„Ich wünschte, ich wäre nie aufgewacht“ – Wenn die Wahrheit unglücklich macht

Warum manche ehemalige Zeugen Jehovas ihre verlorene Glaubensgewissheit zurückhaben möchten – und weshalb Aufklärung nicht automatisch glücklich macht.

Zusammenfassung (1 Minute Lesezeit):

Wer erkennt, dass seine bisherige Religion nicht das ist, wofür er sie jahrzehntelang gehalten hat, müsste eigentlich erleichtert sein. Endlich kann er selbst entscheiden, was er glaubt und wie er lebt. Doch nicht jeder empfindet diese Erkenntnis als Befreiung.

Der ehemalige Älteste und Kinderschutzaktivist William Bowen berichtet von Menschen, die nach ihrer Aufklärung wütend auf ihn waren, weil er ihre religiöse Gewissheit erschüttert hatte. Der Religionskritiker Lloyd Evans erklärt sogar öffentlich, dass er persönlich als Zeuge Jehovas glücklicher gewesen sei – obwohl er die damalige Fremdbestimmung heute ausdrücklich ablehnt.

Wie ist das möglich?

Die Psychologie liefert mehrere Erklärungsansätze: Menschen können ihre Identität, ihre sozialen Beziehungen, ihren Lebenssinn und ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft verlieren. Manchmal vermissen sie nicht einmal ihre frühere Religion, sondern die Zeit, in der sie noch unbeschwert an deren Versprechen glauben konnten.

Das erinnert an den Film Matrix, aber auch an Menschen, die sich nach einer belastenden Beziehung wieder nach ihrem früheren Leben sehnen.

Und es führt zu einer unbequemen Frage: Muss man wirklich jeden Menschen aufwecken?

Wenn Aufklärung plötzlich Wut auslöst

Ich betreibe Helleres Licht, weil ich über die Zeugen Jehovas aufklären möchte. Ich beschäftige mich mit ihrer Geschichte, ihren Lehren, ihren Organisationsstrukturen und den Auswirkungen ihrer religiösen Regeln auf das Leben der Mitglieder.

Dabei bin ich lange von einer eigentlich naheliegenden Vorstellung ausgegangen: Wer erkennt, dass seine bisherige Glaubenswelt auf falschen Voraussetzungen beruht, müsste über diese Erkenntnis froh sein.

Vielleicht nicht sofort. Vielleicht ist der Weg dorthin schmerzhaft. Aber letztlich müsste es doch eine Erleichterung sein, nicht mehr an etwas glauben zu müssen, das einer kritischen Überprüfung nicht standhält.

So war es zumindest für mich.

Mein früher Ausstieg aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas gehört bis heute zu den besten Entscheidungen meines Lebens.

Vielleicht war es gerade deshalb für mich so überraschend, von ehemaligen Mitgliedern zu erfahren, die ihre Erkenntnis nicht als Befreiung empfanden, sondern sich beinahe nach ihrem früheren Leben zurücksehnten.

Manche wurden sogar wütend auf diejenigen, die ihnen geholfen hatten, ihre bisherigen Überzeugungen infrage zu stellen.

Nicht unbedingt, weil sie wieder von den Lehren der Zeugen Jehovas überzeugt waren.

Sondern weil sie es nicht mehr sein konnten.

Das fand ich zunächst schwer nachvollziehbar.

Wie kann jemand wütend darüber sein, etwas erfahren zu haben, das er nun selbst für wahr hält?

Und noch irritierender: Warum würde jemand lieber weiterhin einer religiösen Vorstellung anhängen, von der er inzwischen überzeugt ist, dass sie falsch ist?

Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass die Antwort weit über Religion hinausgeht.

Es geht um Sicherheit, Identität, Zugehörigkeit, Erinnerungen und die Frage, wie viel Wahrheit ein Mensch emotional verkraften kann.

Die Matrix: Wenn Unwissenheit ein Segen ist

Dann erinnerte ich mich an einen Film, der mich schon als junger Mann außerordentlich fasziniert hatte: Matrix.

Als ich ihn 1999 im Kino sah, war ich offiziell sogar noch Zeuge Jehovas. Ich war von Anfang an begeistert von diesem Film, der auf faszinierende Weise die Frage stellt, was Wirklichkeit eigentlich bedeutet und welchen Preis Erkenntnis haben kann.

Eine bestimmte Szene bringt unser Dilemma erstaunlich präzise auf den Punkt.

Im Science-Fiction-Film Matrix erfahren die Menschen, dass ihre vermeintliche Wirklichkeit eine künstlich erzeugte Simulation ist.

Der Protagonist Neo entscheidet sich dafür, die Wahrheit kennenzulernen. Er verlässt die künstliche Welt und stellt sich einer unbequemen Realität.

Aber nicht jeder möchte diesen Weg gehen.

Cypher, einer seiner Mitstreiter, kennt die tatsächlichen Verhältnisse. Er weiß, dass die Matrix eine Illusion ist.

Trotzdem möchte er zurück.

In einer berühmten Szene genießt er ein Steak, von dem er genau weiß, dass es nicht real ist. Die Matrix vermittelt ihm lediglich den Geschmack und das Gefühl, ein köstliches Essen zu genießen.

Aber das spielt für ihn keine entscheidende Rolle.

„Ignorance is bliss.“

Unwissenheit ist ein Segen.

Cypher möchte sogar seine Erinnerungen an die tatsächliche Wirklichkeit verlieren.

Und genau darin liegt der entscheidende Punkt.

Er möchte nicht einfach wieder in der Matrix leben. Er möchte vergessen, dass es überhaupt eine Matrix gibt.

Er will seine frühere Unwissenheit zurückhaben.

Man kann zurückgehen – aber kann man wieder glauben?

Übertragen wir das auf einen Menschen, der jahrzehntelang Zeuge Jehovas gewesen ist.

Vielleicht hat er sein gesamtes Erwachsenenleben an das Paradies geglaubt. An die Auferstehung. An die Vorstellung, dass Gott die Menschheit bald von Leid, Krankheit und Tod befreien wird.

Vielleicht hat er wichtige Lebensentscheidungen an diesen Überzeugungen ausgerichtet.

Dann beginnt er, sich kritisch mit der Organisation auseinanderzusetzen.

Er entdeckt Widersprüche, historische Fehlprognosen oder Praktiken, die er mit seinem bisherigen Bild der Religion nicht vereinbaren kann.

Irgendwann kommt er zu dem Ergebnis, dass er ihre grundlegenden Behauptungen nicht mehr für glaubwürdig hält.

Nun könnte er beschließen, trotzdem Zeuge Jehovas zu bleiben.

Er könnte die Zusammenkünfte besuchen, am Predigtdienst teilnehmen und weiterhin ein religiöses Gemeinschaftsleben führen.

Aber könnte er wieder mit derselben inneren Überzeugung an das Paradies glauben?

Das ist eine ganz andere Frage.

Überzeugungen lassen sich gewöhnlich nicht einfach durch einen Willensentschluss herstellen. Man kann bestimmte Informationen meiden oder versuchen, frühere Überzeugungen neu zu begründen.

Aber man kann nicht auf Knopfdruck zu seiner früheren Unbefangenheit zurückkehren.

Natürlich können sich Überzeugungen im Laufe des Lebens erneut verändern. Doch die einmal gemachte Erfahrung, dass die eigene Glaubenswelt grundlegend infrage steht, lässt sich nicht einfach aus der Erinnerung löschen.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem:

Manche Menschen vermissen nicht die Religion, die sie verlassen haben. Sie vermissen den Menschen, der sie waren, bevor sie an dieser Religion zu zweifeln begannen.

William Bowen: Wenn Menschen wütend auf ihren Aufklärer werden

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür lieferte William Bowen in einem Interview mit dem YouTube-Kanal XJW Analyzer.

Bowen ist ein ehemaliger Ältester der Zeugen Jehovas und Gründer der Kinderschutzinitiative Silentlambs. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich kritisch mit dem Umgang der Organisation mit sexuellem Kindesmissbrauch.

Im Interview berichtet er nicht nur über seine Auseinandersetzungen mit der Wachtturm-Gesellschaft, sondern auch über Menschen, denen er beim Verlassen der Gemeinschaft geholfen hat.

Ab ungefähr 1:25:00 erzählt er etwas Überraschendes.

Einige dieser Menschen hätten ihn anschließend wütend angerufen.

Sinngemäß hätten sie ihm erklärt:

Ich hatte innerhalb der Organisation Gewissheit. Du hast mir diese Gewissheit genommen. Was soll ich jetzt machen?

Bowen hatte ihnen dabei geholfen, ihre religiösen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen.

Aber offenbar hatten manche Betroffene nicht damit gerechnet, was nach dem Verlust dieser Überzeugungen kommen würde.

Plötzlich fehlte etwas, das zuvor selbstverständlich gewesen war: das Gefühl, Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens zu besitzen.

Bowen zieht daraus eine ungewöhnliche Schlussfolgerung. Seiner Erfahrung nach sei das Verlassen der Organisation nicht für jeden Menschen die persönlich beste Entscheidung.

Er erwähnt sogar seine eigene Schwester, die seiner Einschätzung nach innerhalb der Gemeinschaft besser zurechtgekommen sei als außerhalb.

Das ist seine persönliche Bewertung, kein wissenschaftlicher Nachweis dafür, dass ein Verbleib grundsätzlich vorteilhafter wäre.

Aber allein die Tatsache, dass ein so entschiedener Kritiker der Zeugen Jehovas solche Erfahrungen beschreibt, verdient Aufmerksamkeit.

Acht Menschen zurück in die Organisation

Noch bemerkenswerter ist eine weitere Aussage Bowens.

Er berichtet, dass er innerhalb von drei Jahren acht Menschen geholfen habe, wieder als Zeugen Jehovas aufgenommen zu werden.

Dabei stellt er ausdrücklich klar, dass diese Menschen nach seiner Darstellung nicht wieder an die Lehren glaubten.

Warum wollten sie also zurück?

Bowen nennt mögliche familiäre und persönliche Gründe: den Kontakt zu Eltern oder Enkelkindern, aber auch Erbschaftsangelegenheiten.

Das kann ich durchaus nachvollziehen.

Ähnliche familiäre Rücksichten sind auch ein Grund dafür, warum ich Helleres Licht unter einem Pseudonym veröffentliche. Ich möchte selbst darüber entscheiden, welche persönlichen Konsequenzen meine Veröffentlichungen für mich und mein Umfeld haben.

Den Menschen, von denen Bowen berichtet, ging es offenbar weniger um eine Rückkehr zum Glauben als um die Wiederherstellung ihres bisherigen Lebens.

Das offenbart eine besonders problematische Konsequenz des religiös begründeten Kontaktabbruchs.

Wenn soziale und familiäre Beziehungen von der Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft abhängig gemacht werden, kann eine Rückkehr auch dann attraktiv erscheinen, wenn die betreffende Person deren Lehren überhaupt nicht mehr glaubt.

Man kann eine religiöse Überzeugung verlieren, ohne damit automatisch seine Familie verlieren zu wollen.

Bowen formuliert im Interview noch einen anderen Gedanken, den ich besonders wichtig finde.

Nach seinen eigenen Erfahrungen als Ältester wolle er nicht erneut jemand sein, der anderen Menschen vorschreibt, was sie glauben sollen.

Er möchte ihnen Informationen geben und helfen, Entscheidungen zu treffen.

Aber er möchte nicht ihr neuer religiöser oder weltanschaulicher Anführer werden.

Gerade von jemandem, der sich seit Jahrzehnten kritisch mit den Zeugen Jehovas auseinandersetzt, ist das eine bemerkenswerte Haltung.

Quelle: XJW Analyzer, Interview mit William Bowen, insbesondere ca. 1:24:57–1:27:00.

Lloyd Evans: „Ich war als Zeuge Jehovas glücklicher“

Ein weiteres Beispiel stammt von Lloyd Evans, einem international bekannten Kritiker der Zeugen Jehovas, dessen Arbeit ich sehr schätze.

Evans beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Lehren und Praktiken der Organisation. In zahlreichen Videos analysiert er Veröffentlichungen, Kongressprogramme und Aussagen führender Vertreter.

Umso bemerkenswerter ist eine persönliche Aussage, die er in einem neueren Video gemacht hat.

Er erklärt ausdrücklich, dass er innerhalb der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas glücklicher gewesen sei.

Nicht, weil er heute wieder an ihre Lehren glaubt.

Nicht, weil er die Organisationsstrukturen inzwischen für richtig hält.

Sondern weil ihm damals zahlreiche Entscheidungen abgenommen wurden.

Er beschreibt das Gefühl vollständiger religiöser Gewissheit, die Gemeinschaft und die Selbstverständlichkeit, praktisch überall auf der Welt andere Zeugen Jehovas treffen zu können.

Es gab Freunde, Orientierung, einen Lebenssinn und klare Antworten.

Man musste nicht jede grundlegende Frage selbst beantworten.

Ein großer Teil der Lebensgestaltung war bereits vorgegeben.

Evans sagt aber ebenso deutlich, dass diese Situation deshalb nicht gesund gewesen sei.

Genau diese Unterscheidung macht seine Aussage so interessant.

Etwas kann einen Menschen glücklich machen, ohne deshalb gut für ihn zu sein.

Wer in einer Gemeinschaft lebt, die umfassende Antworten und Regeln vorgibt, muss sich mit bestimmten Unsicherheiten weniger intensiv auseinandersetzen.

Das kann emotional entlastend sein.

Aber der Preis dafür kann darin bestehen, dass wichtige Entscheidungen nicht mehr vollständig selbst getroffen werden.

Wenn die Verantwortung plötzlich bei einem selbst liegt

Nach einem religiösen Ausstieg verschwinden die bisherigen Gewissheiten möglicherweise gleichzeitig.

Was ist der Sinn meines Lebens? Was geschieht nach dem Tod? Wie möchte ich leben? Welche moralischen Maßstäbe halte ich für richtig? Wem kann ich vertrauen?

Früher gab die Organisation darauf verbindliche Antworten.

Jetzt muss der Mensch eigene Antworten finden – oder akzeptieren, dass sich manche Fragen nicht abschließend beantworten lassen.

Das kann befreiend sein.

Es kann aber auch überfordern.

Evans beschreibt in seinen Videos darüber hinaus erhebliche persönliche Belastungen und Unsicherheiten. Dazu zählen finanzielle Schwierigkeiten, familiäre Fragen und die Suche nach einer langfristigen Lebensperspektive.

Es wäre allerdings falsch, seine gesamte gegenwärtige Situation auf den früheren Religionsausstieg zurückzuführen. Dafür gibt es keine ausreichende Grundlage.

Sein Beispiel zeigt vielmehr etwas Grundsätzliches:

Auch ein Mensch, der die frühere religiöse Fremdbestimmung ablehnt, kann das damit verbundene Gefühl von Sicherheit vermissen.

Evans spricht in seinen jüngsten Videos außerdem über Unterstützung durch Freunde, Dankbarkeit und Zukunftswünsche. Seine schwierige Lebensphase sollte deshalb weder dramatisiert noch auf seine Vergangenheit als Zeuge Jehovas reduziert werden.

Quelle: Lloyd Evans, Videoreihe über seine persönliche Lebenssituation, insbesondere zweites Video, ca. 4:37–9:04.

Warum wir Sicherheit manchmal höher bewerten als Freiheit

Für mich persönlich gehört die individuelle Freiheit zu den wichtigsten Dingen überhaupt.

Ich möchte selbst darüber entscheiden, wie ich lebe, was ich denke, welche Überzeugungen ich vertrete und womit ich meine Lebenszeit verbringe.

Deshalb habe ich ein grundsätzliches Problem mit religiösen oder politischen Systemen, die diese Freiheit weitreichend einschränken.

Ich habe kein besonderes Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören, nur um mich vollständig oder anerkannt zu fühlen.

Ich kann gut allein sein, mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen und meinen zahlreichen Interessen nachgehen.

Ebenso wenig benötige ich einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Im Gegenteil: Ich möchte hinterfragen, recherchieren und meine eigenen Schlussfolgerungen ziehen.

Und wenn es auf eine Frage keine befriedigende Antwort gibt oder sie meine Erkenntnismöglichkeiten übersteigt, kann ich damit leben.

Gerade deshalb interessiert mich der psychologische Mechanismus, der Menschen dazu bewegen kann, einen Teil ihrer persönlichen Freiheit zugunsten eines Systems aufzugeben, das ihnen Sicherheit und Orientierung verspricht.

Allerdings wäre es zu einfach, diesen Wunsch als bloßes Bedürfnis nach Bevormundung abzutun.

Denn einen Teil davon kann sogar ich aus eigener Erfahrung nachvollziehen.

Mein Leben als Soldat: Wenn einem der Alltag abgenommen wird

Ich habe zwölf Jahre bei der Bundeswehr verbracht.

Und rückblickend gab es während dieser Zeit durchaus Dinge, die ich als ausgesprochen angenehm empfunden habe.

Nicht unbedingt wegen des militärischen Systems an sich, sondern weil viele alltägliche Entscheidungen schlicht entfielen.

Ich musste morgens nicht lange überlegen, was ich anziehe.

Dafür gab es die Uniform.

Ich musste nicht jeden Tag entscheiden, was ich koche.

Dafür gab es die Truppenküche.

Selbst eine eigene Wohnung war nicht in jeder Lebenssituation erforderlich. Schließlich hatte man grundsätzlich Anspruch auf eine Stube in der Kaserne.

Auch die medizinische Versorgung war ausgesprochen unkompliziert.

Als Soldat und Sanitäter hatte ich die ärztliche Versorgung praktisch unmittelbar an meinem Arbeitsplatz. Medikamente bekam man über die Sanitätsversorgung. Der Aufwand, den man im zivilen Leben teilweise mit Arztterminen, Rezepten und Apotheken hat, entfiel in vielen Situationen.

In etlichen Bereichen war das tatsächlich eine Art Rundum-sorglos-Paket.

Natürlich hatte das militärische Leben auch zahlreiche Einschränkungen, Verpflichtungen und Nachteile. Aber diese organisatorische Entlastung war durchaus angenehm.

Ich musste mich um bestimmte Dinge einfach nicht kümmern.

Und genau hier kann ich mir vorstellen, dass manche ehemalige Zeugen Jehovas ihre frühere Gemeinschaft vermissen.

Auch ihnen wurden zahlreiche Entscheidungen abgenommen.

Nicht durch eine Truppenküche oder eine Sanitätsstaffel, sondern durch religiöse Vorgaben, gesellschaftliche Erwartungen und organisatorische Strukturen.

Was ist richtig? Was ist falsch? Wie soll ich leben? Welche Zukunft erwartet mich? Wer gehört zu meiner Gemeinschaft?

Für all das gab es weitgehend festgelegte Antworten.

Der Unterschied ist allerdings entscheidend: Während mir bei der Bundeswehr viele praktische Alltagsentscheidungen abgenommen wurden, greifen die religiösen Vorgaben der Zeugen Jehovas tief in persönliche Überzeugungen, Beziehungen und Lebensentscheidungen ein.

Die Entlastung durch feste Strukturen kann angenehm sein. Aber sie ist nicht kostenlos. Man bezahlt sie unter Umständen mit einem erheblichen Teil der eigenen Entscheidungsfreiheit.

Was die Psychologie dazu sagt

Die Psychologie kennt verschiedene Erklärungsansätze für dieses Verhalten.

Einer davon ist das sogenannte Bedürfnis nach kognitiver Geschlossenheit, im Englischen Need for Cognitive Closure.

Die Sozialpsychologen Arie Kruglanski und Donna Webster beschrieben damit das menschliche Bedürfnis nach eindeutigen Antworten und die Schwierigkeit, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit auszuhalten.

Dieses Bedürfnis ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Es kann auch von der jeweiligen Lebenssituation beeinflusst werden.

Wer besonders stark nach Gewissheit sucht, empfindet eindeutige Antworten möglicherweise als entlastend.

Eine Religionsgemeinschaft wie die Zeugen Jehovas bietet für viele existenzielle Fragen ein weitgehend geschlossenes Erklärungssystem.

Woher kommen wir? Warum gibt es Leid? Was geschieht nach dem Tod? Wie wird die Zukunft der Menschheit aussehen? Welche Lebensweise erwartet Gott?

Innerhalb des Glaubenssystems existieren für diese Fragen verbindliche Antworten.

Das kann Sicherheit vermitteln.

Wer die Organisation verlässt, verliert möglicherweise nicht nur diese Antworten, sondern auch die Erwartung, dass solche Antworten überhaupt existieren.

Die Freiheit, selbst nach Antworten zu suchen, kann zunächst beängstigender sein als die Sicherheit, bereits alle Antworten zu besitzen.

Darin liegt keine intellektuelle Schwäche. Menschen unterscheiden sich in ihren psychologischen Bedürfnissen, Erfahrungen und Möglichkeiten, mit Unsicherheit umzugehen.

Wenn nicht nur der Glaube verloren geht, sondern eine ganze Zukunft

Besonders tiefgreifend dürfte für manche ehemalige Zeugen Jehovas der Verlust ihrer religiösen Zukunftshoffnung sein.

Die Vorstellung eines irdischen Paradieses ist innerhalb der Gemeinschaft von zentraler Bedeutung.

Und auch hier unterscheidet sich meine persönliche Erfahrung offenbar von der vieler anderer Mitglieder.

Für mich hatte die Vorstellung, in dem von den Zeugen Jehovas beschriebenen Paradies ewig zu leben, nie etwas besonders Verlockendes.

Im Gegenteil: Ein ewiges Leben unter den religiösen Regeln und gesellschaftlichen Vorstellungen dieser Gemeinschaft erschien mir persönlich eher wie eine Vorstellung von ewigen Höllenqualen.

Dieses Paradies hatte mich deshalb emotional nie besonders fest im Griff.

Aber ich weiß natürlich, dass andere Menschen das völlig anders empfinden.

Viele Mitglieder verbinden damit die Hoffnung, verstorbene Angehörige wiederzusehen, Krankheiten und Alter zu überwinden und dauerhaft in Frieden zu leben.

Wenn jemand jahrzehntelang davon überzeugt war, seine Eltern oder andere verstorbene Angehörige eines Tages wiederzusehen, ist das möglicherweise ein wesentlicher Bestandteil seiner emotionalen Lebensplanung.

Was geschieht, wenn diese Gewissheit plötzlich verschwindet?

Der Mensch verliert dann nicht einfach eine theologische Lehrmeinung.

Er verliert möglicherweise eine Zukunft, auf die er sich sein ganzes Leben lang gefreut hat.

Natürlich bedeutet die Abkehr von den Zeugen Jehovas nicht zwangsläufig, dass jemand jeden Glauben an Gott, die Auferstehung oder ein Leben nach dem Tod verliert.

Manche Menschen entwickeln andere religiöse Überzeugungen. Andere finden ihre persönliche Orientierung außerhalb der Religion.

Aber bei denen, die ihre bisherige Zukunftshoffnung vollständig aufgeben, kann etwas entstehen, das einem Trauerprozess ähnelt.

Man trauert um eine Zukunft, die in der eigenen Vorstellung bereits existiert hatte.

Um Menschen, die man wiederzusehen hoffte.

Um Versprechen, die das eigene Leben über Jahrzehnte geprägt hatten.

Was die Forschung über ehemalige Zeugen Jehovas zeigt

Dass ein religiöser Ausstieg erhebliche psychosoziale Folgen haben kann, ist nicht nur eine Vermutung.

Die Psychologinnen und Psychologen Heather Ransom, Rebecca Monk, Adam Qureshi und Derek Heim untersuchten in einer wissenschaftlichen Arbeit die Erfahrungen von 554 ehemaligen Zeugen Jehovas.

Ihre Untersuchung beschäftigte sich mit sozialer Ausgrenzung, Identitätsveränderungen und dem psychischen Wohlbefinden nach dem Ausstieg.

Die Ergebnisse zeigen Zusammenhänge zwischen Ausgrenzungserfahrungen, der Entwicklung einer neuen sozialen Identität und dem psychischen Wohlbefinden.

Eine weitere qualitative Untersuchung von Ransom, Monk und Heim trägt den eindrucksvollen Titel:

Grieving the Living: The Social Death of Former Jehovah’s Witnesses.

Auf Deutsch etwa: Um lebende Menschen trauern – der soziale Tod ehemaliger Zeugen Jehovas.

In Interviews mit sechs ehemaligen Mitgliedern untersuchten die Forschenden, wie die Betroffenen den Verlust ihrer bisherigen sozialen Identität und ihrer Beziehungen erlebten.

Dabei wird deutlich, dass der Kontaktabbruch nach einem religiösen Ausstieg als eine besonders belastende Form sozialer Ausgrenzung erlebt werden kann.

Die Menschen, um die getrauert wird, sind nicht unbedingt verstorben.

Sie leben weiterhin.

Aber die Beziehung zu ihnen ist möglicherweise abgebrochen.

Die Studien zeigen außerdem, dass neue soziale Beziehungen und das Gefühl, wieder selbst über das eigene Leben bestimmen zu können, bei der Bewältigung helfen können.

Wichtig ist allerdings die wissenschaftliche Einordnung: Diese Untersuchungen belegen nicht, wie viele ehemalige Zeugen Jehovas ihre Aufklärung bereuen oder lieber unwissend geblieben wären.

Sie liefern aber wichtige Anhaltspunkte dafür, warum ein Ausstieg für manche Menschen zunächst mit tiefgreifenden Verlusten verbunden sein kann.

Die toxische Beziehung: Warum wir manchmal vermissen, was uns geschadet hat

Um mir dieses Verhalten verständlicher zu machen, hilft mir ein Vergleich aus einem anderen Lebensbereich: die Trennung aus einer toxischen Beziehung.

Wer sich aus einer dauerhaft belastenden Partnerschaft löst, erlebt nicht automatisch sofort Glück und Erleichterung.

Manchmal dauert es lange, bis sich jemand überhaupt zu einer Trennung durchringen kann.

Oft weiß die Person längst, dass die Beziehung ihr nicht guttut.

Trotzdem bestehen emotionale Bindungen, gemeinsame Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste.

Die Vorstellung, allein zu sein oder ein völlig neues Leben beginnen zu müssen, kann beängstigend wirken.

Und selbst nach einer Trennung kann Sehnsucht entstehen.

Nicht unbedingt nach den Konflikten oder Verletzungen.

Sondern nach den schönen Momenten, der Vertrautheit oder der Vorstellung, wie das gemeinsame Leben einmal hätte sein können.

War es damals wirklich so schlimm?

Hinzu kommt, dass Erinnerungen keine unveränderlichen Aufzeichnungen sind.

Menschen rekonstruieren vergangene Erfahrungen. Gegenwärtige Gefühle und Bedürfnisse können beeinflussen, welche Erinnerungen besonders präsent sind.

Ein bekanntes Phänomen ist die sogenannte Rosy Retrospection: Vergangene Erfahrungen können rückblickend positiver erscheinen, als sie ursprünglich erlebt wurden.

Das geschieht nicht immer und nicht bei jedem Menschen.

Aber stellen wir uns jemanden vor, der vor vielen Jahren die Zeugen Jehovas verlassen hat.

Heute fühlt er sich vielleicht einsam, beruflich überfordert oder gesellschaftlich orientierungslos.

Dann erinnert er sich an seine frühere Versammlung.

An gemeinsame Aktivitäten. An vertraute Gesichter. An Freunde, die er dort hatte. An die Gewissheit, dass Gott für alles einen Plan besitzt.

Vielleicht treten die damaligen Einschränkungen und Konflikte in seiner Erinnerung etwas zurück.

Und plötzlich entsteht der Gedanke:

War es damals wirklich so schlimm?

Ähnliche Gedanken können nach belastenden Partnerschaften auftreten.

Manche Menschen kehren tatsächlich in Beziehungen zurück, obwohl die ursprünglichen Schwierigkeiten weiterhin bestehen.

Natürlich dürfen wir eine Religionsgemeinschaft nicht pauschal mit einem schädigenden Partner gleichsetzen. Auch lässt sich aus Sehnsucht nach der früheren Gemeinschaft keine psychologische Diagnose ableiten.

Aber bestimmte Mechanismen können sich ähneln: emotionale Bindung, Verlustangst, Gewöhnung, Idealisierung und die Schwierigkeit, eine vertraute Lebensstruktur hinter sich zu lassen.

Und vielleicht ist die entscheidende Gemeinsamkeit sogar eine andere:

Manchmal möchte man nicht die frühere Beziehung zurück, sondern die Zeit, in der man noch an sie geglaubt hat.

Warum mir persönlich dieses Bedürfnis so fremd ist

Vielleicht liegt meine Schwierigkeit, diese Sehnsucht nach der früheren Glaubenswelt nachzuvollziehen, auch an meinen eigenen Erfahrungen.

Meine Zeit bei den Zeugen Jehovas war für mich überwiegend negativ. Ich empfand die religiösen Vorgaben, die konservativen Vorstellungen und das soziale Umfeld als belastend.

Ich fand dort weder die Gemeinschaft noch die geistige Heimat, die andere Menschen offenbar vermissen.

Ich hatte deshalb nach meinem Ausstieg auch nicht das Gefühl, eine wunderbare Welt verloren zu haben. Für mich war sie nie wunderbar gewesen.

Aber meine Erfahrungen sind eben nicht die Erfahrungen aller ehemaligen Zeugen Jehovas.

Andere sind innerhalb der Organisation aufgewachsen, haben dort ihre engsten Freundschaften geschlossen, ihre Ehepartner kennengelernt und ihre gesamte Vorstellung vom Leben entwickelt.

Für sie kann der Ausstieg etwas völlig anderes bedeuten.

Was für mich eine Befreiung war, kann für andere zunächst den Zusammenbruch ihrer bisherigen Lebenswelt darstellen.

Das zu verstehen, bedeutet nicht, die Organisation zu rechtfertigen.

Es bedeutet lediglich, anzuerkennen, dass Menschen dieselbe Gemeinschaft völlig unterschiedlich erleben können.

Meine Mutter: Muss man wirklich jeden Menschen aufwecken?

Die vielleicht schwierigste Frage dieses gesamten Themas stellt sich für mich nicht bei irgendeinem ehemaligen Mitglied.

Sondern bei meiner eigenen Mutter.

Sie gehört seit ungefähr 60 Jahren den Zeugen Jehovas an.

Als sie etwa 80 Jahre alt war, hatte ich bereits beschlossen, sie nicht mehr aktiv mit kritischen Informationen über die Organisation zu konfrontieren.

Heute ist sie an Demenz erkrankt. Aber meine Entscheidung fiel schon Jahre zuvor.

Ich wollte ihr Weltbild im hohen Alter nicht mehr erschüttern.

Sie hatte nahezu ihr gesamtes Erwachsenenleben als Zeugin Jehovas verbracht.

Die Organisation, ihre Lehren und besonders die Hoffnung auf die Auferstehung waren seit Jahrzehnten Teil ihrer Lebenswelt.

Was hätte ich erreichen wollen?

Hätte ich ihr zeigen sollen, welche historischen Widersprüche es gibt? Wie sich Lehren verändert haben? Welche organisatorischen Praktiken ich kritisiere?

Und angenommen, sie hätte mir geglaubt.

Was dann?

Vielleicht hätte sie plötzlich begonnen, nahezu 60 Jahre ihres Lebens infrage zu stellen.

Ihre Überzeugungen, ihre Entscheidungen, ihre religiöse Identität.

Und möglicherweise auch die Hoffnung, nach dem Tod wieder aufzuerstehen.

Ich wollte nicht derjenige sein, der ihr diese Hoffnung nimmt.

Nicht in diesem Alter.

Nicht nach einem beinahe vollständig in dieser Religion verbrachten Erwachsenenleben.

Ich habe deshalb für mich entschieden, sie in ihrem Glauben zu lassen.

Sie soll ihren Lebensabend mit der Hoffnung verbringen dürfen, die ihr seit Jahrzehnten wichtig ist.

Ist das ein Widerspruch zu meiner Aufklärungsarbeit?

Auf den ersten Blick vielleicht.

Einerseits betreibe ich eine Internetseite, die kritisch über die Zeugen Jehovas informiert.

Andererseits habe ich bei einem Menschen, der mir besonders nahesteht, bewusst darauf verzichtet, dessen religiöses Weltbild aktiv zu erschüttern.

Aber ich sehe darin keinen grundsätzlichen Widerspruch.

Meine Mutter hatte ihren Glauben. Ich hatte meine kritische Sicht auf die Organisation.

Ich musste ihr meine Überzeugungen nicht aufdrängen, nur weil ich sie für besser begründet halte.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ältere Menschen grundsätzlich vor kritischen Informationen geschützt werden sollten.

Auch ein Mensch mit 80 oder 90 Jahren kann ein Recht darauf haben, neue Erkenntnisse zu gewinnen, seine Überzeugungen zu ändern und sein Leben neu zu bewerten.

Wenn jemand selbst nachfragt, zweifelt oder Informationen sucht, verdient dieser Wunsch Respekt.

Aber es ist ein Unterschied, ob ein Mensch selbst nach Antworten sucht oder ob ich ihn ungefragt mit Informationen konfrontiere, die seine gesamte bisherige Lebenswelt erschüttern könnten.

In meinem Fall erschien mir Zurückhaltung als die menschlichere Entscheidung.

Ich wollte meiner Mutter nicht beweisen, dass ich recht habe.

Ich wollte ihr eine Hoffnung lassen, die sie selbst nicht infrage stellen wollte.

Hat die Wahrheit immer Vorrang vor dem Glück?

Damit sind wir bei einer philosophischen Frage angekommen, die sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten lässt.

Ist es grundsätzlich besser, eine unangenehme Wahrheit zu kennen, als in einer angenehmen Illusion zu leben?

Viele würden spontan sagen: Natürlich.

Auch ich neige dazu.

Genauer gesagt: Für mich persönlich ist die Antwort eindeutig.

Ich würde die Wahrheit immer einer Lüge vorziehen, selbst wenn diese Wahrheit unangenehm, schmerzhaft oder grausam sein sollte.

Ich möchte wissen, was stimmt und was nicht. Ich möchte meine Überzeugungen überprüfen können. Und ich möchte Entscheidungen auf einer möglichst verlässlichen Grundlage treffen.

Aber muss ich deshalb von jedem anderen Menschen erwarten, dass er dieselben Prioritäten setzt?

Die Matrix-Geschichte stellt diese Frage mit Cypher auf besonders provokante Weise.

William Bowen begegnete ihr in der praktischen Ausstiegsarbeit.

Lloyd Evans beschreibt, wie viel Sicherheit ihm seine frühere religiöse Welt gegeben hatte.

Und ich selbst musste mir diese Frage im Umgang mit meiner Mutter stellen.

Dabei treffen mehrere Werte aufeinander: Wahrhaftigkeit, Selbstbestimmung, Fürsorge und das persönliche Wohlbefinden.

Keiner dieser Werte lässt sich immer und ohne Rücksicht auf die Umstände über alle anderen stellen.

Die Wahrheit ist wichtig, weil Menschen ohne verlässliche Informationen keine wirklich informierten Entscheidungen treffen können.

Aber Aufklärung verliert einen Teil ihres Sinns, wenn sie die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen ignoriert, denen sie eigentlich helfen möchte.

Aufklärung ist kein neuer Missionsauftrag

Gerade ehemalige Mitglieder einer hochkontrollierenden Religionsgemeinschaft sollten sich vor einer bestimmten Gefahr hüten.

Man kann eine Organisation verlassen, die beansprucht, im Besitz der Wahrheit zu sein, und anschließend selbst beginnen, anderen Menschen vorzuschreiben, welche Überzeugungen sie aufgeben müssen.

Dann wird aus Aufklärung möglicherweise eine neue Form der Bevormundung.

William Bowen hat in seinem Interview einen wichtigen Gedanken formuliert: Er möchte nicht wieder jemand werden, der anderen sagt, was sie glauben sollen.

Genau das halte ich für richtig.

Eine Aufklärungsseite sollte Informationen bereitstellen, Behauptungen überprüfen, Missstände dokumentieren und Widersprüche sichtbar machen.

Sie darf auch klare Schlussfolgerungen ziehen.

Aber sie muss akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich mit diesen Informationen umgehen.

Manche verlassen die Gemeinschaft sofort. Manche bleiben, obwohl sie innerlich nicht mehr überzeugt sind. Manche brauchen Jahre, um sich eine neue Lebensperspektive aufzubauen. Und manche möchten sich mit bestimmten Fragen überhaupt nicht beschäftigen.

Das ist nicht automatisch ein Zeichen mangelnder Intelligenz, fehlenden Mutes oder fehlender Aufrichtigkeit.

Es kann viele Gründe dafür geben.

Der Weg durch das Rabbit Hole

Im Internet bezeichnet man die intensive Beschäftigung mit einem Thema häufig als den Weg ins Rabbit Hole – eine Anspielung auf das Kaninchenloch aus Alice im Wunderland.

Übrigens eine Geschichte, die mich schon als Kind fasziniert hat.

Ich liebte die Zeichentrickverfilmung, später begeisterte mich auch die Version von Tim Burton. Und natürlich ist auch der ursprüngliche Roman von Lewis Carroll ein bemerkenswertes Werk.

Aber ich schweife ab.

Das Bild vom Kaninchenloch passt jedenfalls hervorragend zu dem, was viele Menschen bei der kritischen Auseinandersetzung mit den Zeugen Jehovas erleben.

Man beginnt mit einer einzelnen Frage.

Vielleicht geht es um eine veränderte Lehre der Zeugen Jehovas.

Oder um eine historische Aussage der Wachtturm-Gesellschaft.

Dann stößt man auf eine weitere Information.

Und noch eine.

Plötzlich beschäftigt man sich mit der Geschichte der Organisation, ihrer Leitung, ihrem Umgang mit Kritik, dem Gemeinschaftsentzug und vielen weiteren Themen.

Was als kleine Frage begonnen hat, kann das gesamte bisherige Weltbild verändern.

Doch das Problem beginnt manchmal erst danach.

Denn selbst wenn man das Rabbit Hole wieder verlässt, kann man nicht einfach so tun, als hätte man nichts gesehen.

Man kennt die Informationen.

Man erinnert sich an die Widersprüche.

Und man kann sie nicht beliebig wieder aus dem eigenen Bewusstsein entfernen.

Vielleicht möchte jemand weiterhin an das Paradies glauben.

Vielleicht möchte er wieder mit voller Überzeugung in seiner Versammlung sitzen.

Vielleicht möchte er sich erneut so sicher fühlen wie früher.

Aber er weiß inzwischen zu viel, um diese frühere Sicherheit einfach zurückzubekommen.

Das ist möglicherweise der schmerzhafteste Aspekt des Erwachens:

Man kann seine alte Gemeinschaft wiederfinden, ohne seinen alten Glauben zurückzugewinnen.

Und vielleicht richtet sich die Wut mancher Menschen deshalb gerade gegen diejenigen, die ihnen die Augen geöffnet haben.

Nicht unbedingt, weil diese Menschen ihnen falsche Informationen gegeben hätten.

Sondern weil sie ihnen eine Gewissheit genommen haben, die sich nicht einfach ersetzen lässt.

Was bleibt, wenn die Gewissheit verschwunden ist?

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht behaupten, dass Unwissenheit besser ist als Aufklärung.

Für mich persönlich ist sie das unter keinen Umständen.

Egal, wie unangenehm eine Wahrheit sein sollte: Ich würde sie immer einer beruhigenden Lüge vorziehen.

Ebenso wenig möchte ich Menschen ermutigen, in einer Gemeinschaft zu bleiben, deren Praktiken sie für schädlich halten.

Aber ich möchte anerkennen, dass die Erkenntnis allein nicht alle Probleme löst.

Wer seine religiösen Überzeugungen verliert, erhält nicht automatisch neue Freunde, einen neuen Lebenssinn, eine neue Familie oder eine bessere Zukunftsperspektive.

Freiheit eröffnet Möglichkeiten.

Aber sie garantiert kein Glück.

Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger mit dem Begriff des „Aufwachens“ umgehen.

Wer aufwacht, erkennt möglicherweise Dinge, die zuvor verborgen waren.

Aber was danach kommt, ist nicht für jeden Menschen gleich.

Manche empfinden Erleichterung. Andere erleben Trauer, Unsicherheit oder Wut. Und wieder andere wünschen sich, sie hätten niemals angefangen, Fragen zu stellen.

Das muss man nicht gutheißen, um es verstehen zu können.

Mein persönliches Fazit

Ich werde auch weiterhin über die Zeugen Jehovas aufklären.

Ich halte es für wichtig, dass Menschen Zugang zu Informationen haben, mit denen sie religiöse Behauptungen und organisatorische Praktiken selbst überprüfen können.

Aber meine Beschäftigung mit William Bowen, Lloyd Evans und den Erfahrungen anderer ehemaliger Mitglieder hat mir noch einmal deutlich gemacht, dass Aufklärung nicht nur eine intellektuelle Angelegenheit ist.

Es geht um Menschen.

Um ihre Biografien, ihre Familien, ihre Hoffnungen und manchmal um alles, worauf sie ihr bisheriges Leben aufgebaut haben.

Ich kann einem Menschen Informationen geben. Ich kann ihm erklären, warum ich bestimmte Lehren für falsch halte. Ich kann ihm Quellen zeigen und Widersprüche aufzeigen.

Aber ich kann ihm nicht versprechen, dass er anschließend glücklicher sein wird.

Und ich kann ihm auch nicht einfach das zurückgeben, was er durch seine Erkenntnis möglicherweise verliert.

Vielleicht besteht verantwortungsvolle Aufklärung deshalb nicht darin, möglichst viele Menschen zum Aufwachen zu bewegen.

Sondern darin, ihnen die Möglichkeit zu geben, selbstbestimmt zu entscheiden, ob, wann und wie sie sich mit kritischen Informationen auseinandersetzen möchten.

Die Wahrheit kann einen Menschen befreien. Sie kann ihm aber auch eine Welt nehmen, in der er sich sicher und geborgen gefühlt hat.

Und manchmal ist das, was er am meisten vermisst, nicht seine frühere Religion.

Sondern die Zeit, in der er noch an ihre Versprechen glauben konnte.

Warum ich meinen eigenen Ausstieg niemals bereut habe

Eines möchte ich zum Abschluss noch einmal betonen.

Ich bin dankbar – ob nun Gott oder dem Schicksal –, dass ich den Schritt aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas so früh gegangen bin.

Das bedeutet nicht, dass ich es damals leicht hatte.

Ich war der Erste in meiner Familie, der diesen Weg eingeschlagen hat.

In gewisser Weise war ich ein Pionier des Ausstiegs.

Es gab niemanden innerhalb meiner unmittelbaren Familie, der mir diesen Weg bereits geebnet hatte.

Mein Bruder hätte es in dieser Hinsicht möglicherweise leichter gehabt als ich. Er hätte auf meine Erfahrungen zurückgreifen können und gewusst, dass ein Leben außerhalb der Gemeinschaft möglich ist.

Er hat sich jedoch dafür entschieden, Zeuge Jehovas zu bleiben.

Wie er sein Leben empfindet, kann letztlich nur er selbst beurteilen.

Ich jedenfalls habe mir außerhalb der Organisation ein Leben aufgebaut, das mich glücklich macht und erfüllt. Ich möchte es unter keinen Umständen gegen meine frühere Existenz innerhalb der Gemeinschaft eintauschen.

Aber das ist meine Erfahrung.

Andere Menschen haben andere Erfahrungen gemacht.

Und genau darum ging es mir in diesem Artikel.

Ich muss die Sehnsucht nach einer verlorenen Glaubenswelt nicht selbst empfinden, um verstehen zu wollen, warum andere Menschen darunter leiden.

Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Erkenntnisse verantwortungsvoller Aufklärung:

Wir sollten Menschen nicht nur dabei helfen, ihre Überzeugungen kritisch zu hinterfragen. Wir sollten auch versuchen zu verstehen, was diese Überzeugungen für ihr Leben bedeutet haben.

Quellen und weiterführende Literatur

William Bowen – Interview mit XJW Analyzer

Interview über seine Erfahrungen als ehemaliger Ältester, die Initiative Silentlambs, den Umgang mit Kindesmissbrauch und seine Erfahrungen mit Aussteigern und Wiederaufnahmen. Besonders relevant: ca. 1:24:57–1:27:00.

Initiative: https://silentlambs.org/

Lloyd Evans – Persönliche Videoreihe

Drei Videos über seine gegenwärtige Lebenssituation. Besonders relevant ist das zweite Video, in dem er etwa ab 4:37 über Glück innerhalb und außerhalb einer hochkontrollierenden Religionsgemeinschaft spricht. Seine Aussage, früher als Zeuge Jehovas glücklicher gewesen zu sein, folgt etwa ab 6:23.

Die konkreten Video-URLs werden bei der Veröffentlichung ergänzt.

Ransom, Heather J.; Monk, Rebecca L.; Qureshi, Adam; Heim, Derek (2021):

Life after Social Death: Leaving the Jehovah’s Witnesses, Identity Transition and Recovery.

Pastoral Psychology, Band 70, S. 53–69. Online veröffentlicht am 15. Dezember 2020.

https://doi.org/10.1007/s11089-020-00935-0

Ransom, Heather J.; Monk, Rebecca L.; Heim, Derek (2022):

Grieving the Living: The Social Death of Former Jehovah’s Witnesses.

Journal of Religion and Health, Band 61, S. 2458–2480. Online veröffentlicht am 19. Januar 2021.

https://doi.org/10.1007/s10943-020-01156-8

Kruglanski, Arie W.; Webster, Donna M. (1996):

Motivated Closing of the Mind: “Seizing” and “Freezing”.

Psychological Review, Band 103, Nr. 2, S. 263–283.

https://doi.org/10.1037/0033-295X.103.2.263

Filmische Referenz

The Matrix (1999), Regie: Lana und Lilly Wachowski. Szene zwischen Cypher und Agent Smith über die Rückkehr in die Matrix und den Wunsch, die tatsächliche Wirklichkeit zu vergessen.

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