Eigentlich hatte ich nie vor, hier sehr persönliche Texte über mich zu veröffentlichen – schon gar nicht in Form einer kleinen Biografie. Gerade über die Zeugen Jehovas gibt es bereits viele autobiografische Berichte, auch im deutschsprachigen Raum. Im englischsprachigen Bereich noch sehr viel mehr.
Und natürlich ist jede Lebensgeschichte anders. Im Detail unterscheiden sie sich oft deutlich. Im Kern ähneln sie sich jedoch erstaunlich stark, vor allem dann, wenn es um destruktive Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas geht. Bestimmte Muster wiederholen sich. Die Formen sind verschieden, die Mechanismen oft dieselben.
Warum ich jetzt trotzdem so einen kleinen autobiografischen Text geschrieben habe, hat einen einfachen Grund: Ich möchte zeigen, was solche Strukturen mit Kindern machen können.
Wir haben in Deutschland Religionsfreiheit. Jeder Erwachsene kann seine Religion selbst wählen oder auch ablehnen. Kinder können das nicht. Kinder werden immer in die Religion hineingenommen, die ihre Eltern ausüben. Und genau darin liegt die Gefahr, wenn diese Religion keine harmlose Glaubensgemeinschaft ist, sondern eine stark kontrollierende, autoritäre und destruktive Struktur.
Wenn ich mit diesem Text auch nur einem einzigen Kind eine solche Kindheit ersparen kann, dann hat er für mich bereits seinen Sinn erfüllt.
Ich schreibe diese kleine autobiografische Erinnerung deshalb nicht, weil meine Geschichte einzigartig wäre. Im Gegenteil: Viele Erfahrungen ähneln sich. Ich schreibe sie, damit sichtbar wird, wie sich ein solches Umfeld für ein Kind anfühlen kann. Vielleicht hilft dieser Text Menschen, die selbst gerade im Ausstieg aus den Zeugen Jehovas sind. Vielleicht hilft er auch Interessierten, die gerade ein sogenanntes Bibelstudium mit den Zeugen Jehovas machen und diese Perspektive sonst nie kennenlernen würden.
Ich schreibe diesen Text bewusst nicht akademisch. Vielleicht fehlt ihm an manchen Stellen literarische Verdichtung, Metapherntiefe oder stilistische Eleganz. Das ist kein Versehen, sondern Absicht. Es geht hier nicht darum, mich sprachlich zu inszenieren, sondern darum, mich als Menschen und als Persönlichkeit sichtbar zu machen. Deshalb schreibe ich so, wie es mir in den Sinn kommt und wie ich es empfinde.
Wenn ich heute an meine Kindheit denke, dann gibt es darin einen klaren Bruch.
Bis ungefähr zu meinem achten oder neunten Lebensjahr war mein Leben noch relativ normal. Meine Eltern hatten zwar früher schon einmal mit den Zeugen Jehovas zu tun, waren aber jahrelang draußen. In dieser Zeit haben wir Weihnachten gefeiert, Geburtstage gefeiert, Ostern gefeiert. Es gab diese normalen Dinge, die für Kinder einfach dazugehören: Vorfreude, Feste, Geschenke, ein Gefühl von Leichtigkeit. Meine Kindheit war damals nicht perfekt, aber sie war bunt, unbeschwert und unbelastet.
Dann kamen meine Eltern zurück zu den Zeugen Jehovas.
Und ab da wurde alles anders.
Für mich fühlt sich diese Zeit im Rückblick wirklich an wie ein Farbumschlag. Vorher war Kindheit noch bunt, unbeschwert und unbelastet. Danach wurde sie schwarz-grau.
Ich meine damit nicht, dass ab diesem Moment jeden Tag irgendein großes Drama passiert ist. Gerade das war es ja. Es war oft viel banaler und genau deshalb so prägend. Dinge, die vorher einfach normal waren, waren plötzlich falsch. Freude war nicht mehr einfach Freude. Geburtstage verschwanden. Weihnachten verschwand. Ostern verschwand. Stattdessen kamen drei Zusammenkünfte pro Woche, das ständige Begleiten im Predigtdienst, Regeln, Verzicht, die Warnung vor der „bösen Welt“ und das Gefühl, dass über allem dieses bevorstehende Harmagedon stand.
Es war, als würde sich etwas Schweres über die Kindheit legen.
Zu allem Überfluss fiel genau in diese Zeit auch noch der Wechsel von der Grundschule in die Beobachtungsstufe. Fast alle meine Klassenkameraden aus der Grundschule kamen aufs Gymnasium. Ich nicht. Meine Noten waren schlechter geworden. Und ich glaube bis heute nicht, dass das Zufall war. Seit meine Eltern wieder bei den Zeugen Jehovas waren, ging es mit mir auch in der Schule bergab. Ich war nicht mehr einfach ein Kind mit freiem Kopf. Da war auf einmal dauernd Druck. Da war Scham. Da war dieses ständige Anderssein. Da war dieses Gefühl, nie einfach normal zu sein.
Mit dem Schulwechsel habe ich dann auch fast alle meine Freunde verloren. Und in der neuen Schule fing ich praktisch bei null an. Wobei das nicht stimmt. Man fängt ja nicht wirklich bei null an, wenn man so aufwächst. Man bringt dieses ganze Paket mit. Ich habe damals schon versucht zu verschweigen, dass ich Zeuge Jehovas bin. In der Grundschule hatte ich das noch offen gesagt, aber ich hatte schnell gemerkt, was das mit einem macht. Also habe ich es später lieber nicht mehr erzählt.
Nur lässt sich so etwas nicht wirklich verbergen.
Wenn man nicht auf Klassenreisen mitfahren darf, wenn man bei vielen Dingen nicht mitmacht, wenn man bei Feiern fehlt und immer wieder aus normalen Abläufen herausfällt, dann merken die anderen Kinder irgendwann, dass mit einem etwas „komisch“ ist. Und dann fangen die Gerüchte an. Bei mir hieß es irgendwann, ich sei Bettnässer. Solche Dinge bleiben hängen. Kinder sind nicht immer grausam, aber oft gnadenlos. Und wenn man sowieso schon anders ist, hat man es doppelt schwer.
Ich habe die Schule irgendwann gehasst.
Besonders schlimm waren die Wochen nach Heiligabend. Für andere Kinder war das eine schöne Zeit. Sie kamen zurück in die Schule und erzählten von ihren Feiertagen, ihren Geschenken, ihren Familiengeschichten. Für mich war das furchtbar. Ich hatte nichts, woran ich normal anknüpfen konnte. Ich saß da und merkte wieder: Ich bin draußen. Ich bin anders. Ich gehöre nicht dazu. Alle erzählen von etwas, das für sie selbstverständlich ist, und ich sitze daneben wie jemand aus einer anderen Welt.

Auch Geburtstage waren schlimm. Wenn eine Lehrerin mir gratulieren wollte, war mir das unangenehm. Nicht, weil mit der Gratulation etwas nicht gestimmt hätte, sondern weil ich schon wusste, dass daraus wieder so ein Moment wird. So ein Moment, in dem sichtbar wird, dass ich nicht einfach ein normales Kind bin. Vor Weihnachten im Religionsunterricht oder bei Basteleinheiten war es genauso. Für andere Kinder war das einfach Schule. Für mich war es Stress. Scham. Dieses Gefühl, wieder auffällig zu sein, wieder irgendwie falsch, wieder nicht dazuzugehören.
Das künstliche Freuen auf tagelange Kongresse, in denen man viele Stunden auf Stadionbeton oder in einem unbequemen Sessel still sitzen musste und sich von kaltem Tupperdosenessen verpflegte.
Das skurrile Gedächtnismahl, bei dem Wein und Kekse herumgereicht wurden, aber keiner davon aß oder trank. Meine Mutter hat immer so gespielt, als wäre sie voller Vorfreude, wie toll das doch ist. Ich habe nur gedacht: Zum Glück war das Gedächtnismahl immer relativ schnell vorbei.
Allgemein habe ich ein großes Talent darin entwickelt, stundenlang völlig still zu sitzen und meine Gedanken dabei in eine Fantasiewelt abgleiten zu lassen. Bei den Zeugen Jehovas gibt es kein echtes Kinderprogramm. Dort müssen die Kinder stundenlang und möglichst völlig ruhig in den Versammlungen sitzen. Je apathischer das Kind war, desto vorbildlicher war es quasi.
Ich habe mir Geschichten ausgedacht und dabei mit süffisantem Blick den Redner auf dem Podium betrachtet oder die Blumendeko am Rand der Bühne.
Und dann war da noch der Predigtdienst.
Ich habe den Predigtdienst gehasst.
Man kann sich kaum vorstellen, was so etwas mit einem Kind macht. Für Erwachsene ist das vielleicht eine religiöse Pflicht. Für mich war es Anspannung und Angst. An jeder Tür hatte ich die Befürchtung, man könnte jemanden treffen, den man kennt. Einen Klassenkameraden. Irgendjemanden, vor dem ich mich sowieso schon geschämt habe. Dieses Klingeln an Türen war für mich nicht „Glauben leben“, sondern die Angst, erkannt zu werden. Man hofft nur, dass hinter der nächsten Tür bloß nicht die falsche Person steht.
Ich habe dann versucht herauszufinden, welcher Erwachsene welches Predigtdienstgebiet hat. Bei den Zeugen Jehovas ist es so, dass sie nicht willkürlich predigen, sondern jedes Mitglied ein Gebiet zugeteilt bekommt. Dieses wird dann über einen Zeitraum bearbeitet, bis es wieder wechselt und der Nächste dieses Gebiet bekommt. Ich habe dann die Erwachsenen gesucht, die ein Gebiet hatten, von dem ich glaubte, dort sei es am unwahrscheinlichsten, jemanden zu treffen, den ich kenne.
Das war keine schöne religiöse Kindheit. Das war Angst.
Ich habe mich überhaupt viel geschämt. Ich habe mich für die Leute geschämt. Ich habe mich fremdgeschämt. Ich habe mich für meine Mutter geschämt. Ich habe mich für meine Eltern geschämt. Ich fand das alles so unglaublich peinlich aufgesetzt. Diese Sprache, dieses Auftreten, diese künstliche Freundlichkeit, diese Begeisterung, die auf mich oft wirkte, als wären die Leute auf etwas drauf. Meine Mutter fand das alles toll und ist bis heute davon fasziniert.
Mein Bruder, der bis heute aktiver Zeuge Jehovas ist, schien darin auch aufzugehen. Ich hatte oft den Eindruck, dass er sich darüber definiert hat. Dieses Gefühl, zu einer Elite zu gehören. Zu den Einzigen, die „die Wahrheit“ haben. Zu den Einzigen, die Harmagedon überleben werden. Für ihn schien das etwas Großes zu sein, etwas, das ihm Bedeutung gab.
Ich selbst habe das völlig anders erlebt. Ich habe nicht gedacht: Ihr seid etwas Besonderes. Ich habe gedacht: Ihr seid die Einzigen, die so verkrampft, so unnatürlich und so peinlich wirken. Während andere sich in dieser Sonderrolle offenbar erhöht fühlten, habe ich vor allem gespürt, wie unerquicklich und abschreckend das auf mich wirkte.
Ich hatte in der Versammlung nie jemanden, bei dem ich gedacht hätte: Das ist ein Vorbild. Nie. Ich habe als Kind nicht gedacht: So möchte ich auch einmal werden. Ich habe das Gegenteil gedacht. Ich habe gedacht: Nein. Auf keinen Fall. Ich will nicht so sein wie diese Menschen.
Auch die Zusammenkünfte habe ich gehasst. Nicht, weil ich die Antworten nicht verstanden hätte, sondern weil es mir oft einfach zu blöd war. Das war für mich nicht tief, nicht klug, nicht geistig beeindruckend. Es wirkte auf mich flach, künstlich und oft wie eine Beleidigung meiner Intelligenz. Ich konnte manchmal gar nicht richtig antworten, nicht weil ich die Antwort nicht kannte, sondern weil es mir einfach zu dumm war. Ich hatte das Gefühl, da wird nicht wirklich gedacht. Da werden Dinge nachgesprochen, die man nachsprechen soll.
Was ich auch nie hatte, waren echte Freunde bei den Zeugen Jehovas.
Es gab kaum Kinder in meinem Alter. Später auch kaum Jugendliche. Ich war deshalb oft einfach allein. Ich hatte einen Jungen, den ich irgendwie als Freund gesehen habe. Rückblickend glaube ich aber, dass das sehr einseitig war. Er war kein getaufter Zeuge Jehovas, seine Mutter auch nicht. Sie war nur interessiert, und er war im Grunde mit da drin, weil sie da drin war. Unsere Eltern beziehungsweise seine Mutter und meine Eltern haben versucht, uns zusammenzubringen. Aber ich glaube heute nicht, dass er mich wirklich als Freund gesehen hat. Er war eher der Coole. Ich eher der dumme Mitläufer. Aber wenn man einsam ist, hält man sich an so etwas fest.
Vor allem, weil er kein Zeuge Jehovas war und Dinge kannte und Spielzeug besaß, das man als Zeuge Jehovas nicht haben durfte. In meiner Schule hätte so ein Junge mich verprügelt oder einfach ignoriert. Hier musste er sich mit mir abgeben.
Aber allgemein war das mit anderen Kindern oft seltsam künstlich. Fast wie verabredete Kinder-Dates. Da wurde dann geschaut, wo vielleicht noch irgendwo ein anderes Kind ist, und dann sollte man eben mit dem spielen. Einmal war das ein Junge aus einer polnischsprachigen Versammlung. Er sprach Polnisch, ich Deutsch. Wir konnten uns gar nicht richtig verständigen. Aber wir sollten miteinander spielen, einfach weil es sonst kaum andere Kinder gab. Das muss man sich einmal vorstellen. Nicht, weil wir uns mochten. Nicht, weil wir uns verstanden. Sondern einfach, weil Kinder knapp waren und man irgendeine Lösung brauchte.
Ich war ein extrem einsames Kind.
Und das ist einer der Punkte, die mich bis heute am meisten treffen. Nach außen reden die Zeugen Jehovas ständig von Liebe, Gemeinschaft und Brüderlichkeit. Ich habe davon nichts gespürt. Ich habe mich nicht getragen gefühlt. Ich habe mich nicht geborgen gefühlt. Ich habe mich oft einfach nur fremd, peinlich berührt und allein gefühlt.
Dazu kam, dass ich sowieso als Kind gehänselt wurde, auch wegen meiner Andersartigkeit. Ich hatte oft andere Interessen. Ich musste oft mein Allgemeinwissen verstecken, da ich das Gefühl hatte, andere würden mich sonst komisch finden. Die Andersartigkeit wurde durch dieses Leben bei den Zeugen Jehovas nicht kleiner, sondern größer. Erst war ich das Kind, das anders ist. Dann war ich das Kind, das bei allem nicht mitmachen darf. Dann war ich das Kind, über das Gerüchte entstehen. Und irgendwann bist du einfach nur noch „der komische Zeuge Jehovas“, selbst wenn du längst versuchst, es zu verbergen.
Meine Kindheit war im Rückblick wirklich schlimm.
Nicht schlimm in dem Sinn, dass ich die allerschlimmsten Dinge erlebt hätte, die man sich vorstellen kann. Es gab keinen sexuellen Missbrauch oder solche Dinge. Aber schlimm genug. Klar, ich bin auch mal geschlagen worden. Ich bin ein Kind der Achtziger und Neunziger. Und gerade in diesem Umfeld war das nichts Außergewöhnliches. Eher im Gegenteil.
Wie heißt es doch im Buch der Zeugen Jehovas „Den Schlüssel zum Familienglück finden“:
„Was ist nötig, wenn Kinder Gehorsam lernen sollen? Kinder sind nicht durch Zufall gehorsam, liebevoll und wohlerzogen. Sie müssen durch Vorbild und Zucht geformt werden.“
Aber selbst unabhängig davon hätte meine Kindheit sehr viel besser sein können.
Viel freier.
Viel leichter.
Viel normaler.
Viel glücklicher.
Viel unbeschwerter.
Das vielleicht Bitterste ist für mich: Ich kenne den Unterschied. Ich bin ja nicht von Anfang an nur so aufgewachsen. Ich weiß noch, wie es war, als das Leben normaler war. Als wir Feste hatten. Als Kindheit leichter war. Als nicht dauernd etwas Schweres über allem lag. Ich habe diesen Bruch wirklich erlebt. Ich habe nicht einfach nur eine bestimmte Erziehung kennengelernt und später abgelehnt. Ich habe erlebt, wie etwas verschwand. Wie Farbe verschwand. Wie Leichtigkeit verschwand. Wie aus normaler Kindheit etwas anderes wurde.
Deshalb ist mein Blick darauf heute so klar.
Ich kann mich daran erinnern, dass meine Mutter mich damals noch gefragt hatte, ob ich mit in die Versammlung möchte, da sie wieder Zeugin Jehovas sein wolle. Naiv und unschuldig hatte ich damals gesagt: „Ja, warum nicht?“ Ich war ein Kind von acht Jahren, nicht in der Lage, die Konsequenzen zu beurteilen. Aber selbst wenn ich Nein gesagt hätte, hätte das mein Schicksal wohl höchstens hinausgezögert. Nie hätte ein achtjähriger Junge dem Druck der Eltern standhalten können.
Wenn ich an diese Zeit denke, dann denke ich nicht an „Liebe“, nicht an „Wahrheit“, nicht an „geistige Gemeinschaft“. Ich denke an Scham. An Angst. An Predigtdienst. An Einsamkeit. An Schule als Belastung. An Weihnachten als Leerstelle. An das Gefühl, immer komisch zu sein. Immer anders. Immer leicht daneben. Immer jemand, der nicht einfach mitlaufen darf wie die anderen.
Und ich denke daran, dass ich schon als Kind gemerkt habe, dass mit dieser Welt etwas nicht stimmt.
Nicht als große Analyse. Nicht in theologischen Begriffen. Einfach als Gefühl. Als klares inneres Nein.
Ich wollte nie so sein wie diese Menschen.
Ich wollte da nie wirklich dazugehören.
Meine Jugend
Ich wurde älter. Und ich wurde rebellischer. Nicht laut. Erst sehr leise.
Meine Rebellion bestand zunächst nicht aus großen Konflikten oder dramatischen Szenen. Sie bestand eher darin, dass ich mich innerlich immer weiter entfernte. Ich las viel, manchmal fünfzig Bücher im Jahr. Die Bücher der Zeugen Jehovas zähle ich dabei ausdrücklich nicht mit, denn die habe ich so gut wie nie gelesen, außer wenn ich dazu gezwungen war. Was mich wirklich interessiert hat, war etwas ganz anderes: Fantasy, Rollenspiel, Science-Fiction. Genau die Art von Stoff also, die meine Eltern mir, hätten sie es wirklich durchschaut, nie erlaubt hätten. Das war keine geduldete Zeugen-Jehovas-Kost.
Ich habe mich nicht nur bei den Zeugen Jehovas wie ein Alien gefühlt. Nicht nur in der Schule. Ich habe mich oft sogar in meiner eigenen Familie so gefühlt, als gehöre ich dort eigentlich gar nicht hin. Als würde ich innerlich ganz woanders leben als die Menschen um mich herum.
Eine meiner wenigen kleinen Freiheiten waren Computerspiele. Ich hatte keinen normalen Fernseher mit Kabelanschluss in meinem Zimmer, das hätten meine Eltern nicht erlaubt. Aber ich hatte einen Fernseher, der nicht ans Netz angeschlossen war, keine Antenne hatte und auf dem ich spielen konnte. Auch das wurde für mich zu einer Art Fluchtweg. Nicht einfach nur Spielerei, sondern eine Gegenwelt. Eine Welt mit Fantasie, Möglichkeiten, Spannung, Freiheit. Etwas, das in meiner wirklichen Jugend oft fehlte.
Dazu kamen Bücher, Geschichten, fremde Welten. Ich habe mich in diese Dinge nicht nur aus Interesse gestürzt, sondern weil sie für mich eine Art innerer Ausweg waren. Dort war das Leben größer, freier, komplexer. Dort war nicht alles auf einige erlaubte Antworten zusammengeschrumpft. Ich glaube rückblickend, dass ich mich in dieser Zeit nicht einfach nur für Bücher und Spiele interessiert habe. Ich habe instinktiv nach einer Welt gesucht, in der ich atmen konnte.
Das war meine Traumwelt. Und sie war wichtig. Vielleicht sogar überlebenswichtig.
Von da an träumte ich während der Zusammenkünfte von anderen Welten, von Final Fantasy, Zelda, Shadowrun, Blade Runner und Dungeons and Dragons.

Natürlich war das alles aus Sicht der Zeugen Jehovas keine angemessene Kost. Es passte nicht in diese enge, kontrollierte, geistig flache Welt. Es war nicht das, was man dort für Kinder und Jugendliche wirklich wollte. Es wäre sogar als dämonisch oder satanisch bezeichnet worden, denn dort gab es oft Magie und Zauberei. Die Zeugen Jehovas fütterten ihre Kinder lieber mit Büchern, die gefüllt waren mit Darstellungen von der Vernichtung eines Großteils der Menschheit, Harmagedon oder Kain, wie er seinen Bruder erschlug.
Aber genau deshalb lief vieles davon heimlich und innerlich verborgen ab. Mein Leben als Zeuge Jehovas war ständig ein Doppelleben, schon als Jugendlicher. Aber wenn man ehrlich ist, hat fast jeder Zeuge Jehovas ein Doppelleben, der eine mehr, der andere weniger. Wer das bestreitet, belügt sich nur selbst. Schon früher hatte meine Mutter bei Spielzeug Waffen weggeworfen, wenn irgendwo welche dabei gewesen waren. Selbst solche Kleinigkeiten wurden moralisch gefiltert. Das sagt eigentlich schon alles.
Parallel dazu begann ich während meiner Lehrzeit instinktiv, mir außerhalb der Zeugen Jehovas einen kleinen Freundeskreis aufzubauen. Nicht mit großem Plan. Eher, weil ich es gebraucht habe.
In der Berufsschule hatte ich einen Freund, mit dem ich einiges unternommen habe. Rückblickend sehe ich darin etwas sehr Grundsätzliches: Wer sich aus so einer Gemeinschaft lösen will, braucht Menschen außerhalb. Man braucht Kontakte, Gespräche, Erfahrungen, die nicht unter der Kontrolle dieses Systems stehen. Sonst bleibt man innerlich gefangen, auch wenn man irgendwann körperlich geht. Das war auch die Zeit, in der mein Interesse für das andere Geschlecht begann. Mein Freund war Latino und verkörperte genau das, was ich nicht war: den lockeren, lebensfrohen, extrem extrovertierten Typ. Eigentlich erfüllte er genau das Klischee eines lateinamerikanischen Teenagers.
Wir wurden gute, später sogar beste Freunde. Ich weiß nicht, warum. Ich repräsentierte zu der Zeit nicht gerade das, was man unter einem coolen Jugendlichen verstehen würde.
Aber das Merkwürdige war: Auch er und auch keiner der anderen Freunde wussten lange, dass ich bei den Zeugen Jehovas war. Es war mir immer noch viel zu peinlich, darüber zu reden. Diese Scham saß tief. Ich wollte nicht wieder als komisch wahrgenommen werden. Nicht wieder der Sonderling sein. Nicht wieder der, bei dem sofort dieses seltsame Stigma mit im Raum steht.
Gerade deshalb ist mir eine spätere Reaktion bis heute im Gedächtnis geblieben. Ich hatte, als ich innerlich schon längst auf Distanz war und die Zusammenkünfte praktisch nicht mehr besucht hatte, einmal einem Mädchen erzählt, dass ich früher bei den Zeugen Jehovas war. Ich dachte, sie würde mich jetzt endgültig schräg ansehen. Ich rechnete damit, dass ich in ihren Augen sofort wieder der Außenseiter bin, der Typ mit der komischen Vergangenheit. Aber es kam völlig anders. Sie reagierte nicht mit Distanz, sondern mit Respekt. Sinngemäß sagte sie: Das ist ja krass. Dann musst du sehr stark gewesen sein, wenn du da raus gekommen bist. Das ist bewundernswert.
Mit so einer Reaktion hatte ich nie gerechnet.
Bis zu diesem Moment hatte ich über meine Geschichte selbst nie so gedacht. Für mich war das immer eher etwas Peinliches, etwas, das man lieber verschweigt, ein Makel in meiner Vita. Erst da merkte ich, dass andere Menschen darin auch etwas ganz anderes sehen können: nicht Schwäche, nicht Sonderbarkeit, sondern eine Last, aus der man sich erst einmal befreien muss.
In dieser Zeit veröffentlichten die Zeugen Jehovas auch das Buch „Fragen junger Leute – praktische Antworten“. Aus meiner heutigen Sicht ist das eines der gefährlichsten Bücher der Organisation. Für meine Mutter war es der ultimative Ratgeber für die Erziehung.
Für mich hatte dieses Buch keine Antworten auf meine Fragen und schon gar keine Lösungen für meine Probleme. Der Inhalt dieses Machwerks ist stark moralisierend, er arbeitet mit Schuldgefühlen, und die Probleme liegen immer bei einem selbst: an mangelnder Moral, Disziplin, Demut oder Gehorsam gegenüber Gott beziehungsweise der Organisation, was bei den Zeugen Jehovas am Ende auf dasselbe hinausläuft. Es hilft nicht, es rät nicht, es hat nur eine echte Funktion: die stärkere Bindung an die Gemeinschaft. Das ist dort die Lösung für alle Probleme, die Jugendliche haben.
Ich habe schon als Jugendlicher eine klare Anti-Haltung gegen dieses Buch entwickelt. Für mich war es nicht die Lösung, sondern ein Teil des Problems.
Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir ohnehin, dass nicht ich das Problem war, sondern dieses System.
Bei den Zeugen Jehovas lernt man früh dieses Bild vom schmalen, steinigen Weg und vom breiten, leichten Weg. Natürlich mit der Behauptung, sie selbst würden den schweren Weg gehen. Heute sehe ich das umgekehrt. Der leichte Weg ist oft der, auf dem einem alles fertig hingestellt wird: Moral, Grenzen, Antworten, Denken, Zugehörigkeit. Man muss nicht selbst ringen. Man muss keinen eigenen moralischen Kompass entwickeln. Man muss im Grunde nur folgen, wie es die Zeugen Jehovas tun. Kein eigenes Denken, kaum eigenes Gewissen, alles vorgegeben.
Der wirklich schmale und steinige Weg beginnt erst dann, wenn man aus so einem System herausgeht. Wenn man plötzlich selbst denken, selbst entscheiden, selbst Verantwortung tragen muss. Genau das ist schwer. Genau das ist anstrengend. Nicht das Mitlaufen.
Auch die Sprache innerhalb dieser Welt ist bezeichnend. Wer dazugehört, ist „in der Wahrheit“. Wer nicht dazugehört, ist ein „Weltmensch“. Schon in diesen Begriffen steckt eine ganze Ideologie. Allein da sollten bei jedem die Sektenalarmsirenen läuten.
Die eigene Gruppe ist nicht einfach eine Religion unter anderen, sondern die Wahrheit. Alles außerhalb ist die Welt. Allein darüber könnte man fast schon eine kleine psychologische Hausarbeit schreiben.
Meine Distanz zu den Zeugen Jehovas kam trotzdem nicht mit einem großen Knall. Es war eher ein schrittweiser Prozess. Manches geschah bewusst, manches unbewusst. Fast wie beim Rauchen aufhören: Die wenigsten hören einfach von heute auf morgen auf. Die meisten haben sehr viele letzte Zigaretten. Ja, auch dieses Laster hatte ich dann eine Zeit lang, wie man merkt, und auch hier kann ich aus Erfahrung sprechen, wenn ich sage: Lasst es sein.
Also, so ähnlich wie beim Rauchen war es bei mir auch mit den Zeugen Jehovas. Ich entfernte mich immer weiter. In kleinen Schritten. In inneren Verschiebungen. In immer klarerer Ablehnung.
Mit der Zeit wurde auch mein Leben außerhalb sichtbarer. Ich hörte Metal-Musik, fuhr Skateboard, interessierte mich für Graffiti, alles Dinge, die nun gar nicht zu einem Zeugen Jehovas passten. Ich verbrachte Zeit mit Menschen, die nicht in die Zeugen-Jehovas-Welt passten.
Ich verbrachte aus Sicht meiner Eltern zu viel Zeit mit meinen „weltlichen“ Freunden, war heimlich oft weg, trank hin und wieder Alkohol. Nicht, dass das bei den Zeugen Jehovas grundsätzlich ein Problem wäre. Exzessiver Alkoholkonsum ist zwar verboten, da er aber für manche die einzige erlaubte Möglichkeit ist, der Wirklichkeit ihres Gefängnisses zu entfliehen, kannte ich sehr viele Zeugen Jehovas, die viel und häufig Alkohol konsumierten.
Mit achtzehn bin ich früh von zu Hause ausgezogen. Das war nicht einfach nur ein organisatorischer Schritt, sondern Teil einer tieferen Loslösung. Das Verhältnis zu meinen Eltern war längst zerrüttet. Ich wurde älter, eigenständiger, schwieriger kontrollierbar. Irgendwann war klar, dass es so nicht weitergeht.
Aber vor allem für meine Eltern. Sie setzten mich quasi vor die Tür. Ich hatte einen Gesellenbrief, sie besorgten mir eine Wohnung, dann bekam ich den Schlüssel, und ich war auf mich allein gestellt.
So stand ich früh auf eigenen Beinen. Nicht, weil ich behutsam ins Leben entlassen worden wäre, sondern weil es gar keine andere Richtung mehr gab. Natürlich war das auch meine perfekte Gelegenheit auszubrechen.
Anfangs ging ich noch gelegentlich zu den Zusammenkünften. Dann immer seltener. Eigentlich waren es nur Wochen, wenn überhaupt ein paar Monate nach meinem Auszug. Und dann gar nicht mehr. Schon als Kind hatte ich sie gehasst. Später wurde daraus etwas noch Klareres: die nüchterne Gewissheit, dass ich mit all dem nichts mehr zu tun haben will. Nicht mit diesem Ton. Nicht mit dieser Gedankenwelt. Nicht mit dieser ständigen moralischen Überwachung.
Ich hatte dann auch meine ersten Beziehungen, was bei den Zeugen Jehovas natürlich problematisch gewesen wäre. Nicht die Beziehung selbst, aber Sex vor der Ehe. Spätestens da wusste ich, dass es für mich kein Zurück mehr gibt.
Ich würde sicher nicht vor zwei oder drei alten Männern Reue darüber zeigen, dass ich etwas getan habe, das zu den natürlichsten Dingen der Welt gehört. Und ich würde mich auch nicht intimen Fragen dazu aussetzen, nur damit diese Männer anschließend darüber urteilen, ob meine Reue aus ihrer Sicht ausreicht. Dazu kam: Ich bereute nichts davon.
So läuft das bei den Zeugen Jehovas, wenn man als „Sünder“ gilt: Dann bekommt man ein internes Gericht, ein sogenanntes Rechtskomitee, vor dem man Rede und Antwort stehen muss. Das sind immer zwei oder drei Männer, sogenannte Älteste. Und selbst wenn die betroffene Person weiblich ist, sitzen dort Männer, die dann unter Umständen intime Fragen dazu stellen, wie genau etwas passiert ist und mit wem. Allein das ist schon perfide genug.
Ich habe mich allerdings nie offiziell lossagen wollen. Ich habe keine Erklärung abgegeben. Ich habe mich nicht „geordnet verabschiedet“. Ich dachte mir: Warum sollte ich diesen Vollidioten auch noch die Genugtuung geben, so zu tun, als hätten sie irgendeinen Anspruch darauf, dass ich mich bei ihnen abmelde? Warum sollte ich ihnen diese Wichtigkeit überhaupt noch geben? Ich war diesen Menschen keine Rechenschaft schuldig.
Letztlich erfuhr ich, dass ich ausgeschlossen worden war, weil mich Mitglieder der Zeugen Jehovas in Uniform gesehen hatten. Auch das ist normal. Zeugen Jehovas werden regelmäßig dazu angehalten, „Sünden“ und „Vergehen“ anderer zu melden, ansonsten könnte es sein, dass man selbst zum Teilhaber der Sünde wird.
Natürlich wird es so verpackt, als sei es Hilfe. Man müsse den im Straucheln geratenen Schäfchen ja versuchen zu helfen, und das könnten am besten die weder psychologisch noch sonst in irgendeiner Weise pädagogisch oder soziologisch geschulten Ältesten. Die Lösung für das Problem ist fast immer eine Bestrafung und in jedem Fall: mehr in den Publikationen lesen, mehr predigen und ganz wichtig, immer treu der Organisation sein, denn Zweifel an ihr sind Schwäche.
Ihr fragt euch sicher: in was für einer Uniform?
Mit etwas über zwanzig hatte ich mir nämlich gewissermaßen eine Ersatzsekte gesucht: Ich wurde Soldat bei der Bundeswehr. Das meine ich nicht nur ironisch. Man glaubt gar nicht, wie gut das frühere Leben als Zeuge Jehovas in mancher Hinsicht zum Soldatsein passt. Auch dort gibt es Kleidervorschriften. Auch dort muss man Befehlen folgen, die einem nicht immer unmittelbar plausibel erscheinen. Auch dort wird auf Auftreten, Disziplin und Erscheinungsbild geachtet. Und auch dort greift die Institution tiefer ins Privatleben ein als in den meisten zivilen Berufen. Nicht ohne Grund hat man als Soldat in bestimmten Bereichen eingeschränkte Bürgerrechte und dafür besondere Pflichten.
Zeugen Jehovas dürfen weder Polizist noch Soldat oder Ähnliches sein. Sie zitieren hier sinngemäß Matthäus 26,52: Wer zum Schwert greift, wird auch durch das Schwert umkommen.
Natürlich ist die Bundeswehr keine Sekte. Aber bestimmte strukturelle Elemente – Hierarchie, Disziplin, klare Regeln, Anpassungsdruck – waren mir nicht fremd. Vielleicht konnte ich mich gerade deshalb dort überraschend gut eingliedern. Aber zumindest konnte ich hier selbst entscheiden, für wie lange ich mich verpflichte, und dort waren wenigstens mal Menschen, die ich auch aufgrund ihrer Moral und Haltung respektieren konnte. Ich wurde nämlich Sanitäter, habe sehr viele Nächte in der Notaufnahme verbracht und die Gelegenheit bekommen, Menschen wirklich zu helfen, im In- und Ausland, und das nicht dadurch, dass ich ihnen die ach so vermeintlich gute Botschaft predigte, sondern indem ich dabei geholfen habe, dass sie im Hier und Jetzt am Leben bleiben.
Und das Beste: Nach dem Ende der Dienstzeit wurde mir auch nicht alles genommen. Im Gegensatz zu meiner Zeit bei den Zeugen Jehovas sind einige meiner Freunde aus der Soldatenzeit immer noch als Freunde in meinem Leben, denn ihre Freundschaft war nicht an eine Bedingung geknüpft.
Aber ebenso wichtig war etwas ganz Praktisches: die Chance auf eine höhere Bildung, die bei den Zeugen Jehovas zu der Zeit noch verpönt war. Auch für meine Zeugen-Jehovas-Eltern war Bildung nie das Wichtigste. Ich glaube, sie wollten, dass ich nur eine dreijährige Ausbildung mache, damit sie mich dann schneller loswerden können. Wäre ich vorbildlicher im Glauben gewesen, wäre das vielleicht anders gewesen.
Wahrscheinlich wären sie stolzer auf mich gewesen, wenn ich Ältester geworden wäre. So musste ich mir meinen Weg selbst erarbeiten.
Allgemein war zu der Zeit aber ein höherer Bildungsweg bei den Zeugen Jehovas extrem negativ behaftet. Man sollte angesichts des bevorstehenden Harmagedons doch lieber Zeit mit der Gemeinschaft und vor allem mit dem Predigen verbringen. Bildung war Ablenkung und mit Gefahren verbunden.
Kurz gesagt: Das Soldatsein wurde damit auch zu einer Möglichkeit, mir später Weiterbildung und Studium überhaupt finanzieren zu können.
Es kam also, wie es kommen musste: Eine Zeugin Jehovas sah mich in Uniform, und damit war das Thema für die Organisation erledigt. Ich wurde offiziell ausgeschlossen. Ich habe später erfahren, dass es dazu eine kurze Bekanntgabe in der Versammlung gab. Ab diesem Zeitpunkt wissen dann alle aktiven Mitglieder, dass sie mit dieser Person keinen sozialen Kontakt mehr pflegen sollen.
Zu der Zeit war ich schon lange in jeder Hinsicht von dieser Gemeinschaft getrennt, sowohl emotional als auch in jeder sozialen Bindung.
Ich weiß noch sehr genau, wie sich der eigentliche Bruch mit den Zeugen Jehovas angefühlt hat. Das war lange bevor ich offiziell ausgeschlossen wurde. Als ich für mich klargemacht hatte, dass ich diese Zusammenkünfte nicht mehr besuchen würde, war das, als ob eine riesige Last von meinen Schultern genommen worden wäre. Ich fühlte mich frei. Ich wusste, ich würde von nun an erst einmal auf mich allein gestellt sein, aber das war mir egal. Ich wollte all das hinter mir lassen und ein neues Leben beginnen – mit der Gewissheit, nicht so zu enden wie meine Eltern oder die anderen wandelnden Einheitszombies. Keine Biene mehr im Bienenstock, sondern ein eigenständiges, solitär lebendes Wesen, das selbst Verantwortung für sein Leben übernimmt.
Ich vergleiche das bis heute gern mit dem Ende einer toxischen Beziehung. Und der Vergleich passt ziemlich gut. In einer toxischen Beziehung bleibt man oft viel zu lange, obwohl man längst spürt, dass einem etwas nicht guttut. Man zieht sie in die Länge, obwohl man innerlich schon auf Distanz gegangen ist. Nicht, weil sie gesund wäre, sondern weil man die Konsequenzen eines klaren Schnitts fürchtet. Genau so war es hier auch.
Man weiß irgendwann, dass ein Ende nötig ist. Aber man weiß auch, was dieses Ende kostet. Es kostet Bindungen. Es kostet vertraute Strukturen. Es kostet oft die eigene Familie. Und es kostet zunächst auch Sicherheit, weil man auf einmal ohne das geschlossene Denksystem zurechtkommen muss, das einen so lange umgeben hat. Gerade deshalb ziehen viele Menschen den Ausstieg hinaus. Nicht, weil das System so wahr wäre, sondern weil der Preis des Bruchs so hoch ist.
Denn das Ende hat Konsequenzen.
Bei den Zeugen Jehovas bedeutet dieses Ende oft, dass die Familie, soweit sie noch in der Gemeinschaft ist, den Kontakt abbricht oder auf ein absolutes Minimum reduziert. Genau so war es bei mir auch. Anfangs gab es noch etwas Kontakt. Aber im Laufe der Jahre wurde er immer weniger.
Es gab in diesen dreißig Jahren lange Phasen – bestimmt zehn oder fünfzehn Jahre –, in denen ich von meinen Geschwistern praktisch nichts gehört habe. Wenn überhaupt Kontakt zustande kam, dann wegen äußerer Anlässe. Etwa beim Tod meiner Eltern oder bei deren Pflegebedürftigkeit, als ich mich dann wieder um sie kümmern durfte.
Wenn ich heute meine Verwandten betrachte, die immer noch „in der Wahrheit“ sind, erfüllt mich das oft mit Trauer und Schwermut.
Und wieder: „in der Wahrheit“. Man ist „in der Wahrheit“ – oder in der Welt. Diese Sprache ist nicht harmlos. Sie strukturiert Denken. Sie schafft Zugehörigkeit und vor allem Abgrenzung. Sie erhebt die eigene Gruppe und entwertet alles außerhalb.
Die soziale Ächtung ist kein Ausnahmefall. Sie ist der Normalfall für Menschen, die diese Gemeinschaft verlassen. Man ist kein ehemaliger Zeuge Jehovas. Man ist ein Abtrünniger. Im besten Fall wird man bemitleidet und als geistig schwach oder krank betrachtet. Im schlimmsten Fall gilt man als Gefahr – als jemand, der von Satan geleitet wird. Da ich diese Seite betreibe, dürfte in meinem Fall eher Letzteres zutreffen.
Heute, mit einigen Jahrzehnten Abstand, sehe ich mein Leben sehr klar. Und ich kann sagen, dass ich mir ein freies, stabiles und im Vergleich sehr gutes Leben aufgebaut habe. Ich habe eine wunderbare Frau. Ich führe heute ein Leben, das ich ohne Übertreibung als privilegiert bezeichnen würde. Dafür bin ich dankbar. Nicht meinen Eltern, nicht Gott, sondern einfach dankbar, dass es mir so gut geht, weil ich weiß, dass es viele gibt, die nicht so viel Glück haben.
Gerade deshalb macht es mich traurig und schwermütig, wenn ich auf Teile meiner Verwandtschaft schaue, die bis heute bei den Zeugen Jehovas geblieben sind. Viele von ihnen wirken auf mich nicht freier, nicht leichter und sicher nicht glücklicher. Im Gegenteil. Ihr Leben ist oft schwer geworden, eng und belastet, geprägt von Entwicklungen, die vielleicht anders hätten verlaufen können, und oft auch von Depressionen überschattet. Viele haben ihr Leben nicht gut gelebt. In der Hoffnung, später ein ewiges Leben zu haben, wurde das jetzige Leben vielleicht unwichtig. Zeugen Jehovas, gerade jüngere, haben oft einen Slogan wie „best life ever“. Ich denke, weiter entfernt von der Realität könnte man kaum sein.
Meine Eltern haben bis ins hohe Alter und bis zu ihrem Tod nichts bereut. Sie waren überzeugt, das Richtige zu tun. Die Frage, die sich stellt, ist nur: Waren sie überzeugt, das Richtige für sich zu tun oder für ihre Kinder?
Ich habe mehr als einmal versucht, ihnen die Hand zu reichen. Sie wurde nicht ergriffen.
Vielleicht nicht immer so geschickt, wie ich es mit meinem heutigen Wissen tun würde. Trotzdem: Sie waren erwachsen, mündig, sie tragen die volle Verantwortung für ihr Handeln. Bei meinen Geschwistern hingegen tut es mir mehr leid. Aber falls sie mich jemals brauchen, werde ich da sein.
Deshalb ist mein Blick auf meine Vergangenheit und meine Familie heute nicht triumphierend. Eher traurig. Denn ich glaube, dass manches in ihrem Leben anders, freier und vielleicht auch besser hätte werden können. Nicht alles. Aber doch vieles.
Wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast oder gerade dabei bist, dich von den Zeugen Jehovas zu lösen –, dann schreib mir gern. Du bist nicht allein!
Euer Barnabas


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