Am 24. Juni 2026 wurde im Berliner Tiergarten das Mahnmal für die während des Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas eingeweiht. Rund 900 Menschen nahmen an der Veranstaltung teil. Darunter selbstverständlich auch zahlreiche Zeugen Jehovas und Vertreter ihres Umfelds.
Für die Organisation war das ein großer Tag. Ein Mahnmal mitten in Berlin, beschlossen vom Deutschen Bundestag, dazu die Bundestagspräsidentin persönlich am Rednerpult.
Eigentlich beste Voraussetzungen für einen feierlichen Triumph der eigenen Erinnerungskultur.
Nur hatte Julia Klöckner offenbar nicht vor, eine Werbeansprache für die Wachtturm-Gesellschaft zu halten.
Und spätestens an einigen Stellen ihrer Rede hätte man wirklich gerne in das eine oder andere Gesicht im Publikum geschaut.
Das Mahnmal gehört den Opfern. Punkt.
Klöckner würdigte zunächst völlig zu Recht den außergewöhnlichen Mut vieler damaliger Bibelforscher. Sie verweigerten den Hitlergruß, traten nicht der NSDAP bei, verweigerten vielfach den Kriegsdienst und nahmen dafür Verfolgung, Haft und teilweise sogar den Tod in Kauf. Mehr als 13.000 Zeugen Jehovas gerieten nach den von Klöckner genannten Zahlen in das Visier der Nationalsozialisten, mindestens 1.700 überlebten die Verfolgung nicht.
Daran gibt es nichts kleinzureden.
Diese Menschen verdienen Erinnerung und Respekt.
Aber dann zog Klöckner eine bemerkenswert klare Grenze:
„Es ist kein Denkmal für eine Institution.“
Und gleich hinterher machte sie deutlich, dass es auch keine Verbeugung vor einer Religionsgemeinschaft sei, sondern vor den Opfern des Nationalsozialismus.
Das ist ein kleiner Satz mit ziemlich großer Wirkung.
Denn genau damit wird eine Vereinnahmung der Opfergeschichte durch die heutige Organisation erheblich schwieriger.
Das Mahnmal sagt nicht: Die Wachtturm-Gesellschaft hatte recht.
Es sagt nicht: Die heutige Leitende Körperschaft verdient besondere moralische Autorität.
Und es sagt schon gar nicht: Wer einmal verfolgt wurde, steht für alle Zukunft außerhalb jeder Kritik.
Es erinnert an Menschen, denen ein verbrecherischer Staat schwerstes Unrecht angetan hat.
Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Dann wurde es richtig interessant
Klöckner erklärte anschließend, was Religionsfreiheit in einer Demokratie bedeutet.
Das Grundgesetz schützt Zeugen Jehovas selbstverständlich darin, ihren Glauben auszuüben. Es schützt religiöse Minderheiten gerade auch dann, wenn ihre Überzeugungen anderen Menschen fremd erscheinen.
Doch dann kam der Satz, bei dem ich wirklich gerne die Kameras ins Publikum hätte schwenken sehen:
Es schützt ebenso die Freiheit, eine Religionsgemeinschaft zu verlassen oder sie zu kritisieren.
Und Klöckner fügte hinzu:
„Das unterscheidet die Demokratie von der Diktatur.“
Man kann sich die Ironie kaum schöner ausdenken.
Ausgerechnet bei einer Veranstaltung, die von Zeugen Jehovas inzwischen selbst weltweit als Beleg ihrer Standhaftigkeit und ihres Kampfes für Religionsfreiheit verbreitet wird, erklärt die Bundestagspräsidentin vor rund 900 Gästen:
Religionsfreiheit bedeutet eben nicht nur das Recht hineinzugehen. Sie bedeutet auch das Recht hinauszugehen. Und danach darüber zu reden.
Willkommen im Grundgesetz.
Auch ein anderer Satz dürfte interessant gewesen sein
Klöckner erinnerte daran, dass sich die damaligen Bibelforscher nicht an der nationalsozialistischen Hetze gegen Juden, Sinti und Roma oder Homosexuelle beteiligten.
Auch das ist historisch zu würdigen.
Nur entsteht aus heutiger Perspektive eine gewisse Spannung.
Denn die Zeugen Jehovas vertreten weiterhin eine ausgesprochen restriktive Sexualmoral. In ihren eigenen Veröffentlichungen werden homosexuelle sexuelle Handlungen ausdrücklich der „sexuellen Unmoral“ zugerechnet. Wer solche Beziehungen praktiziert, kann nach ihrer eigenen Lehre nicht Teil der christlichen Versammlung bleiben.
Um jedes Missverständnis auszuschließen: Das ist selbstverständlich keine Gleichsetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgung Homosexueller.
Aber die historische Ironie darf man trotzdem bemerken.
Man würdigt zu Recht frühere Zeugen Jehovas dafür, dass sie sich nicht an der gesellschaftlichen Ausgrenzung homosexueller Menschen beteiligten, während die heutige Organisation gleichgeschlechtliche Beziehungen weiterhin als mit Gottes Maßstäben unvereinbar verurteilt.
Geschichte kann manchmal ausgesprochen unbequem sein.
Verfolgungsgeschichte ist kein Freifahrtschein
Und genau deshalb war Klöckners Rede so gut.
Sie hat die damaligen Zeugen Jehovas nicht relativiert. Sie hat ihren Mut nicht kleingeredet und ihre Opfer nicht gegen heutige Kritik ausgespielt.
Sie hat etwas viel Vernünftigeres getan:
Sie hat Menschen geehrt, ohne eine Institution zu heiligen.
Genau so sollte Erinnerungskultur funktionieren.
Die Zeugen Jehovas waren Opfer zweier deutscher Diktaturen. Ihre Verfolgung durch die Nationalsozialisten war Unrecht. Ihre spätere Verfolgung in der DDR war Unrecht. Und wenn Zeugen Jehovas heute etwa in Russland wegen ihres Glaubens verfolgt werden, ist auch das Unrecht.
Nichts davon bedeutet jedoch, dass ihre heutige Organisation deshalb nicht kritisiert werden dürfte.
Im Gegenteil.
Das Recht eines Zeugen Jehovas, seinen Glauben öffentlich zu verkünden, und das Recht eines ehemaligen Zeugen Jehovas, diesen Glauben öffentlich zu kritisieren, stammen aus derselben Freiheit.
Vielleicht war das sogar der wichtigste Satz dieser ganzen Einweihung.
Und vielleicht nicht unbedingt derjenige, den sich jeder der anwesenden Zeugen Jehovas als Überschrift für den nächsten Wachtturm gewünscht hätte.
Ein ausdrücklicher Dank an Bundestagspräsidentin Julia Klöckner für diese hervorragend recherchierte, historisch differenzierte und zugleich bemerkenswert klare Rede, die den Opfern würdevoll gerecht wird, ohne die heutige Religionsgemeinschaft von berechtigter Kritik auszunehmen.
Und viele Dank ab euch fürs Lesen und euer Interesse.
Weitere Beträge zu dem Thema:
Quellen
Deutscher Bundestag: Rede von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zur Einweihung des Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas, 24. Juni 2026.
https://www.bundestag.de/parlament/praesidium/reden/2026/20260624-1192270
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas: Veranstaltungsbericht zur Übergabe des Mahnmals an die Öffentlichkeit, 24. Juni 2026.
Jehovas Zeugen / JW.org: Eigener Bericht der Religionsgemeinschaft über die Einweihung und die rund 900 Teilnehmer.
JW.org / Watchtower Online Library: Veröffentlichungen zur Bewertung gleichgeschlechtlicher sexueller Beziehungen innerhalb der Glaubenslehre.


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