliche Intelligenz dafür eine zusätzliche rhetorische Waffe liefert.
Früher konnte ein altes Video wenigstens noch unangenehm sein.
Künftig genügt möglicherweise bereits die Frage:
„Ist das überhaupt echt?“
Wahrheit müsste diese Angst nicht haben
Dabei wäre die Lösung einfach.
Öffnet die Quellen.
Bewahrt alte Videos zugänglich auf.
Dokumentiert Änderungen.
Zeigt frühere Fassungen.
Verlinkt Gerichtsakten.
Zitiert Kritiker korrekt.
Nehmt ihre stärksten Argumente.
Und widerlegt sie.
Wenn die Wachtturmgesellschaft tatsächlich die Wahrheit besitzt, dürfte genau das kein Problem sein.
Wahrheit wird durch Prüfung nicht schwächer.
Sie benötigt keine geschützte Informationszone.
Sie muss den Überbringer einer unangenehmen Information nicht zuerst diffamieren.
Und sie hat keinen Grund, Angst davor zu haben, dass jemand alte Aussagen archiviert.
Der Maßstab, den Geoffrey Jackson ausgerechnet unter Eid formulierte, reicht vollkommen:
Nicht entscheidend ist, wer eine Anschuldigung erhebt.
Entscheidend ist, ob es eine Grundlage dafür gibt.
An diesem Grundsatz sollte sich auch JW Broadcasting messen lassen.
Schluss
Die Leitende Körperschaft warnt ihre Mitglieder vor einer Zukunft, in der sie ein gefälschtes Video sehen und es für echt halten.
Meine Sorge ist die entgegengesetzte.
Ein Zeuge Jehovas sieht irgendwann ein echtes Video.
Eine echte frühere Aussage.
Ein echtes Dokument.
Eine authentische alte Veröffentlichung.
Sie widerspricht dem, was heute erzählt wird.
Und statt zu fragen:
„Warum wurde das damals gesagt?“
denkt er:
„Heute kann man schließlich alles mit KI fälschen.“
Dann wäre die gefährlichste Fälschung nicht das künstlich erzeugte Video.
Die gefährlichste Fälschung wäre eine Informationswelt, in der selbst die Wahrheit wie ein Fake aussieht.


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